Wettbewerb: Der schönste erste Satz:Gut, Günter Grass gewinnt

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Wie sich der Mond im Wasser spiegelt und Ilsebill nachsalzt: Eine turbulente Gala in Frankfurt kürte den schönsten ersten Satz.

Florian Kessler

In Sachen Sprache fängt jedes Jahr gut an: Das "Wort" und das "Unwort" des vorangegangenen Kalenderjahres werden immer bald nach Neujahr verkündet. Die Liste der seit 1971 auserkorenen "Worte des Jahres" ist vom großartigen "aufmüpfig" im Initialjahr über "Umweltauto" (1984) und "Besserwessi" (1991) bis hin zur heute schon wieder entrückt anmutenden "Fanmeile" von 2006 eine triftig orientierende Reise durch die Sprach- und Gesellschaftsmentalität der jüngeren Vergangenheit.

Anders verhält es sich mit Jahreskränzen für zeitentrückte Phänomene, aus denen sich höchstens über Bande Gesellschaftsdiagnosen ableiten lassen: Ob "Kleinod" das "bedrohte Wort" des Jahres 2006 oder irgendeines grob anrainenden Jahres ist, ist letztlich genauso egal wie die Frage, ob Günter Grass "Pfeifenraucher des Jahres" 2000 oder 2007 war, geraucht hat er ja noch viel, viel länger.

Das schönste Wort der Welt

Solche superlativisch ausstaffierten Schein-Auszeichnungen wandern nun seit einigen Jahren immer stärker von den Werbeetats industrieller Lobbys in die Kulturökonomie hinüber, inzwischen haben sie auch das Bemühen um die Sprache erreicht: 2004 beispielsweise wurde mit dem Nugget "Habseligkeiten" das immerwährend "schönste Wort der deutschen Sprache" ausgesiebt; seit 2006 werden allgemeingültige rote Listen "bedrohter Worte" veröffentlicht.

Öffentliche Abstimmungen, Diskussionen und Preisverleihungen sollen als reine Wallungswerte der Eventkultur mediale Aufmerksamkeit auf die Belange von Sprache und Sprachkompetenz lenken.

Nachdem erst vor wenigen Wochen mit dem türkischen Dreiklang "Yakamoz" für "Widerspiegelung des Mondes im Wasser" das "schönste Wort der Welt" bekanntgegeben wurde, kam es nun am Dienstag dieser Woche in der Alten Oper in Frankfurt zur frohgemuten Verkündung des "schönsten ersten Satzes" der deutschsprachigen Literatur.

Gala und Wettbewerb wurden von der "Stiftung Lesen" und der "Initiative Deutsche Sprache" ausgerichtet. Letztere ist mit dem Goethe-Institut assoziiert, dessen Präsidentin Jutta Limbach im Gespräch mit Moderatorin Marietta Slomka die stolzen Zahlen der Jagd nach dem besten ersten Satz nannte: Muttersprachler und Deutschlernende aus sechzig Ländern haben insgesamt über 17 500 Lieblings-Anfangssätze von Romanen und Erzählungen mit zugehörigen Begründungen eingesandt; unter anderem haben auch 400 Schulklassen teilgenommen.

Als derart groß angelegter Anschub von Sprachbewusstsein und Lesekultur kann sich das Projekt sehen lassen; die Frankfurter Preisverleihung mit ihren teilweise aufrichtig für die vorgeschlagenen Romananfänge entflammten Plädoyers der Preisträger machte deutlich, wie suggestiv bekennerschaftlich von einem einzigen kleinen Satz aus ganze Lesebiographien beginnen können. Klar wurde zugleich auch, dass Lesefreude mit Lesesog zu tun hat; nahezu alle von der Jury ausgezeichneten Satzvorschläge waren geheimnisvoll, rissen geradezu in ihre jeweiligen Geschichten hinein.

In Wohlfühllaune

In diesem Sog lag aber auch ein wenig das Problem des Abends. Romananfänge eignen sich hervorragend zur Publikumsunterhaltung, sie ähneln suggestiven Witzen, die kurz vor der Pointe abgebrochen werden. Spätestens bei einem Ratespiel, bei dem berühmte erste Sätze der Weltliteratur vorgelesen und vom Publikum durch lautes Schreien erraten werden sollten, kannte der Saal kein Halten mehr.

In leicht beschwipster Quizstimmung wurde Romananfang für Romananfang nach den ersten paar Wortsilben geknackt: "Ich bin nicht. . ." - "Stiller, Stiller!"; "Dem Monteur Josef Bloch. . ." - "Angst des Tormanns beim Elfmeter!" Als die Moderatorin im hochengagierten Stimmengewirr unterging und die Literaturerkundung stockte, wurde von hinten gejohlt, ob man eigentlich auch Telefonjoker verlangen könne - die guten und wirksamen neuen Öffentlichkeitsstrategien der Sprachförderung müssen wohl mit der Crux leben, selbst nicht allzu nah am Haus der Sprache zu siedeln.

So erschien dann kaum noch als wichtig, welcher konkrete Romananfang denn nun der laut Jury schönste sein sollte, in der allgemeinen Wohlfühl- und Wiedererkennlaune wurde jede beliebige Satzwahl begeistert angenommen. Auf Platz drei rangierte Siegfried Lenz' Einstieg in einen seiner Suleykener Schwänke: "Hamilkar Schaß, mein Großvater, ein Herrchen von, sagen wir mal, einundsiebzig Jahren, hatte sich gerade das Lesen beigebracht, als die Sache losging."

Und auf Platz zwei hatte mit dem Anbeginn von Kafkas "Verwandlung" der immerhin am häufigsten eingesandte Satzvorschlag des Wettbewerbs seinen Ehrenplatz: "Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt." Über das schunkelige Beklatschen dieses eigentlich doch gerade nicht schönen Evergreens ragte die Emphase hinaus, mit der der erste Preisträger Lukas Mayrhofer seine Liebeserklärung an Günter Grass' "Butt"-Roman vortrug.

Der kernig kompakte Romananfang "Ilsebill salzte nach" geriet in einer jedes der drei Worte sorgsam wägenden Interpretation zur Matrix weitergehender Begeisterung; die vorgetragene Hommage galt weniger dem "Pfeifenraucher des Jahres 2000" und seinem "schönsten ersten Satz" der deutschsprachigen Literatur, als überhaupt den grundsätzlichen Möglichkeiten von Sprache.

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