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Wie Trump beim Golf betrügt:"Klingt besser"

Präsidenten als starke Männer

Trump 2019 mit dem japanischen Premier Shinzo Abe (Mitte) und dem Golfprofi Isao Aoki.

(Foto: picture alliance/dpa)

Komisch und bitter: Der Sportjournalist Rick Reilly porträtiert Donald Trump als dreisten Betrüger auf dem Golfplatz. Noch mehr erzählt sein Buch aber womöglich über uns.

Von Jens-Christian Rabe

Braucht die Welt noch weitere Bücher, die beweisen, dass ein notorischer Angeber und legendär unqualifizierter Lügner und Betrüger wie Donald Trump niemals hätte amerikanischer Präsident werden dürfen? Eher nicht. Einerseits. Andererseits werden sie den Verlagen diesseits und jenseits des Atlantiks aus den Händen gerissen, der Typ ist ja auch immer noch und tatsächlich - demokratisch gewählter - amerikanischer Präsident, der mächtigste Mann der Welt! Und dass er die kommende Wahl verliert, ist leider nicht zuletzt wegen diverser Eigenheiten des amerikanischen Wahlsystems nicht so unwahrscheinlich, wie man es sich wünscht. Demnächst erscheint sogar ein Buch über die Trump-Bücher, "What Were We Thinking", für das der Washington-Post-Literaturkritiker Carlos Lozada 150 Trump-Bücher analysiert hat.

Anders gesagt: Nach der vielgelobten moralischen Demontage von Trump durch seine Nichte, die Psychologin Mary L. Trump, die im August erschien, kommt nun "Der Mann, der nicht verlieren kann" von Rick Reilly, Bestseller-Autor und einer der bekanntesten Sportjournalisten der USA, auch gerade recht. Der englische Originaltitel, "Commander in Cheat", ist natürlich unschlagbar. Reilly hat sich für das Buch aber nicht im Weißen Haus umgehört, sondern in der Golfwelt, aus der er den besessenen Golfer und Golfplatz-Betreiber Trump seit 30 Jahren kennt. Auch von diversen persönlichen Treffen und Golfrunden mit ihm. Seine selbsterlebten und akribisch recherchierten Geschichten, sind so glaubwürdig und so aberwitzig, dass man es mindestens bis zur Hälfte kaum aus der Hand legen kann. Trumps Dreistigkeit beim - man kann das leider nicht anders nennen - Bescheissen sprengt auf deprimierende Weise alles, was man gemeinhin für möglich hält. Und ist, so wie es Reilly erzählt, doch auch unschlagbar unterhaltsam.

",Ach so!', sagte ich. ,Er lässt den Caddy für ihn bescheissen?' Der ganze Raum tobte vor Lachen.

Zum Beispiel die Geschichte, wie Reilly ihm einst zum ersten Mal begegnete. Bei einem Turnier, bei dem Amateure und Profis gemeinsam antreten. Trump habe an dem Tag nicht bloß schamlos unablässig über sich selbst gelogen, sondern auch "andauernd über mich": Er ging zu irgendeinem anderen Clubmitglied und sagte: "Das ist Rick. Er ist der Boss von Sports Illustrated." Bevor er habe widersprechen können habe ihn Trump weitergezerrt. Zum Vereinsschriftführer. Zum Vereinsküchenchef, den er mit den Worten vorgestellt habe: "Und das da ist mein Küchenchef. Er wurde zum besten Hamburger-Koch der Welt gewählt!" Als er in einem ruhigen Moment Trump gefragt habe, warum er ständig "Lügen über mich" verbreite, habe der nur gesagt: "Klingt besser." Dass Trump gewohnheitsmäßig mit seinen angeblich 18 Clubmeisterschaften und seinem für einen 72-Jährigen extrem niedrigen Handicap von 2,8 prahlt, bringt Reilly, bekennender Golf-Fanatiker alter Schule, dem es um die Ehre und nicht ums Gewinnen geht, so auf die Palme, dass er sich sogar ins Caddy-Haus von Trumps Club in Bedminster, New Jersey, wagt. Einig sind sich die Caddys dort, dass Trump ein für sein Alter außergewöhnlich guter Spieler ist, aber keinesfalls ein Handicap unter 3 habe. Bescheisst er also? "Plötzlich richteten sich die Blicke mit auffälligem Interesse auf die Vogelwelt vor dem Fenster. Ein Caddy hielt die Hand in die Höhe und sah mir direkt in die Augen. (...) ,Donald Trump bescheißt nie', sagte er, langsam und streng. (...) Zwinker. Starr. Zwinker. ,Ach so!', sagte ich. ,Er lässt den Caddy für ihn bescheißen?' Der ganze Raum tobte vor Lachen. Es folgte rund ein Dutzend Geschichten, wie der Betrug genau abläuft."

