Werkstatt Demokratie "Heimat ist eine Art seelische Tankstelle"

Fünf Menschen, fünf Überzeugungen: Wir haben Beatrix Becker, Ljupco Gjelevski, Michael Stadler, Dorothea Biehler und Nina Schlesener (v.l.n.r.) nach ihrer Vorstellung von Heimat gefragt.

(Foto: Getty Images; privat (5); Illustration Jessy Asmus)

Was bedeutet Heimat? Und was Europa? Das haben wir Zugezogene und Einheimische gefragt - in einer Region, die als besonders heimatverbunden gilt, aber dafür keine Grenzen braucht.

Von Carolin Gasteiger

Beatrix Becker ist in Mainz geboren und lebt seit drei Jahren in Bad Reichenhall. Seit Dezember 2018 arbeitet die 30-Jährige als Oberfeldärztin in der Gebirgsjägerbrigade 23 "Bayern".

In der Region hier ist der Heimatbegriff stark ausgeprägt: all diese Trachtenumzüge, Blaskapellen und Tänze, die die Menschen hier pflegen. Ursprünglich komme ich aus Mainz und dort gibt es das nicht, Bräuche und Traditionen so hochzuhalten. Mit den Traditionen hier in Bayern fremdele ich deswegen aber nicht. Ich finde es schön, wenn die Einheimischen auf diese Weise mit ihrer Heimat verbunden sind und das nach außen tragen. In anderen Regionen schlafen Brauchtum und Tradition eher ein.

Auch wenn man es bei all dieser Traditionsverbundenheit nicht glauben würde, ist es mir als Zugereiste nicht schwergefallen, mich einzugewöhnen. Ich habe sogar ein Dirndl im Schrank hängen. Nach der Grundausbildung im niederbayerischen Feldkirchen und diversen Lehrgängen in München bin ich quasi Opfer der Tradition geworden. Und Bairisch verstehe ich inzwischen auch gut. Sprechen würde ich es selbst aber nie, das klänge zu gekünstelt. Meine Kinder kennen natürlich keine andere Heimat als Bad Reichenhall und bringen schon bairische Ausdrücke mit nach Hause.

Als Soldatin profitierte ich davon, dass viele meiner Kameraden auch nicht von hier kommen. Das schafft Zusammenhalt. Auch in unserer Nachbarschaft konnten wir schnell Kontakte knüpfen. Ein bisschen Heimat haben mein Mann und ich - er kommt aus der Pfalz - auch mit hierhergenommen: die Weinkultur. Abends zusammensitzen und gemeinsam Wein trinken, das setzen wir hier fort, oft zu Hause, manchmal auch in der kleinen Vinothek im Stadtzentrum. So schaffen wir uns sozusagen einen Mix aus alter und neuer Heimat.

Beatrix Becker schafft sich in Bad Reichenhall einen Mix aus alter und neuer Heimat.

(Foto: Daniel Hofer)

Dieser Artikel gehört zur Werkstatt Demokratie, ein Projekt der SZ und der Nemetschek Stiftung. Alle Beiträge der Themenwoche "Heimat Europa" finden Sie hier, alles zum Projekt hier.

Das Europagefühl fehlt

Was mir aber auch klar ist: Als Soldatin werde ich nicht ewig hier bleiben, sondern auch mal an andere Standorte innerhalb Europas gehen. Das Nato-Hauptquartier im belgischen Mons etwa oder eine Stelle im Eurokorps in Straßburg wären für mich als Ärztin interessant. Das ist für mich selbstverständlich. Ich bin in der Europäischen Union mit dem Euro großgeworden und halte es für selbstverständlich, durch offene Grenzen etwa nach Österreich zu fahren.

Aber die Europäische Union schafft es gerade nicht, dieses Europagefühl zu vermitteln. Alles, worüber die Menschen sprechen, sind die Institutionen der EU. Was viele vergessen: Wir sind Teil einer Friedensgemeinschaft, die nach dem Zweiten Weltkrieg etabliert wurde und das sollte auch Teil unseres Selbstverständnisses sein. Mit der Bundeswehr haben wir natürlich auch Übungen im europäischen Ausland. Wir arbeiten beispielsweise bei der Ausbildung der Heeresbergführer eng mit dem Österreichischen Bundesheer zusammen - und leben so diese europäische Friedensgemeinschaft.

Aber von der Gemeinschaft und der Idee des Friedens dahinter spricht niemand. Und wenn Europa nicht vermitteln kann, wofür es steht, haben nationalistische und populistische Gedanken Zulauf. Da kann ich die Briten in gewisser Weise verstehen, wenn sie sich gegen dieses oberflächliche Europa wenden. Weil das Gefühl fehlt, was es bedeutet, Europäer zu sein.