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Wichtige Werke:"Alles in allem bringt ein Literaturnobelpreis mehr Nutzen als Schaden"

A general view of the Nobel Banquet in Stockholm

Eine Alternative zu diesem Preis gibt es nicht: Nobelpreis-Bankett in Stockholm 2009.

(Foto: REUTERS)

Heute hätte der Literaturnobelpreis­ verliehen werden sollen. Sechs Autorinnen und Autoren erzählen, was ihnen der Preis bedeutet - und wen sie ohne ihn nie gelesen hätten.

Weil die Schwedische Akademie, in deren Aufgabenbereich die Verleihung des Literaturnobelpreises fällt, derzeit in einem Skandal um Vergewaltigungen, Vetternwirtschaft und Vertuschung untergeht, wird der Preis in diesem Jahr ausgesetzt. Ob er diese Krise überlebt, ist derzeit kaum vorherzusehen. Vor ein paar Tagen erst hat der ewige Favorit Haruki Murakami darum gebeten, ihn fortan nicht mehr zu berücksichtigen. Der Verlust des Nobelpreises wäre immens, eine vergleichbare Auszeichnung gibt es nicht. Um ein Bild davon zu bekommen, was sie bedeutet, haben wir internationale Schriftsteller die Frage gestellt, welche Autoren sie ohne den Nobelpreis nie gelesen hätten. Hier sind die Antworten.

T. C. Boyle

Das Werk der Nobelpreisträger der letzten Zeit war mir in den meisten Fällen vertraut, José Saramago, Nagib Mahfuz und Herta Müller aber waren mir neu, und es nicht unwahrscheinlich, dass ich nie in den Genuss ihrer Werke gekommen wäre, hätten sie den Preis nicht bekommen (andererseits wurden einige unserer größten Schriftsteller, die mich stark beeinflusst haben - Vladimir Nabokov, John Updike, Graham Greene, Bernard Malamud und Italo Calvino - nie ausgezeichnet). Aber wenn ich unter all diesen bewundernswerten Autoren, auf die ich erst durch den Nobelpreis aufmerksam wurde, einen auswählen müsste, wäre es Isaac Bashevis Singer. Als er 1978 den Preis bekam, versuchte ich gerade, meinen eigenen Weg als Schriftsteller zu finden. Ich war fasziniert von den lateinamerikanischen Autoren des Magischen Realismus - Borges, Cortázar, Asturias, García Márquez -, und Singers Geschichten wirkten wie eine Offenbarung. Bei ihm gab es europäische (und nordamerikanische) Erzählungen wie etwa "Der Spinozist", die genau so direkt und unmittelbar waren wie jene folkloristischen Geschichten, die die Lateinamerikaner aus einer vollkommen anderen Tradition heraus entwickelt hatten, und ihr Surrealismus und ihre Magie waren ein Schlüssel zu der ästhetischen Unruhe der Sechziger und Siebziger. Mehr noch, sie erreichten ihre Eindringlichkeit und ihr historisches Momentum, indem sie eine Art fiktives Archiv einer verschwundenen, ausgelöschten Zivilisation schufen, und jenen eine Stimme verliehen, die keine Stimme hatten.

Annie Ernaux

Die Frage nach dem Nobelpreis ist relevant, aber ich sehe mich keine zwei Absätze über ihn schreiben. Da wäre höchstens die Tatsache, dass er uns offener macht für andere als unsere Nationalliteraturen - und andere als westliche Literatur, im besten Fall. Sollte ich durch den Nobelpreis jemals Schriftsteller entdeckt haben, von denen ich noch nie gehört habe, dann waren das auf jeden Fall nicht die wenigen damit ausgezeichneten Schriftstellerinnen. Die kannte ich schon, bevor sie ihn bekamen, weil Frauen in diesem wie in anderen Bereichen ihre Arbeit und ihr Talent stärker unter Beweis stellen müssen, um anerkannt zu werden. Das dürfen Sie gerne drucken.

