Rigaer Straße Wie politisch sind Berlins Linksautonome?

Szene der gewalttätigen Demonstrationen vom 9. Juli: Anwohner der Rigaer Straße protestieren mit bengalischen Feuern auf dem Dach eines Hauses

(Foto: dpa)

Wer glaubt, den Hausbesetzern in der Rigaer Straße ginge es nur um sinnlose Gewalt, der irrt.

Von Paul Katzenberger

In Berlin brennt es. In nur einer Nacht standen letztens 17 Autos in Flammen oder wurden zerstört - in allen Ecken der Stadt: von Köpenick über Pankow, Prenzlauer Berg, Neukölln bis nach Steglitz. Die Autobrände sind oft Ausdruck der Wut linker Hausbesetzer und derer, die sich mit ihnen solidarisch erklären.

Was steckt hinter dem Protest? Ist es ein Aufschrei gegen die zunehmende Gentrifizierung, wie die Aktivisten sagen? Oder ist die Gentrifizierungskritik eine Deckvokabel für "willkürlichen Terror", wie es Berlins Innensenator Frank Henkel sagt? Viele vermuten blanken, sinnlosen Hass hinter den Anschlägen und machen ihre Annahme an drei Argumenten fest: Die Gewalt sei im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht mehr zielgerichtet, die Aktivisten seien weder kompromiss- noch dialogfähig und ihre Stimmungsmache maßlos. Doch so einfach ist es nicht.

Das Thema beschäftigt die Berliner Politik enorm, seit am 9. Juli in Friedrichshain die Gewalt bei einem Protestmarsch eskalierte. Die Demonstrierenden brachten ihre Wut über die Räumung der Hausbesetzerkneipe "Kadterschmiede" in der Rigaer Straße 94 vom 23. Juni hemmungslos zum Ausdruck. Die Bilanz: 123 verletzte Polizisten.

Seither waren immer wieder Parolen wie "R94 bleibt" an niedergebrannten Fahrzeugen hinterlassen worden. Die Strategie dahinter, laut Kommentaren auf linksunten.indymedia: Der Konflikt solle "dezentral" vorangetrieben werden, "für die Bullen unkontrollierbar und der reinste Albtraum".

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Manche verstehen diese Haltung als blinde Zerstörungswut, etwa der Extremismusforscher Rudolf van Hüllen von der Uni Passau: "Gewalt wird mehr und mehr als Event verstanden", sagte er dem Münchner Merkur. Linke Gewalt, sagt van Hüllen, sei üblicherweise an Ziele gebunden, die Leute protestierten gegen von ihnen empfundene Ungerechtigkeit, allerdings ohne Schäden im Übermaß anzurichten oder Unbeteiligte zu verletzen. "Nach meinem Eindruck sind der heutigen Szene diese ideologischen Grundsätze nicht mehr bekannt." Wüten die Autonomen also um der reinen Gewalt willen?

Van Hüllens Forscherkollege Klaus Schroeder von der Freien Universität widerspricht energisch: "Das ist Quatsch. Es gab immer schon Leute, die den Kick der Gewalt brauchten - damals wie heute. Die Strategien, die dahinterstecken, haben immer die gleiche politische Gewaltaussage: 'Wenn ihr nicht das macht, was wir wollen, dann erntet ihr Gewalt.'"

Mit dieser Drohung setzen die Beteiligten die Politik unter Druck, der Mechanismus, mit Gewalt zu drohen und wenn was passiert mit Gewalt zu antworten, damit man beim nächsten Mal ernst genommen wird, ist immer der gleiche. Ob in den Achtzigerjahren in Kreuzberg, in den Neunzigern in der Mainzer Straße oder jetzt in Friedrichshain.

Doch jetzt brennen Autos, was freilich den Umstand verdeckt, dass die Gewalt insgesamt inzwischen zurückgegangen ist, weil es nicht mehr so viele besetzte Häuser und deswegen nicht mehr so viele Gewalttäter gibt. Autos "abzufackeln" gilt in der Szene inzwischen als probates und effizientes Kampfmittel. Denn wer dabei aufpasst, wird kaum erwischt. Auf linksunten.indymedia wird die Taktik propagiert. Es müssten noch viele weitere Autos brennen, heißt es dort.