Facebooks "Widely Viewed Content Report":Alles nur harmloser Schrott?

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Die meistgesehenen Links auf Facebook sind nichts als Spam? Der Konzern verwirrt mit seinem "Widely Viewed Content Report".

(Foto: Dado Ruvic/Reuters)

Facebook veröffentlicht einen "Widely Viewed Content Report" und erntet damit Staunen und Gelächter. Unabhängige Beobachter aber werden ausgesperrt.

Von Michael Moorstedt

Man vermag sich ja gar nicht vorzustellen, wie groß Facebook mittlerweile ist. Das Netzwerk hat inzwischen beinahe drei Milliarden Nutzer weltweit und mehr als die Hälfte davon - auch das ist beinahe unvorstellbar - nutzen es jeden Tag. Man will sich gar nicht vorstellen, was all die Menschen dort treiben.

Im Idealfall hätte all die dort verbrachte Zeit aber doch auch einen Nutzen. Was für Erkenntnisse über die menschliche Natur ließen sich daraus gewinnen? Was könnte das tägliche Treiben der drei Milliarden für Einblicke in die Abgründe und Höhenflüge unseres Daseins gewähren? So viele Träume, Bedürfnisse und Befindlichkeiten.

Weil aber die Realität nur sehr selten etwas mit dem Idealzustand zu tun hat, war es für unabhängige Beobachter schon immer schwer, einen objektiven Einblick in das kollektive Geschehen auf Facebook zu bekommen. Man musste sich mit speziellen Softwarewerkzeugen behelfen, mit denen sich analysieren lässt, welche Art von Inhalten die Nutzer am häufigsten teilen und liken, Engagement heißt das dann branchengemäß.

Diese unabhängigen Statistiken haben immer wieder gezeigt, dass es mit den Höhenflügen nicht ganz so weit her ist. Personen und Inhalte, mit denen am häufigsten interagiert wird, rekrutieren sich zu einem überwältigenden Teil aus der rechtskonservativen Filterblase. Reaktionäre Scharfmacher rangieren weit über den sogenannten Mainstream-Medien.

Weil man den Verdacht, doch nichts weiter als eine Echokammer der Rechten zu sein, auf Seiten von Facebook ungern stehen lassen will, veröffentlicht das Unternehmen nun vierteljährlich seinen eigenen Bericht. Der sogenannte "Widely Viewed Content Report" soll ein umfassendes Bild darüber abliefern, welche Inhalte wirklich am häufigsten gesehen werden.

Facebook will sich nicht unabhängig analysieren lassen - und blockiert die Zugänge

Kommentatoren rieben sich nach der Lektüre verwundert die Augen. Zum einen, weil statt der rechten Seiten nur vermeintlich harmlose Domains wie Youtube, Amazon oder gar Unicef an höchster Stelle rangierten. Die Diskrepanz erklärt sich dadurch, dass Facebook andere Metriken anwendet, statt Engagement, so das Netzwerk, gehe es vielmehr um "Reach", also Reichweite. Schnell kam der Verdacht auf, dass Facebook sich die Dinge so hindrehe, wie es gerade angenehm erscheint.

Auch die Rangliste der weltweit am häufigsten angesehenen Links barg eine Überraschung. Sie enthielt nicht mehr als Spam. Mal für einen Hanf-Versand, ein betuliches Rezepteblog, für einen erzchristlichen Klamottenladen oder - auf Nummer Eins - für eine obskure Fanseite eines American Football Teams.

Als ob das nicht alles ohnehin schon grotesk und befremdlich genug wäre, kommt der größte Lacher allerdings gleich im ersten Satz des Reports. "Transparenz ist ein wichtiger Bestandteil all unserer Arbeit bei Facebook", heißt es da. Das ist gleichermaßen witzig und infam, weil doch erst in der jüngsten Zeit mehreren Wissenschaftlern der Zugang zu den Analyse-Tools abgedreht wurde. Zunächst waren zwei Forscher der New York University betroffen, die den Zusammenhang zwischen gezielten Werbeanzeigen und politischer Radikalisierung der Nutzer untersuchen wollten. Auch die privaten Nutzerkonten der US-Wissenschaftler wurden deaktiviert.

Am vorvergangenen Freitag erwischte es dann das in Berlin angesiedelte Projekt Algorithmwatch. Hier wollte man, unter anderem in Kooperation mit der Süddeutschen Zeitung, etwa herausfinden, nach welchen Kriterien der Sortieralgorithmus der Facebook-Tochter Instagram Inhalte an die Nutzer ausspielt und gewichtet. Noch vor der Veröffentlichung von ersten Ergebnissen drohte das Netzwerk mit rechtlichen Schritten. Deshalb, so schreiben die Initiatoren nun, hätte man "beschlossen, das Projekt zu beenden und alle gesammelten Daten zu löschen".

© SZ/kni
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