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Werner Enke zum 80. Geburtstag:Wir waren wie Aliens füreinander

ZUR SACHE SCHÄTZCHEN D 1968 May Spils Martin WERNER ENKE Barbara USCHI GLAS Regie May Spils

Werner Enke und Uschi Glas in "Zur Sache, Schätzchen".

(Foto: Imago/United Archives)

Der Schauspieler und Autor Werner Enke wird 80. Eine Erinnerung an die Dreharbeiten von "Zur Sache, Schätzchen" - und eine herzliche Gratulation.

Von Uschi Glas

Werner Enke, Jahrgang 1941, kam in Berlin zur Welt, wuchs in Göttingen auf und landete irgendwann zum Glück in München-Schwabing. Denn dieses Viertel war in den Sechzigerjahren wie für ihn gemacht: die Kneipen, die Studenten, die Diskussionen, die Neurosen - das sollte seine Welt werden. Und er setzte dieser Welt ein Denkmal. Nachdem er ein paar Kurzfilme gemacht hatte, mit Klaus Lemke und seiner Lebensgefährtin May Spils, und mit Volker Schlöndorff "Mord und Totschlag" gedreht hatte, folgte 1968 "Zur Sache, Schätzchen". Eine bayerische Variante von "Außer Atem", mit Werner Enke als Schwabinger Jean-Paul Belmondo. Zu seinem 80. Geburtstag am Sonntag erinnert sich seine Filmpartnerin Uschi Glas an die gemeinsame Arbeit.

Als ich 1967 zum Vorsprechen für "Zur Sache, Schätzchen" eingeladen wurde, gingen fast alle Menschen in meinem Umfeld davon aus, dass der Film ein Flop sein würde. Ich war damals bei Rialto unter Vertrag, die rieten mir entsetzt ab. Ein Schwarzweißfilm, wo sich doch längst der Farbfilm durchgesetzt hatte. Und dann diese ganzen komischen, unerfahrenen jungen Leute, die hinter dem Projekt steckten. Frau Glas, hieß es, diesen Film machen Sie nicht! Auch meine Agentin meinte: Uschi, bitte lassen Sie die Finger davon!

Beim Vorsprechen lernte ich dann die Regisseurin May Spils kennen, und allein davon war ich schon begeistert - eine Frau auf dem Regiestuhl. Davor hatte ich immer nur mit Männern gedreht. Und dann drückte sich da im Hintergrund noch ein ganz schräger Typ herum: Werner Enke. Er war der Lebensgefährte von May Spils, die beiden sind ja bis heute ein Paar. Er hatte das Drehbuch mitgeschrieben und sollte die männliche Hauptrolle spielen. Einen Menschen wie den Werner hatte ich noch nie getroffen. Also war klar: Diesen Film muss ich machen, egal, wer dagegen ist.

Der Werner und ich kamen aus so unterschiedlichen Welten, dass wir füreinander wie Aliens waren. Und dieser Gegensatz, der im echten Leben aufeinanderprallte, spiegelt sich auch im Film wider. Er macht den Reiz des Pärchens aus, das wir spielen.

Drehbeginn um halb neun? Es kann doch sein, dass ich mich um halb neun noch gar nicht wohlfühle

Werner Enke ist im Film wie im Leben vollkommen neurotisch. Das macht seine Kunst aus, macht ihn aber auch zu einer Herausforderung für seine Mitmenschen. Wenn man zum Beispiel zu mir sagt, um halb neun ist Drehbeginn, bin ich um halb neun da. Aber was irgendein Produktionsleiter an Uhrzeiten vorgibt, das war für den Werner nie ein Kriterium. Er sagte: Es kann doch sein, dass ich mich um halb neun noch gar nicht wohlfühle. Dann kann ich nicht drehen und muss noch ein bisschen warten. Damit hat er die Leute zur Weißglut gebracht.

Oder er behauptete: O Gott, heute schaue ich so hässlich aus, meine Nase ist ganz krumm. Ich erwiderte dann: Werner, du schaust aus wie immer, deine Nase ist nicht krumm. Aber er sagte nein, ich kann heute nicht drehen. Der Produzent Peter Schamoni hätte ihn für solche Mätzchen ein paar Mal ganz gerne erwürgt, glaube ich.

Uschi Glas wird 70

Werner Enke, seine Lebensgefährtin und "Schätzchen"-Regisseurin May Spils und Uschi Glas bei den Dreharbeiten im Sommer 1967.

(Foto: Brix/dpa)

Seine Neurosen haben fast alle im Team abbekommen. Er wollte während den Dreharbeiten mit dem Rauchen aufhören, was in der Praxis aber nur bedeutete, dass er aufhörte, sich selber Zigaretten zu kaufen und alle anschnorrte.