Terézia Mora

Dass es den Literaturnobelpreis gibt, eröffnete sich mir als Zehnjährige anlässlich der Verleihung an Elias Canetti. Mir schwant, ich habe es in den Abendnachrichten im österreichischen Fernsehen gehört. Wenig später tauchte "Die bewahrte Zunge" in unserem Haushalt auf, angeschafft von meiner Mutter, die, wie mir im Laufe der Jahre dann klar wurde, folgende Bücher jedes Jahr kaufte: jeweils die Jahresanthologie der Gedichte und Erzählungen des Jahres, den neuen Esterházy, wenn es einen gab, und den Nobelpreisträger, sobald er auf ungarisch erschien. "100 Jahre Einsamkeit" von Gabriel G. Márquez kaufte ich mir allerdings selbst, mit einem Gutschein für gute schulische Leistungen. Spielte es eine Rolle, dass es der Nobelpreisträger war? Das kann weder bestätigt, noch dementiert werden.

Ich erinnere mich, dass ich zusammen mit diesem Buch noch zwei weitere kaufte, nämlich "Der Tod eines Bienenzüchters" von Lars Gustafsson und "Unter dem Astronautenmond" von John Updike, und ich würde bis heute auf keins davon verzichten wollen. William Golding (Nobelpreis 1983) muss wieder von meiner Mutter gekauft worden sein. Das schließe ich erstens daraus, dass es plötzlich da war, und ich zweitens mehrere Anläufe brauchte, bevor ich "Der Herr der Fliegen" zu Ende lesen konnte. Der Nobelpreis war mir egal, aber die ungarische Ausgabe war in der Reihe "Meisterwerke der Weltliteratur" erschienen und das nahm ich mir zu Herzen. Wenn etwas ein Meisterwerk war, dann konnte das Scheitern nur an mir liegen. Und tatsächlich! Dass jedes meiner ersten Erwachsenenbücher eine echte Entdeckung war, muss auch damit zusammenhängen, dass ich gleich "oben" einstieg. Gleich bei den Meisterwerken. Ich denke, das lag daran, dass meine Mutter nie Unterhaltungsliteratur las. Fiel ihr gar nicht ein. Und so fällt es auch mir nicht ein.

Als Toni Morrisons "Salomons Lied" 1986 in Ungarn erschien, war sie noch keine Nobelpreisträgerin. Ich kaufte das Buch, weil es mir gefiel - und es wurde zum wichtigsten Buch für die nächsten Jahre, neben den Romanen Samuel Becketts, von dem ich gar nicht wusste, dass er Preisträger war. Ich hatte mal wieder einen Büchergutschein, und wieder reichte er für drei Bücher: Morrison, Hans Falladas "Kleiner Mann - was nun?" (der mich, wie alle Romane Falladas, bis heute aufrecht hält) und Becketts "Molloy", "Malone stirbt" und "Der Namenlose" in einem Band. Mittlerweile war ich 16 und brauchte für Morrison und Fallada jeweils nur einen Anlauf (den ich dann noch zehn Mal wiederholte), während ich mir die Aufgabe gab, jeden Tag 15 Seiten im Beckett lesen zu müssen, weil ich anfangs so gut wie nichts verstand. Zu dieser Zeit wollte ich nicht Schriftstellerin sein. Ich trainierte, eine gute Leserin zu sein. Das erschien mir einfach wichtig. Eine Fertigkeit, die der Mensch besitzen sollte. Ich wollte verstehen.

Im Grunde las ich von Anfang an um mein Leben, aber ganz besonders als Teenager und als Studentin, und dabei war es ganz egal, wer gerade welchen Preis bekommen hatte. Wer beschäftigt sich in so jungen Jahren schon mit so etwas? Wenn ich mir die Liste so anschaue, bekam ich gar nicht jeden Preisträger mit, und wenn, dann hatte ich ihn oder sie meist schon gelesen.

Der erste Name, den ich zuvor noch nicht gehört hatte, war 2003 der von J. M. Coetzee. Und, ja, ich las ihn, weil er der aktuelle Nobelpreisträger war und ich, mittlerweile selbst Schriftstellerin, eine gewisse Verpflichtung fühlte, mich informiert zu halten. Aber vor allem, weil ich für ein Buch, das ich gerade schrieb, aus "Schande" und aus "Warten auf die Barbaren" etwas über den Skandal der Gewalt unter den Menschen erfahren wollte - und ich habe etwas darüber erfahren. Vor allem, wo meine persönlichen Grenzen im Ertragen und im Herstellen von Gewalt in einem Text liegen. Und so geht es seitdem weiter. Jemand bekommt den Nobelpreis oder bekommt ihn nicht (nur beinahe), und ich lese sie (generisches Femininum), weil sie etwas geschrieben hat, das mich darüber hinaus interessiert, und dann erfahre ich etwas über mich und über die Welt und eventuell über das Schreiben. Alles in allem bringt ein Literaturnobelpreis mehr Nutzen als Schaden, und ich finde es schade, dass er wegen menschlicher Schwäche dieses Jahr nicht vergeben wird. Andererseits ist das immer noch besser, als einen schwachen Preis zu vergeben. Und die Literatur, die gute, läuft ja nicht weg.

