Süddeutsche Zeitung

Steven Spielbergs "West Side Story" im Kino:Tanz über dem Abgrund

Steven Spielberg hat sich ein nostalgisches Remake der "West Side Story" gegönnt - aber die Zeiten sind härter geworden.

Von Fritz Göttler

Das Urteil ist hart und unmissverständlich über die ungezügelten Jungs der New Yorker Straßenbande, die sich die Jets nennen. Sie haben nach einer gewaltreichen, von Macho-Impulsen und todbringenden Missverständnissen bestimmten Nacht das puertoricanische Mädchen Anita verspottet, körperlich bedrängt und bedroht, und dafür kriegen sie nun, mit Abscheu in der Stimme ausgesprochen, das R-Wort: "Aus euch sind rapists geworden, Vergewaltiger ..." "Me Too" hat auch den Blick auf die Jugendkriminalität entscheidend verschärft.

Die alte Valentina spricht dieses Urteil in der neuen Verfilmung der "West Side Story" von Steven Spielberg, es gab diese Figur nicht im ersten Film, 1961, von Robert Wise und Jerome Robbins. Valentina hat von ihrem Mann Doc nach dessen Tod seinen Soda-Drugstore übernommen, in dem die West-Side-Jungs so oft sich versammelt und ihre Entscheidungen getroffen haben. "You make this world lousy ...", hatte in der ersten Verfilmung Doc nach dem Zwischenfall mit Anita gestöhnt. "We didn't make it", war die Antwort der Jungen. Sie wissen , dass sie eine social disease sind, darin steckt auch eine Art wilder Stolz.

Rita Moreno ist Valentina, sie wird diesen Samstag neunzig Jahre alt, und 1961 hat sie Anita gespielt, das malträtierte Mädchen, und einen Oscar bekommen für die beste Nebenrolle. Valentina spielt sie mit einer ergreifenden Mischung von Trauer und Erschöpfung, da stecken Jahrzehnte an Erfahrungen mit dem Hollywood-System drin, das ihr nichts als exotische Nebenrollen bot, bis hin zur Indianerin.

Es kann gut sein, dass sie nun, nach sechzig Jahren, einen weiteren Oscar erhält für die neue "West Side Story" (der erste Film hat damals zehn Oscars eingesammelt). Kommt die Academy, fragt denn auch das Branchenblatt Variety, an diesem Film vorbei, der eine seltene Alternative ist "to both blockbuster overkill and indie angst".

Der Kraft der Evergreens setzt Spielberg ausgeklügelte Kameraeinfälle entgegen

"West Side Story" ist von Europa her inspiriert, aber seit über einem halben Jahrhundert Teil der amerikanischen Mythologie. Leonard Bernsteins Balance zwischen exotischem Mambo und amerikanischem Pathos ist immer wieder mitreißend, und die flinken Verse des jungen Stephen Sondheim treffen stets den Punkt. (Sondheim ist kurz vor der Premiere des Films im November mit 91 Jahren gestorben, hat aber noch seine Zufriedenheit mit Spielbergs Version bekundet.)

Der Kraft der Evergreens ("Somewhere", "America") setzt Spielberg anfangs noch ausgeklügelte Kameraeinfälle entgegen. Besonders aufregend aber sind Momente, wenn der Film innehält, jenes sinistre Pfeifen, das die Präsenz der Gangs signalisiert, ohne dass man sie zu sehen bekommt, ist einer der großen gespenstischen Töne der Kinogeschichte. Jugendkriminalität war ein heißes Thema in den Fünfzigern, auch im Kino, zwischen moralisierendem Kopfschütteln und Faszination, mit James Dean und Elvis. Und natürlich hat es von den Siebzigern an jede Menge Filme gegeben, die Amerika als Einwandererland, speziell New York als Schmelztiegel gezeigt hatten, von Filmemachern wie Martin Scorsese oder Ang Lee.

Die Hartzeichnung der letzten Jahre - "Me Too", Migration und Rassismus, Gewaltexzesse gegenüber den Schwarzen, die Spaltung der Bevölkerung in den Trump-Jahren - haben der Romeo-und-Julia-Geschichte ihre tragische Unschuld genommen, besonders den Kämpfen zwischen den weißen Jets und den puertoricanischen Sharks. Spielberg hat die Sharks und ihre Mädchen mit lateinamerikanischen Akteuren und Tänzern besetzt, angefangen mit der jungen Rachel Zegler als Maria - in der Version von 1961 war Natalie Wood, der junge amerikanische Star, Maria gewesen.

Spielbergs Drehbuchautor Tony Kushner lässt die Kids aus Puerto Rico oft spanisch sprechen, sie werden dafür von den Jets nachgeäfft und reden diese im Gegenzug gern als Polacken an. Der Platz wird eng auf den Straßen von New York, Mitte der Fünfziger. Ein Trümmerfilm, er setzt ein mit den Abrissbirnen, die den Platz schaffen für das große Bauprojekt des Lincoln Center. Ein Schatten von Gentrifizierung über der Upper West Side, in der für die Jugend nur bemühte Sozialhelferaktionen und Polizeiwillkür vorgesehen sind.

Zwei der Kids haben bei Tony Kushner Profil gewonnen. Tony, der unglückselige Romeo, ist eben aus dem Gefängnis heraus, er hat einen Mann zusammengeschlagen, und Bernardo, Marias Bruder, der die Sharks anführt, visiert eine Karriere als Boxer an. Bei beiden eine fatale Gewaltbereitschaft, gefördert durch das patriarchalische System der Gesellschaft, eine Ausgrenzung, auf die man nur mit engem Zusammenschluss reagieren kann. Die ekstatische "America"-Nummer haben Kushner und Spielberg auf die Straße gebracht, ein Wirbel aus Fröhlichkeit und Freiheit, der lateinamerikanischen Karneval beschwört.

Rassismus, bürgerliche Borniertheit, männliche Überheblichkeit, Verachtung den Frauen gegenüber... Das Urteil gegenüber der Jugend ist hart und eindeutig in Spielbergs Film. In der ersten Verfilmung, 1961, kriegt man eine Ahnung davon, woher diese gesellschaftliche Deformation kommt: von einer Sehnsucht, einem Verlangen, das unterdrückt und geleugnet werden muss. Bei den Frauen dringt dieses Verlangen an die Oberfläche, das macht diese erste Fassung dunkler, unberechenbarer, beunruhigender.

West Side Story, 2021 - Regie: Steven Spielberg. Buch: Tony Kushner. Nach dem Musical von Arthur Laurents. Lieder: Stephen Sondheim. Musik: Leonard Bernstein. Kamera: Janusz Kaminski. Schnitt: Michael Kahn, Sarah Broshar. Mit: Ansel Elgort, Rachel Zegler, Ariana DeBose, David Alvarez, Corey Stoll, Mike Faist, Rita Moreno. 20th Century Fox, 156 Minuten. Kinostart: 09.12.2021.

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