Wider die "Intelligenzplebejer" Zwickel gegen Monokel

Walter Schübler: Anton Kuh. Biographie. Wallstein Verlag, Göttingen 2018. 575 Seiten, 34,90 Euro.

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Anton Kuh war der beste Aphoristiker des 20. Jahrhunderts. Seine Freunde und Feinde der Wiener Kaffeehaus-Moderne waren allerdings lauter. Walter Schübler, Autor einer großen Biografie, tritt glücklicherweise hinter den Porträtierten zurück.

Von Fabian Wolff

Vor ein paar Jahren fand an der FU Berlin ein Symposium zum "jüdischen Witz" statt, das natürlich - noch nicht die Pointe - nicht wirklich witzig war. Die Anführungszeichen um das Thema waren dick gedruckt, trotzdem schlichen sich immer wieder Kitsch und Pathos ein, die dann des Saales verwiesen wurden. So traf es einen Vertreter des Jüdischen Museums Wien, der einen Vortrag über "Wiener und Berliner jüdische Künstler in Kabarett und Revue" hielt, und dabei alle zwischen gläubig und atheistisch, zionistisch und getauft, deutsch und österreichisch in einen großen Topf warf, aus dem dann "jüdischer Humor" gereicht werden sollte. Vor ihm saß der große amerikanische Germanist Sander Gilman, der nach dem Vortrag ansetzte: "Ich möchte mich für diese Parodie auf einen Antisemiten, der glaubt, trennscharf zwischen Deutschen und Juden unterscheiden zu können, vielmals bedanken! Die war köstlich!", gefolgt von der Muah-Geste, die Leute machen, wenn sie einen italienischen Chefkoch imitieren.

Der Schriftsteller, Journalist und Redner Anton Kuh, einer jener Künstler, die der Museumsmann hatte ehren wollen, hätte viel aus dieser Szene gemacht. Für genauen Spott war er einerseits immer zu haben, andererseits bestand er in scharfer Abgrenzung darauf, "Jud" zu sein, "ohne das wehrhaft-pathetische Suffix e".

Diese Selbstpositionierung, eine Karriere zwischen Wien, Prag, Berlin und New York, Freund- und Feindschaft mit den Größen der Wiener Kaffeehaus-Moderne - Kuhs Leben und Werk bietet genug Substanz für eine Biografie, die der österreichische Literaturwissenschaftler und Kuh-Forscher Walter Schübler nach einer Werkausgabe 2016 jetzt endlich geschrieben hat. Endlich jedenfalls für jene, die wissen, dass es sich um den besten Aphoristiker deutscher Sprache im 20. Jahrhundert handelt, vielleicht um den witzigsten Schreiber seiner Generation. Alle anderen kennen Kuh, wenn überhaupt, als Nebenfigur.

Dass Kuh ("alle Witze schon gemacht") das Potenzial zur beredten, manchmal geschwätzigen Hauptfigur hat, belegt Schübler schon mit einer fulminanten Eröffnung, in der er Selbst- und Fremdbeschreibungen montiert, die von seinem "bekennenden Neurasthenikertum", seinem sanft prätentiösen Monokel und seinem betont jiddelnden Deutsch zeugen. Natürliches Dandytum verbindet sich mit einer Grundwiderständigkeit, die Ausdruck in seinen Artikeln und Essays findet, aber vor allem in legendären Stegreifreden.

Kuh improvisiert, entwickelt spontane Gedanken zu kulturellen und philosophischen Themen, verbindet sie mit vorformulierten Ideen und hat stets im Blick, ob sich das Publikum langweilt. Man kann ihn als Ahnen von amerikanischem Stand-up sehen, von Lenny Bruce und Richard Pryor. Das wäre jedenfalls die Art von großer These, die Schübler eben nicht aufstellt.

"Aber das ist ja der Knacks: die sich heut' noch ,geächtet' nennen, wer ächtet sie?"

Kuh, schon als Jugendlicher ambitioniert, spricht von einer Wedekind-Kindheit. Sein Vater war der Zeitungsredakteur Emil Kuh, sein Großvater, David Kuh, heroischer Vertreter des Liberalismus in Prag. Schübler lässt Kuh von einem verwirrenden Besuch einer Statue für den Großvater auf dem Prager Friedhof erzählen, mit der Inschrift "Alle Ehre von der Treue kommt". "Leitartikler vorgeschrittenen Alters musterten mich missratenen Erben des Liberalismus, inwieweit ich durch den Ausspruch bewegt würde. Es war eine Luft um uns von Rütlischwur und Ritterschlag. Soviel Pathos war ich nicht gewachsen - ich entlief den Pionieren des Deutschtums in ein tschechisches Beisl." Schübler setzt diese Erinnerung an den Anfang (in eine Fußnote), denn eine bessere Urszene lässt sich kaum denken: die innerlich-äußere Physiognomik als Typologie ("Leitartikler"), die Abneigung für falsche Erhabenheit und patriotischen Dünkel, schließlich die fast zärtliche Missbilligung, die nie ganz in Verachtung umschlägt, für all jene Juden, die so gerne richtige Deutsche wären.

