bedeckt München 16°

"Wie das deutsche Kaiserreich entstand":Bilder einer Blutgeburt

Eine Dresdner Ausstellung zeigt die Kriege, aus denen das Deutsche Reich entstand - und erweist sich dabei auch als bildgeschichtliches Ereignis.

Von Peter Richter

Jetzt liegt auch in Dresden ein Bismarck da, als sei er gerade erst gefallen: Die Nase fehlt, auch die Brust ist komplett durchlöchert. In dieser Form erinnert die Bronzebüste offen gesagt weniger an den berühmten Reichskanzler als an die namenlosen Opfer des Grabenkrieges, die der Maler Otto Dix in seinen Dresdner Jahren nach dem Ersten Weltkrieg so oft geschildert hat. Da war Otto von Bismarck zwar lange tot, aber seine Politik galt und gilt vielen letztlich auch als mitverantwortlich für diese Katastrophe.

Figur zwischen Hass und Verehrung – eine zerstörte Bismarck-Büste in der Ausstellung „Krieg Macht Nation“.

(Foto: MHM Dresden)

Und das wiederum macht es nur umso sehenswerter, wenn sich das Militärhistorische Museum der Bundeswehr hier jetzt in einer großen Sonderschau die drei einst als strahlend empfundenen Siege gegen Dänemark 1864, Österreich 1866 und schließlich Frankreich 1870/71 vornimmt, mit denen Preußen das deutsche Kaiserreich erzwang, gerade weil die von heute aus gesehen im Schatten der folgenden Weltkriege so vielsagend verdunkelt sind. Denn das ist auch eine Frage der Bilder, wozu nicht zuletzt eben die Massen an Bismarck-Porträts gehören, die zum Teil bis heute überall in Deutschland zu sehen sind, zum Teil nur eben nicht ganz so gut erhalten. Und während Sturz oder zumindest Schändung von Bismarck-Denkmälern heute auf einmal wieder eine Tagesaktualität ist, um gegen die Kolonialpolitik des Mannes zu protestieren, der nun ausgerechnet selber die längste Zeit kein Befürworter von Kolonien war, daher von Frankreich auch lieber Lothringen haben wollte als zum Beispiel Laos, währenddessen also bemerken sie in Dresden denkbar lakonisch, dass Bismarck immer schon nur von manchen sehr verehrt, von anderen hingegen sehr gehasst wurde - wie die malträtierte Büste mehr als deutlich macht.

Fotos von leichengleich zwischen Trümmern liegenden Statuen als Propagandawaffe eingesetzt

Man bekommt hier auch die ganz frühen Bismarck-Verächter zu sehen, den Sozialdemokraten Bebel, der von Leipzig aus die "Verpreußung" des Landes bekämpfte, oder jenen Grafen von Beust, der sich als sächsischer Gegenspieler Bismarcks sah, worauf dessen Truppen beim Einmarsch in Dresden in effigie vor allem an Villa und Weinkeller des inzwischen nach Wien emigrierten Grafen Rache nahmen. Vor allem bekommt man hier aber dem Ort entsprechend zu sehen, wie diese Truppen aussahen, wie elaboriert die Uniformen, Hüte und Barttrachten waren, die alles Militärische noch einmal als optisches Beeindruckungsspektakel inszenierten, bevor es sich ein halbes Jahrhundert später ins überwiegend Tarnfarbige verabschieden sollte. Noch versetzten Ulanen auf ihren hohen Pferden die Franzosen mit ihren langen Lanzen in Ehrfurcht und Schrecken. Aber schon stand mit der Mitrailleuse auch eine Vorform des Maschinengewehrs bereit. Die Ballung an Anschaulichkeit macht diese Ausstellung deshalb nicht nur zu einer Illustration der vielen Bücher, in denen man genauso gut nachlesen könnte, wie Preußen mit seiner Machtpolitik das "nation building" betrieb, wie militarisiert vor allem das Bürgertum war, wie kriegsentscheidend auch Modernisierungsleistungen wie die Volksbildung oder die Impfpflicht waren, von den Ressentiments, die die Beschwörung eines Nationalgefühls mit sich brachten, ganz zu schweigen.

Das bisher nie Gesehene ins Bild gefasst: die Erstürmung von St. Privat im Jahr 1870.

(Foto: MHM Dresden)

Sie ist aber nicht nur militär- und mentalitätsgeschichtlich aufschlussreich, sondern auch kunsthistorisch. Denn der frappierenden Gleichzeitigkeit von militärischer Tradition und Moderne entspricht die der bildgebenden Verfahren: Das Nebeneinander von reitenden Lanzenträgern und automatisierten Geschützen spiegelt sich in dem von heroischer Schlachtenmalerei und Dokumentarfotografie. Auf den Ölgemälden von Malern wie Johann Baptist Heinefetter sieht man noch einmal wogendes Wimmeln von Menschen, Wolken, Baumkronen, bildmittig sich aufbäumende Pferde und gezückte Offiziers-Säbel, die der dramatischeren Gebärde wegen vorwiegend im Rückhand-Slice geschlagen werden. Auf den frühen Lichtbildern sieht man die Folgen der modernen Artillerie-Kanonaden: fürs Foto strammstehende Soldaten neben Festungstrümmern. Manchmal wird diese Schwelle zwischen den Zeitaltern auch selbst zum Thema der Maler: Bei Wilhelm Alexander Meyerheim verfolgen preußische Husaren zu Pferde mit gezücktem Säbel die neuartigen französischen Ballons am Himmel. Denn diese Kriege brachten ganz offensichtlich auch die Herausforderung mit sich, das bisher nie Gesehene ins Bild zu fassen, seien es die neumodischen Luftstreitkräfte oder die für die Preußen exotischen Kolonialtruppen der Franzosen. Es häufen sich die Fälle, in denen Fotos von leichengleich zwischen Trümmern liegenden Statuen als Propagandawaffe eingesetzt werden. Und noch häufiger wird der Rückweg angetreten, von der Fotografie in Gemälde und Bildhauerei. Dann kann man zuschauen, wie aus dem ausgezehrten Greis, den man auf einem Fotoporträt von Bismarck auf seinem Stuhl eher hängen als sitzen sieht, allmählich erst der bauchige Turm mit Schnauzbart wird, mit dessen Bildnissen das neue Kaiserreich durchmöbliert werden sollte. Umso bemerkenswerter die Leistung von Adolph Menzel, als er den Kanzler überlebensgroß für die Berliner Siegesfeiern zu malen hatte und bei allem dafür üblichen Pomp erstaunlich nah an der fotografischen Wahrheit blieb.

