Wes Anderson "Das ist für mich wie Zauberei"

Alles Handarbeit: Regisseur Wes Anderson und sein Puppenkabinett.

(Foto: Fox)

Der Regisseur über die Tücken von Hollywood, handgebastelte Hunde und seinen Film "Isle of Dogs".

Interview von David Steinitz

Wes Anderson ist seit Jahren einer der einflussreichsten Regisseure des amerikanischen Independent-Kinos. Obwohl seine Werke in der Regel jenseits des großen Hollywoodbetriebs entstehen, reißen sich die Stars darum, eine Rolle in seinen Tragikomödien zu bekommen. Der 49-Jährige wurde bereits vier Mal für den Oscar nominiert, unter anderem für "Moonrise Kingdom" und "The Grand Budapest Hotel". Seinen neuen Film "Isle of Dogs" hat er mit der traditionellen Stop-Motion-Technik animiert, bei der handgebastelte Puppen nach und nach verrückt werden, bis die Illusion von Bewegung entsteht. Zum Treffen in Berlin erscheint Anderson in seiner typischen Künstleruniform, beiger Siebzigerjahreanzug, bunte Krawatte.

SZ: Mr. Anderson, wie schwer ist es denn, im digitalen Blockbuster-Zeitalter in der amerikanischen Filmindustrie einen analogen Stop-Motion-Film wie "Isle of Dogs" finanziert zu bekommen?

Wes Anderson: Das Problem in Hollywood ist, dass die Studios ständig ihre Chefetagen austauschen. Wenn Sie zum Beispiel heute einen Film für Disney machen, haben Sie es vielleicht schon morgen mit ganz anderen Leuten zu tun - als wäre es eine andere Firma. In diesem Umfeld hätte ich mit einem Projekt wie diesem natürlich keine Chance gehabt. Aber zum Glück habe ich mit meinem Produzenten Steven Rales und seiner Produktionsfirma Indian Paintbrush ein Team, die mich schon gefördert haben, als meine Filme noch überhaupt kein Geld eingespielt und sie immer draufgezahlt haben. Steven sagte dann immer wieder: Komm, lass uns trotzdem noch einen Film machen. Mittlerweile verdienen sie immerhin ein bisschen Geld mit mir, weshalb ich ihnen auch mit einem langwierigen Bastelprojekt wie "Isle of Dogs" kommen konnte.

Was gefällt Ihnen so gut an der handgemachten Stop-Motion-Technik?

Mein Drehbuchautor Roman Coppola und ich lieben all die alten Effekte mit Modellen und Miniaturen, die in den Anfängen des Kinos verwendet wurden, um den Zuschauern kleine Zaubertricks und Illusionen vorzuführen. Uns interessieren diese Tricks mehr als digitale Special Effects aus dem Computer. Nichts gegen Pixar, aber wir hatten Lust auf echte Handarbeit. Wenn das Fell unserer Hunde im Wind weht, wurde es für jede Aufnahme Stück für Stück von einem unserer Animatoren per Hand bewegt, und irgendwann haben Sie dann einen ganzen Spielfilm, der so entsteht. Das ist für mich wie Zauberei.

Das dauert insgesamt ganz schön lange, oder?

Ja klar, wir haben insgesamt um die vier Jahre daran gearbeitet. Beim Stop Motion-Verfahren setzen Sie sich abends mit dem Team zusammen, um sich anzuschauen, was Sie den ganzen Tag über animiert haben, und dann dreht der Hund seinen Kopf schräg zur Seite, und das war's - ein ganzer Tag Arbeit. Bisschen zugespitzt, aber ungefähr so sah der Prozess aus.

Von der Technik mal abgesehen: Wie sind Sie überhaupt auf die Idee gekommen, einen Film über Hunde auf einer japanischen Müllkippe zu machen?

Meine Filme entstehen meistens durch ein loses Brainstorming. Mein Coautor Roman Coppola und ich versuchen, uns so oft wie möglich zu treffen und ein paar Ideen hin- und herzuspielen. Wenn wir genügend Zeit haben, unternehmen wir gemeinsam eine Reise. Zuletzt haben wir zum Beispiel auf der Queen Mary II. den Atlantik überquert. Aber bloß weil wir zusammensitzen, heißt das noch lange nicht, dass am Ende ein Drehbuch dabei herauskommt. Manchmal unterhalten wir uns nur. Ich führe immer Buch darüber, damit uns nichts verloren geht. Am Ende stehen in den Notizbüchern nicht nur Filmideen, sondern zum Beispiel auch Überlegungen für Kücheneinrichtungen. Wer weiß, vielleicht steckt in einem dieser Büchlein schon die Idee für den nächsten Film, und wir haben es nur noch nicht gemerkt! Bei "Isle of Dogs" jedenfalls waren es die Stichworte Japan, Hund und Müllkippe, welche die Geschichte in Gang gebracht haben. Und die Filme von Akira Kurosawa, den wir sehr bewundern.

Was gefällt Ihnen so an ihm?

Ach, ich liebe einfach alles an Kurosawa. Besonders "Zwischen Himmel und Hölle" und "Ein streunender Hund". Das Tempo dieser Filme, wie die Schauspieler sich bewegen, das finde ich faszinierend. Ich habe seine Filme so oft gesehen, dass ich ihn schon unbewusst kopiere. Bei "Isle of Dogs" ging das so weit, dass mir erst hinterher im Schneideraum auffiel, in wie vielen Szenen ich mir von ihm kleine Ideen geborgt habe.

Zum Beispiel?

Typisch für seinen Humor war unter anderem, dass seine Charaktere sich ständig doppelt und dreifach Sachen erzählen, die sie voneinander längst wissen. Das haben wir auch an einigen Stellen des Films gemacht. Das wirkt schön skurril, und gleichzeitig erfährt der Zuschauer etwas über die Figuren.

Es ist fast schon unheimlich, wie sehr "Isle of Dogs" in die Ära Trump passt und zu seinem Umgang mit anderen Ländern, zum Beispiel mit der Mauer, die er zu Mexiko bauen will. War das geplant?

Überhaupt nicht. Zu Beginn des Projekts hat sich diese Geschichte eher historisch angefühlt. Wir dachten mehr an die Vergangenheit, wie man zum Beispiel in Australien früher mit Flüchtlingen umgegangen ist, sie auf Inseln verbannt hat. Erst während wir an dem Film gearbeitet haben, was ja länger gedauert hat, wurde die Story immer aktueller. Plötzlich passierte das, was wir vor ein paar Monaten ins Drehbuch geschrieben hatten, in Washington D.C. Das ist tatsächlich unheimlich.