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Wichtige Werke:"Mir gefällt es, dass es dieses Jahr keinen Literaturnobelpreis gibt"

Orhan Pamuk

Von einem Autor namens Samuel Beckett habe ich das erste Mal gehört, als er den Nobelpreis bekam. Das war 1969 und ich war siebzehn. Danach habe ich ihn voller Bewunderung gelesen. Dasselbe gilt für Solschenizyn, Canetti, Saramago. Man könnte sogar Saul Bellow und Octavio Paz auf die Liste setzen. Aber viele Autoren habe ich auch schon gelesen, bevor sie den Preis erhalten haben, und je älter ich werde, desto häufiger kommt das vor.

Michael Kumpfmüller

Mir gefällt es, dass es dieses Jahr keinen Literaturnobelpreis gibt. So kann man als Leser mal kurz innehalten, überlegen, welche Preisträger man kennt und wann man sie gelesen hat, vorher oder nachher.

Der letzte Russe, der ihn bekommen hat, ist Joseph Brodsky, und ich mag ja die Russen - ihre Schriftsteller und Komponisten, Dostojewski und Schostakowitsch, um nur diese zu nennen, die paar Städte und Landschaften, die ich kenne, in Moskau meinen wunderbaren Übersetzer Mikhail.

Beim Wiederlesen von Joseph Brodskys Erinnerungen an Leningrad habe ich viel an ihn gedacht; während des Zweiten Weltkriegs ein Kind, hat dieser wie Brodsky Stalin und Hitler überlebt, in verschiedenen Städten zwar, aber im selben Geist, dieser unnachahmlichen Mischung aus Witz und Melancholie, die typisch jüdisch oder russisch oder einfach nur menschlich ist und einen gleichzeitig zum Lachen und Weinen bringt.

Joseph Brodsky wurde 1987 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, und fast kommt es mir seltsam vor, dass ich seine Erinnerungen an Leningrad besitze. Wahrscheinlich hat sie mir jemand zu Weihnachten geschenkt, denn auf dem Titelblatt habe ich - das war mir mit Mitte zwanzig wichtig - das Datum 28. Dezember 1987 notiert, daneben die laufende Nummer meiner Bücher: 1100.

Ohne Zweifel habe ich das Buch gelesen, denn es gibt ein paar Bleistiftmarkierungen, gleich im zweiten Absatz die Stelle: "Ich erinnere mich an ziemlich wenig aus meinem Leben, und das, woran ich mich erinnere, ist wenig zwingend." Genau das ist Brodskys Thema. Die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses, wie kümmerlich es seine Arbeit macht, und warum sie trotzdem notwendig ist, einen Versuch wert, obwohl es beim Versuch bleiben muss.

Brodsky ist Mitte vierzig, als er seine Erinnerungen an Leningrad schreibt. Seine Eltern sind gerade kurz nacheinander gestorben, er hat sie seit seiner Ausbürgerung 1972 nicht mehr gesehen; man hat sich am Telefon einmal die Woche "auf animalische Weise" gegenseitig seiner Existenz versichert, aber der Rest ist Abwesenheit, Verlust, unüberbrückbare Ferne.

Davon handelt Brodskys bescheiden-nachdenkliches Buch, wobei der erste Teil der komischere und grimmigere, weil dezidiert antikommunistische ist, während sich der zweite szenenartig auf die Rekonstruktion einer sowjetischen Kindheit in den Vierzigerjahren konzentriert.

Nun könnte man fragen: Was interessiert uns heute die Sowjetunion? Die Sowjetunion ist zum Glück Geschichte, aber die bohrenden und überraschenden Fragen Brodskys bleiben. Gegen Ende heißt es an einer Stelle: "Ich möchte behaupten, dass man letzten Endes von seinen Eltern über seine eigene Zukunft, sein eigenes Altern etwas erfahren will; man will von ihnen auch die allerletzte Lektion erfahren: wie man stirbt."

Diese allerletzte Lektion bleibt aus. Und wie bei allen Lektionen, die ausbleiben bzw. unerträglich sind, entsteht eine Lücke oder auch Leere, die man wie Brodsky allenfalls mit Sprache füllen kann, aber eben nie ganz.

