Werkschau:Letztes Licht

Wenn das menschliche Auge nicht mehr sehen kann, sondern nur noch die Kamera: Das Münchner Filmmuseum zeigt eine Retrospektive des gefeierten chinesischen Regisseurs Hou Hsiao-hsien.

Von Fritz Göttler

Draußen ist es dämmrig, regnerisch. Drinnen: Rot und Weiß auf Grün. Eine kleine Billardbude, 1966, in Kaohsiung auf Taiwan. Ein Mädchen und ein Junge wechseln sich ab, ihre Blicke sind cool auf den Tisch konzentriert, aber man spürt, wie ein Interesse aneinander entsteht, über die Bewegungen der Kugeln. Aus dem Radio: "Smoke Gets In Your Eyes".

Eine der allerschönsten Kinoerfahrungen, die erste Szene der ersten Episode von "Zuihaode shiguang/Three Times", 2005, von Hou Hsiao-hsien. Für viele ist Hou, geboren 1947, der beste Filmemacher Chinas. Vor wenigen Wochen wurde er auf dem Filmfestival in Cannes für die beste Regie ausgezeichnet, für seinen neuen Film "The Assassin". Eine Martial-Arts-Phantasie, der Film fehlt leider noch in der Werkschau, die das Münchner Filmmuseum Hou nun widmet.

Retrospektiv fügen die Filme sich zu einem komplexen Gewebe, einem Gobelin, auf dem man gern den Überblick verliert, sich hinreißen lässt vom Detail. Es sind Heimatfilme, Filme über jene Jugend (und von ihr inspiriert), der Hou sich zugehörig fühlt, die aber - wie Jacques Rivette einst über François Truffauts "Les 400 Coups" schrieb - unser aller Jugend ist. Es sind Filme, die vom Abenteuer des Erwachsenwerdens berichten und von den Schmerzen einer Nation auf der Suche nach Identität. Filme, die auch von der derben Poesie der Jugendstreiche leben, ein Feuerwerkskracher in einem Kothaufen . . .

Die Poesie der Titel - "Eine Zeit zu leben und eine Zeit zu sterben", "Liebe, Wind, Staub", "Eine Stadt der Traurigkeit" - scheinen schon die unerbittliche Desillusionierung anzudeuten, oft spielt der Krieg eine Rolle, die ideologischen Auseinandersetzungen danach. In dem Film "HHH - Portrait de Hou Hsiao-hsien", aus der legendären INA-Serie "Cinéastes de notre temps", sucht Hou die Orte seiner Kindheit auf, zusammen mit dem Filmemacher Olivier Assayas. Auch er gehört zu seinen großen Fans und ist der Magie des Erzählers Hou verfallen, Stück für Stück. Den Film "The Assassin" wollte Hou unbedingt mit einer Bolex drehen - weil die Einstellungen da nicht länger als dreißig Sekunden dauern können und man die Kamera danach wieder aufziehen muss.

"Eine Zeit zu lieben" heißt die erste Episode der "Three Times". Der Junge, ein Soldat, kommt am folgenden Abend zurück, aber das Mädchen ist weiter gezogen, in einen anderen Ort, eine andere Billardbude. Die Liebe als unaufhörliches Hinterherlaufen . . . Hou wollte das Licht möglichst dämmrig, erzählt sein Kameramann Mark Lee, in dem schönen Hou-Hsiao-hsien-Band von Richard I. Suchenski (Österreichisches Filmmuseum Wien/SYNEMA). "Jedesmal wenn ich eine Leuchte abschaltete, fragte er mich, ob ich denn noch filmen könnte. Kein Problem, sagte ich, solange die Kamera das Licht spüren kann, das da war, und er sagte dann, ob ich nicht noch eine abschalten könnte. Oft stellte sich dann heraus, dass dies das einzige Licht war, das noch übrig war, und es gab einen Blackout." Das ist das reinste, das ursprüngliche Kino, es beginnt, wenn das menschliche Auge nicht mehr sehen kann, nur das der Kamera.

© SZ vom 03.06.2015
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