"Mir gefällt es, dass es dieses Jahr keinen Literaturnobelpreis gibt"

Orhan Pamuk

Von einem Autor namens Samuel Beckett habe ich das erste Mal gehört, als er den Nobelpreis bekam. Das war 1969 und ich war siebzehn. Danach habe ich ihn voller Bewunderung gelesen. Dasselbe gilt für Solschenizyn, Canetti, Saramago. Man könnte sogar Saul Bellow und Octavio Paz auf die Liste setzen. Aber viele Autoren habe ich auch schon gelesen, bevor sie den Preis erhalten haben, und je älter ich werde, desto häufiger kommt das vor.

Michael Kumpfmüller

Mir gefällt es, dass es dieses Jahr keinen Literaturnobelpreis gibt. So kann man als Leser mal kurz innehalten, überlegen, welche Preisträger man kennt und wann man sie gelesen hat, vorher oder nachher.

Der letzte Russe, der ihn bekommen hat, ist Joseph Brodsky, und ich mag ja die Russen - ihre Schriftsteller und Komponisten, Dostojewski und Schostakowitsch, um nur diese zu nennen, die paar Städte und Landschaften, die ich kenne, in Moskau meinen wunderbaren Übersetzer Mikhail.

Beim Wiederlesen von Joseph Brodskys Erinnerungen an Leningrad habe ich viel an ihn gedacht; während des Zweiten Weltkriegs ein Kind, hat dieser wie Brodsky Stalin und Hitler überlebt, in verschiedenen Städten zwar, aber im selben Geist, dieser unnachahmlichen Mischung aus Witz und Melancholie, die typisch jüdisch oder russisch oder einfach nur menschlich ist und einen gleichzeitig zum Lachen und Weinen bringt.

Joseph Brodsky wurde 1987 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, und fast kommt es mir seltsam vor, dass ich seine Erinnerungen an Leningrad besitze. Wahrscheinlich hat sie mir jemand zu Weihnachten geschenkt, denn auf dem Titelblatt habe ich - das war mir mit Mitte zwanzig wichtig - das Datum 28. Dezember 1987 notiert, daneben die laufende Nummer meiner Bücher: 1100.

Ohne Zweifel habe ich das Buch gelesen, denn es gibt ein paar Bleistiftmarkierungen, gleich im zweiten Absatz die Stelle: "Ich erinnere mich an ziemlich wenig aus meinem Leben, und das, woran ich mich erinnere, ist wenig zwingend." Genau das ist Brodskys Thema. Die Unzuverlässigkeit des Gedächtnisses, wie kümmerlich es seine Arbeit macht, und warum sie trotzdem notwendig ist, einen Versuch wert, obwohl es beim Versuch bleiben muss.

Brodsky ist Mitte vierzig, als er seine Erinnerungen an Leningrad schreibt. Seine Eltern sind gerade kurz nacheinander gestorben, er hat sie seit seiner Ausbürgerung 1972 nicht mehr gesehen; man hat sich am Telefon einmal die Woche "auf animalische Weise" gegenseitig seiner Existenz versichert, aber der Rest ist Abwesenheit, Verlust, unüberbrückbare Ferne.

Davon handelt Brodskys bescheiden-nachdenkliches Buch, wobei der erste Teil der komischere und grimmigere, weil dezidiert antikommunistische ist, während sich der zweite szenenartig auf die Rekonstruktion einer sowjetischen Kindheit in den Vierzigerjahren konzentriert.

Nun könnte man fragen: Was interessiert uns heute die Sowjetunion? Die Sowjetunion ist zum Glück Geschichte, aber die bohrenden und überraschenden Fragen Brodskys bleiben. Gegen Ende heißt es an einer Stelle: "Ich möchte behaupten, dass man letzten Endes von seinen Eltern über seine eigene Zukunft, sein eigenes Altern etwas erfahren will; man will von ihnen auch die allerletzte Lektion erfahren: wie man stirbt."

Diese allerletzte Lektion bleibt aus. Und wie bei allen Lektionen, die ausbleiben bzw. unerträglich sind, entsteht eine Lücke oder auch Leere, die man wie Brodsky allenfalls mit Sprache füllen kann, aber eben nie ganz.

Edoardo Albinati

Im Jahr 1992 ging der Nobelpreis für Literatur an den Dichter Derek Walcott, der auf Santa Lucia, einer kleinen Antilleninsel zwischen karibischem Meer und Atlantik geboren wurde. In Italien kannte ihn so gut wie niemand, also machten sich die Zeitungen verzweifelt auf die Suche nach Informationen, und vor allem suchten sie irgendeinen Text von ihm, den sie rasch veröffentlichen könnten. So kam zum Vorschein, dass die erste (und wahrscheinlich bis dahin einzige) Übersetzung eines seiner Gedichte aus dem Englischen ins Italienische von mir stammte. Sie war einige Jahre zuvor in den "Nuovi Argomenti" erschienen, der ruhmreichen Zeitschrift, die von Alberto Moravia geleitet wurde. Es handelte sich um eine sehr schöne, träumerische Elegie, voller Wellen und Meeresvögel, von der ich in Erinnerung habe, dass der Dichter darin an einem gewissen Punkt seine rechte Hand, die sich beim Schreiben in der Sonne erwärmt, mit einem Krebs vergleicht, der aus seiner Höhle herauskriecht und träge seine langen Scheren ausfährt. Ich weiß nicht mehr, ob ich dieses Gedicht in irgendeiner Zeitschrift aufgespürt oder ob mich irgendjemand darauf hingewiesen hatte, ob diese Übersetzung für mich damals ein persönliches Vergnügen oder eine Auftragsarbeit war. Man lernt viel beim Übersetzen, man lernt, in anderen Sprachen zu lesen und in der eigenen zu schreiben.

Wie dem auch sei, jedenfalls haben sich an jenem Tag mein Name und der des Nobelpreisträgers Derek Walcott unauflöslich verknüpft, weil sie auf derselben Seite einer Tageszeitung standen, und das ist wahrscheinlich der Höhepunkt meines Ruhms gewesen, zusammen mit zwei weiteren unvergesslichen Momenten. Der erste Moment war der, als ich meine Übersetzung von "Der Sturm" abgab und sie aus irgendeinem bürokratischen Grund als Werk von "Albinati/Shakespeare" (genau so, in alphabetischer Reihenfolge!) verzeichnet wurde. Der zweite, als auf der ersten Seite des "Corriere della Sera" ein Artikel unter dem Titel "Die großen Ausgeschlossenen der Enzyklopädie" oder so ähnlich erschien, in dem die Namen einiger Schriftsteller genannt wurden, die in der neuesten Ausgabe des "Treccani", des bedeutendsten und einflussreichsten italienischen Nachschlagewerks, keinen eigenen Eintrag erhalten hatten. Unter diesen Ausgeschlossenen befand sich auch mein Name, Seite an Seite mit dem von Stephen King. Zum Teufel, Stephen King! Dem Verfasser des Artikels erschien es als ein Skandal, dass die Enzyklopädie den vielleicht meistgelesenen Autor der Welt nicht ihrer Aufmerksamkeit für würdig gehalten hatte - und meine Wenigkeit. Oh, es war eine enorme Genugtuung, gemeinsam mit dem Autor von "The Shining", "Carrie", "The Dead Zone" und "Misery" ignoriert zu werden.

Damals lernte ich, dass man vom Abglanz des Ruhmes lebt, oder besser gesagt, dass der wahre Ruhm der ist, der nicht nur den einen Autor umstrahlt, sondern vor allem seine Umgebung, so wie eine Fackel mit ihrem Licht ja nicht sich selbst erhellt, sondern die Welt, von der sie umgeben ist. Die Übersetzer, die Leser leben in diesem Licht und werden von ihm erwärmt. Und so bleibe ich dem großen Derek Walcott und seiner Hand, die einem Krebs gleicht, für immer etwas schuldig. Denn er hat sich, ohne es zu wissen, und nur dieses einzige Mal, von mir in meiner sanften, italienischen Sprache hin und herwiegen lassen.

Übersetzungen von Marie Schmidt, Lothar Müller und Felix Stephan.

© SZ vom 04.10.2018/doer

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