Der "stolze, gedemütigte Jecke" (wie Maxim Biller, der harte Hund, einst den Historiker Peter Gay nannte, nicht unbedingt treffend), der gute Bürger mosaischen Glaubens, der Deutschland liebt, Goethe liest, wie selbstverständlich sein Leben im Ersten Weltkrieg opfert und das böse Unheil nicht kommen sehen will - er ist inzwischen selbst ein Klischee geworden wie der wandernde wurzellose Ahasver, der keine Heimat findet. Es gab in ganz Europa Juden, die ihr Jüdischsein nicht verleugneten, nicht ablegen oder vergessen wollten, aber auch keine Zionisten waren. Kuh war einer von ihnen.

Schübler macht nicht viel aus diesen Dramen, vielleicht das Österreichischste an diesem Buch. Aber er nimmt sie als Motiv ernst, das sich durch Kuhs gesamtes Werk zieht, sein Leben sowieso, und viele Freundschaften und Feindschaften erklären kann. Die bekannteste ist die Fehde mit Karl Kraus, Herausgeber und über Jahrzehnte alleiniger Autor der "Fackel".

Es ist nicht schwer, sich die amerikanische Sachbuchversion dieser Geschichte vorzustellen: Zwickel gegen Monokel - Kraus, Kuh und der Streit, der Wien entzweite. Begonnen hatte er mit Kraus' Versuch, den Herausgeber Imre Békessy zu "erledigen", ihn wegen seines halbseidenen Vorgehens und der Boulevardmethoden seiner Zeitung "Die Stunde" aus Wien zu treiben. Tatsächlich wird sein Anzeigenchef 1926 wegen Erpressung verhaftet, Békessy ist gerade auf Kur und geht nach Paris. Kraus feiert sich als Retter der Stadt. Kuh ist einer der Autoren der "Stunde". Er nimmt sich Kraus, "den mit den roten Hefterln", im als Protokoll erhaltenen Vortrag "Der Affe Zarathustras" vor, auf den Kraus - was trifft, trifft zu - mit einer Beleidigungsklage reagiert.

Es ist ein bemerkenswertes Dokument, eine grundsätzliche Zerlegung von Kraus als "Intelligenzplebejer" und seines fanatischen Publikums, darunter Elias Canetti und Bruno Kreisky. Eine Zuschauerin will für Kraus Partei ergreifen, worauf Kuh mit "Die Kraus-Verehrung der Frauen gehört tatsächlich nur vor den Arzt, sie gehört nicht mehr vor mein Tribunal" reagiert. Schübler erwähnt diese außergewöhnliche Szene leider nicht. Es ist einer der seltenen Momente, in der einem der Hauptakteure der Wiener Moderne auffällt, dass Misogynie, ob als verwissenschaftlichter Frauenhass von Otto Weininger oder einfach als Selbstverständlichkeit, quasi eine Hintergrundmusik der Zeit ist. Kraus pfeift sie schrill in der "Fackel", auch Kuh summt sie gelegentlich.

Über Kraus hat der Historiker Arno Lustiger einmal geschrieben, dass es kein Wunder sei, dass ihm, der einst den Rassentheoretiker Houston Stewart Chamberlain publiziert hatte, "zu Hitler nichts einfällt". Kuh deutet etwas ähnliches an, als er vor seinem Vortrag ob des fanatischen Tumults der Hefterl-Jünger bemerkt: "Ich sehe leider: ob Hitler, ob Karl Kraus - es ist dasselbe." Schübler sieht sich hier ausnahmsweise genötigt, kurz zu intervenieren, und zu versichern, dass Kuh die beiden keineswegs vergleichen wollte.

Kuh zu lesen bedeutet, die Farben Braun und Schwarz in neuen Schattierungen zu sehen

Einen Beleidigungsprozess gegen die Biografie könnte Kraus eh nicht mehr anstrengen, er stirbt im Juni 1936, einen Monat vor Beginn des Spanisches Bürgerkrieges. Kuh lebt nach 1933 wieder in Wien, flieht nach dem Anschluss, schafft es bis nach New York und stirbt dort 1941 an einem Herzinfarkt. Alma Mahler-Werfel, wahrlich keine Freundin des Typs, den Kuh verkörpert, bemerkt, "dass jetzt alles einen grauen Ton bekommt."

Kuh zu lesen bedeutet, wenigstens die Farben Braun und Schwarz in neuen Schattierungen zu sehen. Als Chronist des aufkommenden Faschismus, der früh die Verbindung von Bürgertum, Deutschtum und autoritärer Politik erkannte, hat Kuh so große Verdienste wie als Aphoristiker, in seinen besten Momenten ist er beides, mit Echo ins Heute. In einer Besprechung des Romans "Die Geächteten" des Rathenau-Mörders Ernst von Salomon schreibt er: "Aber das ist ja der Knacks: die sich heut' noch ,geächtet' nennen, wer ächtet sie?"

Es ist natürlich etwas, österreichisch oder jiddisch gesprochen, narrisch, Literatur aus der Welt von Gestern lesen zu wollen, um auf Zeitgenossen zu stoßen. Trotzdem ist Kuh ungewöhnlich heutig: als von Auftrag zu Auftrag lebender Pointenkünstler wie als moralischer Diasporit und Kritiker, der darauf besteht, anders als die Deutschen zu sein. Kuh führte ein Leben auf der Flucht vor der Kartoffel. Schübler spricht das nicht aus, so wie er die großen Diskurse aus Kuhs Zeit sowieso eher im Hintergrund belässt. Aber er lässt es - vielleicht teuerster Verdienst einer Biografie - Kuh selbst aussprechen.