Westmedien-Hetze in China "Ich hatte ihnen geglaubt"

Chinas Propaganda hat einen neuen Feind: die "Westmedien". Vom Ausland nur als Ablenkungsmanöver gewertet, funktioniert die Anti-West-Propaganda in China erschreckend gut.

Von Henrik Bork

Zumindest eine Lüge ist den Chinesen nun im Hals steckengeblieben. Eine sorgfältig geplante Propagandaschau endete am Donnerstag als peinliche Panne. Chinesische Beamte hatten eine Gruppe ausländischer Reporter in den Jokhang-Tempel in Lhasa geführt. Den Journalisten sollte gezeigt werden, dass China die Lage dort wieder unter Kontrolle hat. Von wegen.

Eine Gruppe von 30 jungen Mönchen sprengte die Veranstaltung mit einem spontanen Protest. "Glauben Sie ihnen nicht! Sie wollen Sie austricksen. Sie lügen!" riefen die Mönche, während die Chinesen vergeblich versuchten, die Reporter wieder aus dem Tempel zu drängen. Der Dalai Lama sei keineswegs schuld an den Demonstrationen in Tibet, riefen die Mönche. Einer rief der Nachrichtenagentur AP zufolge "Tibet ist nicht frei, Tibet ist nicht frei!" und brach dann in Tränen aus.

Die Propagandareise nach Lhasa war vom Außenministerium in Peking vorbereitet worden. Es hatte 26 ausländische Korrespondenten in Peking ausgesucht und nach Lhasa geflogen. Deutsche Reporter waren nicht dabei. Dort wurden die Journalisten auf Schritt und Tritt gut bewacht. Sie sollten nur zu sehen bekommen, was China ins Bild passt. Die Mönche standen nicht im Drehbuch.

Die sorgsam orchestrierte und doch gescheiterte Journalistenreise ist ein Beispiel für die offensive, ja aggressive Medienstrategie der Chinesen. Aktiv soll die Meinungshoheit zurückerobert werden, um den Schaden zu begrenzen, den das harte Durchgreifen in Tibet für Chinas Image und die bevorstehenden Olympischen Spiele in Peking angerichtet haben.

Aus diesem Grund hatte Pekings Premier Wen Jiabao den Dalai Lama als "Lügner" bezeichnet. Und nun schießen sich die gleichgeschalteten Medien des kommunistischen Landes massiv auf die Westmedien ein. "Einige westliche Medien haben die Fakten vernachlässigt und zehn Tage lang verzerrte Berichte präsentiert", schreibt die amtliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua.

"Tibetische Barbaren"

Die "Fakten", wie China sie gerne präsentieren würde, sind seit Beginn der Unruhen in Tibet im chinesischen Fernsehen zu bestaunen. Verprügelte Mönche oder von Chinas Sicherheitskräften erschossene oder verhaftete Tibeter, von denen eine Vielzahl von Augenzeugen berichten, sind dort nicht zu sehen. Wann immer in Chinas Hotels CNN oder BBC über Tibet berichten, wird der Bildschirm plötzlich schwarz und der Ton ist weg. Stattdessen werden im Staatssender CCTV und auf allen anderen Kanälen ausschließlich chinesische Opfer der Ausschreitungen vorgeführt. Selbst ein "sechsjähriges Baby" hätten die tibetischen Barbaren verbrannt, war in der China Daily zu lesen.

Für ausländische Journalisten in Peking ist die Berichterstattung über die Vorkommnisse in Tibet ein frustrierendes Erlebnis. Sie werden von zwei Seiten - von der Führung in Peking und von der tibetischen Exilregierung in Lhasa - mit Propaganda eingedeckt. Eigene Recherchen dagegen sind sehr schwer. Chinas Regierung lässt keine Journalisten mehr in seine "Autonome Provinz Tibet" oder die Tibeter-Gebiete in den angrenzenden Provinzen reisen - von der Propaganda-Show in Lhasa abgesehen.

Wer sich auf eigene Faust durch die Militärkontrollen und Checkpoints schlägt, wird von der Angst verfolgt, die Interviewpartner könnten anschließend zur Zielscheibe chinesischer Vergeltungsmaßnahmen werden. Diese begründete Angst behindert die Wahrheitsfindung mehr als alle Zensur im Internet, alle Straßenblockaden und alle Geheimpolizisten Lhasas.

Dermaßen mit Lügen eingedeckt und an sinnvoller Arbeit gehindert, werden die ausländischen Medien nun obendrein in schrillen Tönen für ihre Fehler angeprangert. So hatte der Fernsehsender RTL zu Beginn der Unruhen auf seiner Internetseite ein Foto veröffentlicht, auf dem angeblich chinesische Sicherheitskräfte mit Knüppeln auf tibetische Mönche losgehen. Es war jedoch ein Foto aus Nepal. "Diesen Fehler bedauern wir", schrieb RTL später in einer Stellungnahme für die Deutsche Presseagentur und bekräftigte gleichzeitig, der Sender berichte "unabhängig".

"Lasst euch nicht länger für dumm verkaufen"

Auch die Berliner Morgenpost geriet ins Kreuzfeuer der Chinesen. Sie fand sich auf der Titelseite der China Daily wieder, unter der Überschrift "Berichte über Unruhen zeigen die Vorurteile des Westens". Die Morgenpost hatte ein Foto gedruckt, auf der ihrer Bildunterschrift zufolge ein "Aufständischer" von Sicherheitsbehörden abgeführt wird.

Chinas Propaganda-Postille China Daily behauptet nun, bei dem Mann handele es sich um einen von ihren Sicherheitskräften vor dem tibetischen Mob geretteten Chinesen. Welche Darstellung stimmt, ist unbekannt. "Eine freie Berichterstattung aus Tibet ist nicht möglich, es herrscht Zensur", antwortete der Chefredakteur der Berliner Morgenpost, Carsten Erdmann, zu Recht. Unter diesen Umständen bei Ungenauigkeiten böse Absicht oder Manipulation zu unterstellen, sei "grotesk", so Erdmann.

Im Ausland sind die Attacken auf deutsche oder amerikanische Medien vielleicht noch als das durchschaubar, was sie sind: der Versuch, vereinzelte Fehler als Beweis für ein angeblich verzerrtes Gesamtbild heranzuziehen und damit von der Realität und den eigentlich wichtigen Fragen in Tibet abzulenken.

In China aber ist diese Propaganda erschreckend erfolgreich. Viele Bürger äußern sich "enttäuscht oder entsetzt" über die Westmedien, deren Objektivität sie unter dem Dauerbeschuss aus Peking erstmals anzweifeln. "Lasst euch nicht länger von CNN, BBC oder anderen bösartigen westlichen Medien für dumm verkaufen", schreibt ein Chinese auf der Webseite von Sina.com. "Ich hatte ihnen früher so sehr geglaubt", fügt er hinzu.