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Kino:Was wirst du tun, wenn die Welt brennt?

Filmstill

Protagonisten in Roberto Minervinis Dokumentarfilm "What You Gonna Do When the World's on Fire?": Ronaldo, vierzehn Jahre alt, und sein jüngerer Bruder Titus.

(Foto: Verleih)

Roberto Minervini kam mit fertigen Ideen nach New Orleans. Dann hörte er den starken Stimmen der Schwarzen einfach zu und drehte einen Film über systematische Unterdrückung - und den Widerstand dagegen.

Von Philipp Stadelmaier

Die Geschichte der Mardi Gras Indians in Louisiana reicht ins 18. Jahrhundert zurück, als geflüchtete Sklaven von indigenen Stämmen aufgenommen wurden und eine neue gemeinsame Kultur begründeten. Noch heute tragen sie aufwendig produzierte Kostüme beim Karneval durch die Straßen von New Orleans. Während der Parade schleift Ronaldo, vierzehn Jahre alt, seinen jüngeren Bruder Titus durch eine Geisterbahn, vorbei an klapprigen Gerippen und schaurigen Geräuschen. Der Kleine weint, aber er hat keine Wahl. Ronaldo trägt ein T-Shirt mit Stars and Stripes, das lädt die Szene symbolisch auf: zwei Schwarze Jungs im Horrorkabinett der Vereinigten Staaten von Amerika. Der Bruder wird sich daran gewöhnen müssen.

"What You Gonna Do When the World's on Fire?", so lautet der Titel dieses vielfach ausgezeichneten, schwarz-weißen Dokumentarfilms des Italieners Roberto Minervini. Sein erster Film hieß "The Other Side" und dokumentierte die verarmte weiße Bevölkerung im Süden der USA, diese "andere Seite" des Landes, die Trump zum Wahlsieg verholfen hat. Sein Anschlussprojekt sollte sich zunächst um die Musik der Dreißigerjahre in Louisiana drehen. Stattdessen entstand ein Porträt der schwarzen Community in den ehemaligen Südstaaten und der systematischen rassistischen Gewalt, der sie ausgesetzt ist. Die Welt steht in Flammen - das gilt umso mehr für das Jahr der Ermordung George Floyds und der Ausweitung der "Black Lives Matter"-Proteste.

Es gibt in Minervinis Film keine Experteninterviews, keinen Kommentar, keinen musikalischen Gefühlsteppich - nur nacktes Leben und authentische Stimmen. Zum einen sind da Ronaldo und Titus, die bei ihrer strengen alleinerziehenden Mutter leben. Der Vater ist, ebenso wie drei Cousins und so viele andere, im Gefängnis - eine Erinnerung an den überproportionalen Anteil von inhaftierten Schwarzen in den USA. Dann gibt es die Mitglieder der New Black Panther Party for Self Defense, die Essen für Obdachlose verteilen, Protestaktionen gegen Polizeigewalt organisieren und das Viertel gegen den Ku-Klux-Klan verteidigen, der in der Gegend immer wieder rassistische Morde begeht und Hakenkreuze auf Autos und Bäume schmiert. Bei ihren Treffen diskutieren sie über den Zusammenhang zwischen Siedlerkolonialismus und Kapitalismus sowie über weitreichende Reparationen für Verschleppung und Versklavung: Die Antwort auf radikales Unrecht kann nur eine Forderung nach radikaler Gerechtigkeit sein.

Für echte Trauerarbeit hat niemand Zeit, die Leute sind zu sehr mit Überleben beschäftigt

Im Zentrum des Films aber steht Judy Hill, eine fünfzigjährige Barbesitzerin aus New Orleans, die im Zuge der Gentrifizierung ihres Viertels die Miete nicht mehr zahlen kann und vor dem Ruin steht. Eine wort- und klagegewaltige Frau, von der Minervini in die Community eingeführt wurde. Sie singt, veranstaltet politische Gesprächsrunden, besucht ihre alte Mutter. Vor allem pflegt sie die seelischen Wunden, die Armut und Rassismus bei ihren Freunden hinterlassen haben. Die Sexarbeiterin, mit der sie über Drogen und sexuelle Gewalt spricht, nimmt sie am Ende weinend in den Arm und sagt: "Shoot one for me" - "nimm eine Spritze für mich mit." Judy, die früher selbst drogenabhängig war, weiß genau, dass der Schmerz des Kollektivs, dem sie angehört, nur betäubt, nie wirklich geheilt werden kann. Dazu sind die Wunden zu tief. Für echte Trauerarbeit hat niemand Zeit, die Leute sind zu sehr mit Überleben beschäftigt.

Auf einer Versammlung spricht Judy mit erstickter Stimme über eine Technik aus den Zeiten der Sklaverei: Ein Sklave wird öffentlich misshandelt oder hingerichtet, vor den Augen der anderen, um die Leute ängstlich und gefügig zu machen. Dieser "Respekt" vor den Weißen ist noch immer tief in uns eingeschrieben, sagt Judy. Den Beweis dafür liefert eine spätere Szene. Nachdem später Ronaldo während eines nächtlichen Streifzuges von der Polizei aufgeschnappt wird, sagt ihm seine Mutter, er habe hoffentlich "seine Lektion gelernt" und würde sich ab sofort von Ärger fernhalten. Die Lektion für die Zuschauer ist eine andere: Der Polizeiapparat steht in der Tradition alter Einschüchterungs- und Disziplinierungspraktiken.

Nichts geschieht für die Kamera, niemals trifft ein Blick aufs Objektiv

Diese drei Ebenen - die Brüder, die Panthers, Judy und Judys Mutter - verwebt Minervini zu einer gemeinsamen Erfahrungswelt, die vom Schwarz-Weiß der Bilder in eine zeitlose Dimension gerückt wird. Alle sind Teil eines uralten, historischen Kontinuums der Gewalt, der systematischen Unterdrückung der Schwarzen und ihres Widerstands dagegen. Die Protagonisten bilden dabei auch ein Spektrum der Lebensalter ab, das von den Kindern über die fünfzigjährige Frau zur greisenhaften Alten reicht. Wie alt ist die Geschichte der Unterdrückung? Sie dauert schon seit mehreren Jahrhunderten. Und sie ist so alt wie jedes einzelne Subjekt, das in sie hineingeboren wird und in ihr altert.

Minervini ist viel gelobt worden für die Nähe zu den porträtierten Personen, die sich intim und vertrauensvoll äußern. Doch die wahre Kraft seines Films entsteht im Gegenteil eher aus dem Abstand zwischen der Kamera und den Gefilmten. Nichts geschieht für die Kamera, niemals trifft ein Blick aufs Objektiv, niemand richtet sich jemals an Minervini, den weißen privilegierten Filmemacher, der sich der Realität schwarzen Lebens sensibel annähert, doch niemals dieselben Erfahrungen machen wird wie seine Protagonisten. Er wird nie ganz verstehen, was er da filmt - und hat gerade dadurch die richtige Distanz gefunden.

What You Gonna Do When the World's on Fire? Italien / Frankreich / USA, 2018. Regie, Buch: Roberto Minervini. Kamera: Diego Romero. Schnitt: Marie-Hélène Dozo. Mit Judy Hill, Ronaldo King, Titus Turner. Grandfilm, 123 Minuten.

© SZ vom 23.07.2020/tmh
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