Edoardo Albinati

Im Jahr 1992 ging der Nobelpreis für Literatur an den Dichter Derek Walcott, der auf Santa Lucia, einer kleinen Antilleninsel zwischen karibischem Meer und Atlantik geboren wurde. In Italien kannte ihn so gut wie niemand, also machten sich die Zeitungen verzweifelt auf die Suche nach Informationen, und vor allem suchten sie irgendeinen Text von ihm, den sie rasch veröffentlichen könnten. So kam zum Vorschein, dass die erste (und wahrscheinlich bis dahin einzige) Übersetzung eines seiner Gedichte aus dem Englischen ins Italienische von mir stammte. Sie war einige Jahre zuvor in den "Nuovi Argomenti" erschienen, der ruhmreichen Zeitschrift, die von Alberto Moravia geleitet wurde. Es handelte sich um eine sehr schöne, träumerische Elegie, voller Wellen und Meeresvögel, von der ich in Erinnerung habe, dass der Dichter darin an einem gewissen Punkt seine rechte Hand, die sich beim Schreiben in der Sonne erwärmt, mit einem Krebs vergleicht, der aus seiner Höhle herauskriecht und träge seine langen Scheren ausfährt. Ich weiß nicht mehr, ob ich dieses Gedicht in irgendeiner Zeitschrift aufgespürt oder ob mich irgendjemand darauf hingewiesen hatte, ob diese Übersetzung für mich damals ein persönliches Vergnügen oder eine Auftragsarbeit war. Man lernt viel beim Übersetzen, man lernt, in anderen Sprachen zu lesen und in der eigenen zu schreiben.

Wie dem auch sei, jedenfalls haben sich an jenem Tag mein Name und der des Nobelpreisträgers Derek Walcott unauflöslich verknüpft, weil sie auf derselben Seite einer Tageszeitung standen, und das ist wahrscheinlich der Höhepunkt meines Ruhms gewesen, zusammen mit zwei weiteren unvergesslichen Momenten. Der erste Moment war der, als ich meine Übersetzung von "Der Sturm" abgab und sie aus irgendeinem bürokratischen Grund als Werk von "Albinati/Shakespeare" (genau so, in alphabetischer Reihenfolge!) verzeichnet wurde. Der zweite, als auf der ersten Seite des "Corriere della Sera" ein Artikel unter dem Titel "Die großen Ausgeschlossenen der Enzyklopädie" oder so ähnlich erschien, in dem die Namen einiger Schriftsteller genannt wurden, die in der neuesten Ausgabe des "Treccani", des bedeutendsten und einflussreichsten italienischen Nachschlagewerks, keinen eigenen Eintrag erhalten hatten. Unter diesen Ausgeschlossenen befand sich auch mein Name, Seite an Seite mit dem von Stephen King. Zum Teufel, Stephen King! Dem Verfasser des Artikels erschien es als ein Skandal, dass die Enzyklopädie den vielleicht meistgelesenen Autor der Welt nicht ihrer Aufmerksamkeit für würdig gehalten hatte - und meine Wenigkeit. Oh, es war eine enorme Genugtuung, gemeinsam mit dem Autor von "The Shining", "Carrie", "The Dead Zone" und "Misery" ignoriert zu werden.

Damals lernte ich, dass man vom Abglanz des Ruhmes lebt, oder besser gesagt, dass der wahre Ruhm der ist, der nicht nur den einen Autor umstrahlt, sondern vor allem seine Umgebung, so wie eine Fackel mit ihrem Licht ja nicht sich selbst erhellt, sondern die Welt, von der sie umgeben ist. Die Übersetzer, die Leser leben in diesem Licht und werden von ihm erwärmt. Und so bleibe ich dem großen Derek Walcott und seiner Hand, die einem Krebs gleicht, für immer etwas schuldig. Denn er hat sich, ohne es zu wissen, und nur dieses einzige Mal, von mir in meiner sanften, italienischen Sprache hin und herwiegen lassen.

Übersetzungen von Marie Schmidt, Lothar Müller und Felix Stephan.

© SZ vom 04.10.2018/doer

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