Stimmt also, was der Verlag behauptet, dass man aus dem Buch mehr lernen kann als aus jeder politischen Analyse? Nein, da ist einem in der Marketing-Abteilung der innere Trump durchgegangen. Aber wir können aus dem Buch mehr über uns selbst lernen als aus jeder politischen Analyse des Unwesens Trumps. Mehr womöglich sogar als uns lieb sein dürfte.

Von Reilly selbst gibt es das Geständnis, dass er Trump in derselben Weise mochte, wie "ich Batman mochte. Er war, wie in den Augen eines Achtjährigen ein Multimilliardär eben zu sein hatte". Seit er ihn kannte, habe er ihm nicht ein einziges Wort geglaubt, und er war auch immer sicher, dass sich Trump selbst kein Wort glaube: "Der war wie dieser verrückte Onkel, der dir bei der Familienfeier einen vom Pferd erzählt, wie er damals Frank Sinatra höchstpersönlich eine reingesemmelt hat, und deine Eltern sitzen in der Küche und verdrehen die Augen. Er hat immer bloß Mist verzapft, aber meistens irgendwie amüsanten Witz."

Sollte die Politik nicht noch viel ernster genommen werden als das Geschäft?

Der Golfplatzarchitekt Tom Fazio, der jede Menge schlechte Erfahrungen mit Trump gemacht hat, sagt an anderer Stelle Ähnliches: "Er ist so lustig. Ich liebe diesen Kerl. Er spinnt total. Niemals gibt er Ruhe. Er steckt so voller Energie. Er ist so komisch und einfach nicht zu bremsen."

An der bittersten - und wahrhaftigsten - Stelle des Buches geht es um die Geschichte von Juan Carlos Enriquez, Sohn kubanischer Einwanderer, der mit seiner Firma die Malerarbeiten bei der Renovierung eines Golfresorts Trumps in Miami erledigte. Ein großer Auftrag für den Unternehmer, sechsstellige Beträge. Am Ende habe ihm Trump noch 30 000 Dollar geschuldet, die aber einfach nicht kamen. Als er es wagte, nachzufragen, habe Trump geantwortet, dass er längst genug bezahlt habe. Auch den Vorschlag, bloß 26 000 Dollar zu bezahlen, schlug Trump aus. Enriquez wagte also, was wenige Kleinunternehmer wagen, und ging gegen Trump vor Gericht. Bald waren die Anwalts- und Verfahrenskosten zehnmal höher als der Streitwert, eine Niederlage hätte Enriquez' Ruin bedeutet. Nach drei Jahren, Ende 2017, gewann er jedoch und bekam deutlich über 300 000 Dollar zugesprochen - wovon der Großteil an seine Anwälte ging. Das ist allerdings noch gar nicht Reillys Pointe. Die geht so: "Aber jetzt kommt's. In der Zwischenzeit hatte Enriquez tatsächlich bei der Wahl für Trump gestimmt. ,Hey, Geschäft und Politik, das sind zwei Paar Stiefel', sagt er. ,Ich denke, er tut, was er versprochen hat.'"

Man zuckt da kurz entsetzt. Wie bitte? Sollte die Politik nicht noch viel ernster genommen werden als das Geschäft? Nicht, wenn man der Ansicht ist, dass es beim einen ums Geld geht, beim anderen aber bloß um die Show. Und man kann vieles über Trump sagen, aber nicht, dass er bislang nicht die ganz große Show abgezogen hat. Und das klingt ja auch super.

Rick Reilly: Der Mann, der nicht verlieren kann. Aus dem Englischen von Hans-Peter Remmler. Hoffmann & Campe, Hamburg 2020. 288 Seiten, 18 Euro.

© SZ vom 19.09.2020

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