Gemalte Schlachtenpanoramen gelten als populäre Vorläufer des Kinos

Eine verblüffende Kulmination von all dem ergibt sich dann auf dem heute fast völlig vergessenen, damals aber umso blühenderen Feld der Schlachtenpanoramen. "Ich bin glücklich und stolz, dass Louis ein Modemaler geworden ist, dessen Einkünfte die seiner Kollegen weit übersteigen", schreibt damals eine gewisse Marie Braun, Gattin eines der erfolgreichsten Maler, den heute keiner mehr kennt: Dieser war als Ludwig Braun in Schwäbisch Hall zur Welt gekommen und hatte nicht nur seinen Vornamen französisiert, er hatte in Paris bei Horace Vernet studiert, schließlich die in Frankreich aufgekommene Mode der Schlachtenpanoramen in Deutschland zum einträglichen Geschäft gemacht - mit Rundbildern, die Deutschlands Siege über Frankreich feierten, und zwar, man glaubt es kaum, als privatwirtschaftliche Unternehmung deutscher Tochterfirmen von wiederum französischen oder belgischen Panorama-Unternehmen. Für diese Rundumbilder wurden damals eigene Rundbauten errichtet, so auch auf der Prager Straße in Dresden, wo in der DDR wie als Echo aus der Spätmoderne das sogenannte Rundkino gebaut wurde.

Beeindruckungsspektakel: Preußische Zietenhusaren bei der Verfolgung eines französischen Ballons (1871).

(Foto: MHM Dresden)

Tatsächlich sind die Schlachtenpanoramen als populäre Vorläufer des Kinos gesehen worden und starben pünktlich mit dem Aufkommen des Films auch wieder aus. In den Jahren nach 1871 wurden sie aber überall präsentiert, viele von Louis Braun, der dafür teils nachträglich die Schlachtfelder besuchte, teils wie ein "embedded journalist" von heute auf Einladung der Armee die Kämpfe direkt beobachten durfte, die er dann so wiedergab, dass die Veteranen alles wiedererkannten und sich gleichzeitig heroisch fühlten. Von dieser speziellen Form des Realismus - meist mit Felsbrocken, Baumstümpfen oder Kanonen vor dem Leinwandrand, um es noch illusionistischer zu machen - hat sich so gut wie nichts erhalten. In die Kunstgeschichte eingegangen sind nur die sozialkritischen Varianten, nicht zuletzt aus Frankreich. Aber damals sah es anders aus: Während Gustave Courbet an den Kosten zugrunde ging, die er zu tragen hatte, nachdem er während der Pariser Kommune 1871 für den Sturz der Napoleonstatue auf der Place Vendôme verantwortlich gemacht wurde, malte sich sein deutscher Kollege Braun einen Reichtum zusammen, von dem er sich eine Burg kaufen konnte.

Braun überlebte nicht nur Courbet, sondern auch Bismarck, und als er 1916 in seiner Militaria-Sammlung starb, lag der junge Otto Dix bereits in den Schützengräben des nächsten Krieges gegen Frankreich und brachte Szenen zu Papier, die ihrer Drastik wegen dann nicht mehr Realismus genannt wurden, sondern Verismus. Allerdings tat er das freiwillig und mit wütendem Interesse, wie man hinzufügen muss. Denn am Ende führt diese beachtliche Dresdner Ausstellung in ihrer auf den ersten Blick etwas überladenen und dunklen Fülle mit Absicht auch das ästhetische Prinzip jener Jahre vor Augen, die man heute die Gründerzeit nennt, die ihren Prunk mit französischen Reparationen bezahlten, stuckverzierte Straßenzüge hervorbrachten, die nach den Siegen von Wörth, Metz, Belfort oder Spichern benannt waren, in denen sonntags patriotisch zum nächsten Bismarckturm und zurück gewandert wurde, die alten Herren in ihren Kriegervereinen das Bier aus wappenbepflasterten Gedenkhumpen an die große Zeit tranken, während die jungen, erdrückt von so viel siegestrunkenem Frieden, oft kaum erwarten konnten, dass es wieder von vorne losgeht, nur dann halt schlimmer.

Krieg Macht Nation - Wie das deutsche Kaiserreich entstand . Militärhistorisches Museum, Dresden. Bis 31. Januar. Katalog 48 Euro.

© SZ vom 07.08.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite