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"Whiplash" im Kino:Stoff für Dramen

Aber auch der Drill, der Sport, der Wille zur Höchstleistung bietet ja Dramen genug. Denn die dunkel bedrohliche Macht, die sich da im Kellergang der ersten Szene auf Andrew zubewegt, ist niemand anders als sein künftiger Lehrer, sein designierter Folterknecht, seine Nemesis. Plötzlich steht er da, noch ganz im Dunkeln, und Andrew erschrickt. Dann erst tritt Terence Fletcher, ausgestattet mit dem herrlichen Knautschgesicht des großen Nebenrollen-Veteranen J. K. Simmons, ins Licht.

Oscar-Nominierungen 2015

Unkonventionell und menschlich

"Sie wissen, wer ich bin?", fragt er. Andrew nickt heftig und sagt: "Yes, Sir." "Dann wissen Sie auch, dass ich nach Musikern suche?" Wieder ein strammes "Yes, Sir". Dann ein leiser Vorwurf: "Warum hören Sie dann auf zu spielen?" Woraufhin der Schüler in wildem Übereifer auf sein Schlagzeug eindrischt, eine Showeinlage mit geschlossenen Augen, um danach erwartungsfroh wieder aufzuschauen, in ein unbewegtes Gesicht. Über das nun Spuren von Mitleid und Sadismus huschen. "Ich habe Sie gefragt, warum sie nicht weiterspielen - und Sie verwandeln sich in einen Aufziehaffen?"

Schon dieser erste Austausch setzt brillant den Ton, die Dynamik dieser Beziehung. Da ist der junge Mann, der sich öffnen muss, der in seinem Ehrgeiz total verwundbar ist. Und da ist der Lehrer und Bandleader, der ihn immer wieder auflaufen lässt. Manchmal ermutigt er ihn, nur um ihn danach umso brutaler auseinanderzunehmen; manchmal fordert er ihn musikalisch, manchmal traktiert er ihn mit den kleinlichsten Regeln wie auf dem Kasernenhof, manchmal spielt er ihn gegen seine Mitstudenten aus, einmal wirft er auch einfach einen Stuhl nach ihm.

Die schädlichsten Wörter der englischen Sprache: "good job"

Und Andrew verliert nach und nach alles: seine Arroganz, seine Selbstachtung, schließlich seinen Studienplatz - und von seiner Freundin trennt er sich gleich freiwillig, denn die ist ja doch nur ein Hindernis auf dem Weg zur Perfektion.

Glaubt man Fletcher, der wegen seiner grausamen Methoden schließlich selbst gefeuert wird, ist das alles ein notwendiger Prozess - eben das Tal der Tränen, durch das man auf dem Weg zu wahrer Größe hindurchrobben muss. Die beiden schädlichsten Wörter der englischen Sprache, erklärt er einmal, seien "good job": Hätte etwa Charlie Parkers strenger Mentor im falschen Augenblick ein Lob ausgesprochen, statt dem disziplinlosen Charlie wütend ein Becken an den Kopf zu werfen, wäre der junge Parker niemals zu "Bird" gereift.

Was also tut ein Lehrer, der belanglose Ermutigungen ausspricht und auch sonst viel zu nett ist? Er lässt nicht nur seine Schüler im Stich, sondern er begeht praktisch ein Verbrechen an der ganzen Menschheit - sollte ein neuer "Bird" seinen Weg kreuzen.

Atemloses Duell auf offener Bühne

Der größte Triumph von "Whiplash" ist, dass der Film diese absolut angreifbare Theorie mit starker Überzeugungskraft auflädt und schließlich in ein atemloses Duell auf offener Bühne überführt. Dort ist der Schüler endlich soweit, dem Lehrer-Monster in Todesverachtung zu trotzen. Das ist mitreißend inszeniert, man wird selbst zum Gläubigen, und J. K. Simmons schafft es, die Figur des Fletcher mit einer so durchschlagenden Autorität auszustatten, dass Zweifel an seiner Brillanz nie aufkommen. Das ist wirklich eine starke Leistung - der Oscar als bester Nebendarsteller scheint ihm sicher.

Die Schlüsselfrage, wie man einer der wirklich Großen wird, stellt sich am Ende aber auch für die beiden jungen Männer in diesem Unternehmen - für den 27-jährigen Hauptdarsteller Miles Teller und den dreißigjährigen Autor und Regisseur Damien Chazelle. Talent haben sie beide im Überfluss, da gleichen sie dem Helden ihrer Geschichte - zugleich aber geht es gerade darum, dass Talent allein nicht reicht.

Miles Teller hat Schlagzeug spielen gelernt und trommelt um sein Leben, Damien Chazelle hat jedes große Duell studiert, das die Filmgeschichte zu bieten hat. Aber haben sie auch selbst begriffen, was sie da erzählen, sind sie mehr als clevere Streberschüler? "Whiplash" enthält diese Möglichkeit - die Wahrheit aber kann nur in einem Werk liegen, das jetzt erst noch folgen muss.

Whiplash, USA 2014 - Regie und Buch: Damien Chazelle. Kamera: Sharone Meir. Musik: Justin Hurwitz. Mit Miles Teller, J. K. Simmons. Sony, 107 Min.