Die Garderobiere trieb er mit seinen Hemden in den Wahnsinn. Einmal wollte er die Hemdsärmel nicht runterkrempeln. Die Garderobiere sagte, Werner, du musst. In der letzten Einstellung waren sie unten. Wenn wir jetzt weitermachen mit den Ärmeln oben haben wir einen Anschlussfehler. Er weigerte sich und machte ein Riesentheater, bis herauskam, dass er sich am Vorabend Ketchup auf die Ärmel gekleckert hatte. In seiner Not wusste er sich nicht anders zu helfen als die Ärmel abzuschneiden - er konnte sie gar nicht mehr runterkrempeln. Es war ein Spiel, und natürlich war er anstrengend, aber auch so liebenswert anstrengend. Ohne dieses Theater wäre der Film fad geworden. May Spils war in dieser Hinsicht ohnehin hart im Nehmen. Sie meinte nur: Werner, hör auf zu spinnen. Ich bin auch einmal aus Spaß gegangen, da ist er mir gleich hinterher und fragte ganz kleinlaut, was los sei. Da sagte ich, na, sonst rennst du doch immer weg. Heute gehe ich mal. Er war ganz peinlich berührt.

Was für andere Menschen normal ist, gilt für den Werner als außergewöhnlich. Er war zum Beispiel schwer beeindruckt, dass ich einen Führerschein habe. Er hatte natürlich keinen, bis heute nicht. Allein ein so simpler Akt wie in einen Laden zum Einkaufen zu gehen, konnte bei ihm die merkwürdigsten Ängste auslösen. Was da alles passieren könnte! "Es wird böse enden", sein Kultsatz aus dem Film, ist für ihn wirklich ein Sinnspruch, den er bis heute hat.

Aber durch seine Art besitzt der Film diesen faszinierenden Charme, der ihn viel besser hat altern lassen, als viele andere Werke aus den Sechzigern. "Zur Sache, Schätzchen" hatte kaum etwas mit dem deutschen Kino jener Zeit am Hut, das war fast schon Nouvelle Vague. Das lag an Werners Dialogtiraden oder an so tollen Details wie den kleinen Daumenkinos, die er natürlich in unendlich langer Arbeit alle selbst gemacht hatte. Die Zuschauer haben das zum Glück honoriert, der Film wurde trotz aller Unkenrufe ein großer kommerzieller Erfolg.

Dieses irre Schwabing war der Wahnsinn. Alles war wilder, keiner brauchte Drehgenehmigungen

Vor ein paar Jahren, zum 50. Jubiläum, habe ich ihn mir noch mal angeschaut, nachdem ich ihn sehr lange nicht mehr gesehen hatte. Ich war ganz baff, wie gut er noch funktioniert. Ich muss immer noch lachen und bin immer noch sehr bewegt. Zum Beispiel die Szene, wo Werner und ich am Isarhochufer entlangspazieren, und zwei alte Leute auf der Bank sitzen und er übers Altern philosophiert. Dieser Text berührt mich sehr. Die Fragen, die man ans Leben stellt, sind dieselben wie damals.

Ich erinnere mich sehr gern an die Dreharbeiten. Dieses irre Schwabing gab es ja wirklich, das war der Wahnsinn. Da war es auch noch was Besonderes, wenn ein Filmteam kam. Wenn man heute in München dreht, verdrehen die Leute nur die Augen. Damals waren alle neugierig. Und es war irgendwie wilder. Man hat nicht ständig für alles Genehmigungen eingeholt, man hat einfach die Kamera aufgebaut. Keine Absperrungen. Als wir über die Leopoldstraße und die Ludwigsstraße gefahren sind, haben wir das einfach gemacht, der Kameramann im Auto nebenher.

Wenn wir zusammensitzen, der Werner, die May und ich, was wir ab und an noch machen, wenn auch wegen Corona jetzt schon ein Weilchen nicht mehr, können wir immer noch herrlich rumwitzeln, was wir erlebt haben. Ich habe immer versucht, dass wir nochmal einen Film zu dritt hinkriegen. May wäre auch dabei gewesen, aber Werner war leider nicht zu überreden. Ich frage ihn trotzdem immer noch zum Spaß, wann wir wieder drehen, weil ich schon weiß, dass ihn der bloße Gedanke in Panik versetzt.

Er hat schon immer gern erzählt, er sei nicht mehr gut beieinander, aber ich weiß, dass er eben doch noch ganz gut beieinander ist. Das freut mich sehr, das soll so bleiben, und ich wünsche ihm von Herzen alles Gute zum 80. Geburtstag.

Protokoll: David Steinitz

© SZ/dbs
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