Neues Album von Weyes Blood:Flammen gegen die Dunkelheit

Lesezeit: 2 min

Neues Album von Weyes Blood: "Wir haben keine Zeit mehr für Angst": Sängerin Weyes Blood alias Natalie Mering.

"Wir haben keine Zeit mehr für Angst": Sängerin Weyes Blood alias Natalie Mering.

(Foto: Neil Krug)

Das neue Album von Weyes Blood flüstert einem ins Ohr, dass die Welt gerade zerbröckelt. Nur, um sofort mit dem Trösten zu beginnen.

Von Lennart Brauwers

Und wenn dann alles ganz dunkel ist, also im metaphorischen Sinne, werden Herzen zu Taschenlampen. Zumindest heißt es so im Titel des neuen Albums von Natalie Mering alias Weyes Blood - frei übersetzt. Schöne Vorstellung. Wobei so ein Herz natürlich nicht einfach so leuchtet. Laut Künstlerin braucht es dafür erst das Übliche: Mitgefühl, ein oder zwei Schutzengel, selbstverständlich auch Liebe. Batterien, sozusagen. Womit man eigentlich auch direkt bei dem angekommen wäre, was diese Songs sein sollen.

Vorher aber ein schneller Rückblick. "And in the Darkness, Hearts Aglow" ist nämlich als zweiter Teil einer verflochtenen Trilogie konzipiert. Es lohnt also, den Vorgänger, "Titanic Rising", noch mal zu betrachten - ein Werk unter anderem über die unschönen Auswirkungen von Technologie auf Kopf und Klima, und die Frage, ob Dating heute nur noch eine weitere Form von Konsum ist. Vor allem das dazugehörige Plattencover war beeindruckend: Zu sehen ist die Südkalifornierin in ihrem alten, bis zur Decke mit Wasser überschwemmten Kinderzimmer. Im Angesicht des möglichen Ersaufens macht sie allerdings einen erstaunlich gelassenen Eindruck. Genau genommen schaut sie sogar recht unerschrocken in die Kamera.

Die passende Erklärung dazu gibt es jetzt auf dem aktuellen Album: "We don't have time anymore, to be afraid", singt sie da im fantastischen "Children of the Empire". Keine Zeit für Angst also. Zeit für Taten.

Und vorher ein kurzer Schockmoment: Die 34-Jährige bemerkt in dem Song zunächst mal "So much blood on our hands", also jede Menge Blut an unseren Händen - könnte ein Kommentar auf die Schuld an der menschengemachten Apokalypse sein. Und dann aber auch sofort die Erlösung: Akustikgitarre & Co. setzen keine Minute später aus und für ein paar Sekunden ist da nur ein Meer aus lebensbejahenden Beach-Boys-Gesangsharmonien. Ein hoffnungsvolles "Alles ziemlich mies gerade, aber wird schon" verbirgt sich zwischen den Schichten dieser wundervollen Arrangements. Vor allem für Liebhaber von Laurel-Canyon-Folk der frühen Siebziger. Joni Mitchell, die Meisterin des Verbindens von Wohlfühl-Melancholie und observierender Seriosität, ist als Einfluss auf Weyes Blood unüberhörbar.

Zeitgenössischer Realitätssinn und nostalgischer Eskapismus: Viel mehr geht doch nicht

Allerdings stehen die todernsten Themen auf dem neuem Album noch offensiver im Vordergrund als auf "Titanic Rising". Mering singt von der Desillusionierung angesichts der chaotischen Weltveränderungen und davon, dass das Schlimmste erst noch ansteht. Die Vintage-Pop-Untermalung dazu ist wieder unaufdringlich, warm, beruhigend fast. Eine Harfe weht hin und wieder durch die Arrangements. Markante, nicht sehr gewöhnungsbedürftige Akkordwechsel stehen ihr dabei im Weg. Dazu eine Stimme, die im absolut klassischen Sinne schön ist.

Das Album klingt damit, als wollte es einem ins Ohr flüstern, dass die Welt gerade zerbröckelt, nur, um sofort mit dem Trösten zu beginnen. Zeitgenössischer Realitätssinn und nostalgischer Eskapismus, gleichzeitig. Viel mehr konnte man doch eigentlich noch nie machen.

Der interessanteste Track ist trotzdem einer, der von der Formel des restlichen Albums abweicht - wenn auch nur subtil. Statt einem handgeschmeichelten Retro-Schlagzeug sorgt in "Twin Flame" ein programmierter Drum-Computer für das rhythmische Grundgerüst, was eine willkommene Abwechslung innerhalb der Platte bringt. Zur Glanznummer wird der Song allerdings erst durch seinen eingängigen Refrain, den Weyes Blood ausnahmsweise in ihrer großartigen Falsettstimme vorträgt: "You're my twin flame, and you got me so cold, when you pull away". Man braucht Batterien, wie gesagt, aber Flammen funktionieren auch.

Zur SZ-Startseite
Taylor Swift (wearing a Herve Leger gown) at arrivals for MTV Video Music Awards - 2013 VMAs - Part 1, Barclays Center, Brooklyn, NY August 25, 2013. Photo By: Gregorio T. Binuya/Everett Collection (Gregorio T. Binuya/Everett Collection)

Neue Musik im Oktober
:Das sind die Alben des Monats

Taylor Swift erkundet die Nacht, "A-ha" liefern großes Erwachsenen-Entertainment, die "Chili Peppers" feinsten Flausch und Björk besingt Pilze.

Lesen Sie mehr zum Thema