"Werk ohne Autor" im Kino Der Titel des Films: eine Verhöhnung.

Paula Beer Die neue Romy Schneider
Schauspielerin Paula Beer

Die neue Romy Schneider

Mit 21 Jahren wird Paula Beer bereits mit einer Schauspielikone verglichen. In ihrem neuen Film geht es ums Lügen. Die Berlinerin findet: Ehrlichkeit ist manchmal purer Egoismus.   Porträt von Paul Katzenberger

Schaut man also weiter hin, sieht man den erwachsenen Kurt (Tom Schilling) in der DDR, der erst einmal versucht, wegzuschauen und als sozialistisch-realistischer Kunststudent ein Auskommen zu finden. An der Akademie lernt er Ellie (Paula Beer) kennen, seine große Liebe, und diese Szenen haben etwas Leichtes und Antiautoritäres, man verliebt sich durchaus in dieses Paar und seine Darsteller. Dagegen steht Ellies Vater (Sebastian Koch): Er war der SS-Gynäkologe, der die hellsichtige Tante in den Tod schickte, als Medizinprofessor ist er aber auch dem neuen System nützlich, er wird nie für seine Verbrechen büßen müssen. Dafür terrorisiert er Tochter und Schwiegersohn, ein Schurke wie aus dem Bilderbuch, und Sebastian Koch frieren bei so viel Bosheit fast die Gesichtszüge ein.

Allein die Reifung des Helden zum Malergenie kommt in der DDR nicht recht voran, dafür bedarf es dann der Auswanderung in den Westen und der Kunstakademie Düsseldorf. Dort treiben sich allerhand Figuren herum, die leicht als reale Protagonisten der damaligen Zeit erkennbar sind, auch wenn sie andere Namen tragen. Oliver Masucci versucht sich bis in den rheinischen Singsang hinein an einer Joseph-Beuys-Imitation, Hanno Koffler gibt Günther Uecker mit seinen Nagelskulpturen, Sigmar Polke ist auch dabei mit seinen frühen Kartoffel-Konstrukten. Nagel-Uecker wird sogar Kurts bester neuer Freund. Er sucht immer wortreich "die Idee", was ihn als marktkonformen Selbstvermarkter ausweist und in eine mindere Künstlerkategorie einsortiert. Beuys dagegen kommt besser weg, er ruft recht originalgetreu zur Radikalität auf und insistiert auf gelebter Erfahrung. Das weist Kurt offenbar den richtigen Weg.

Und an dieser Stelle kann man wirklich nicht mehr ignorieren, wer das Malergenie sein soll, dessen Formung "Werk ohne Autor" nachzeichnen möchte, auch wenn der Name im Film nie genannt wird: Gerhard Richter.

Richter hatte wirklich eine Tante, die in einer "Euthanasie"-Anstalt umgebracht wurde, und einen Schwiegervater, der für NS-Zwangssterilisationen im Raum Dresden verantwortlich war. Fast alle weiteren Details dieser Familiengeschichte hat Donnersmarck dazugedichtet, inklusive der extremen Zuspitzungen. Jetzt aber, als der Maler Kurt endlich zu sich selbst und zu seiner Kunst findet, wird die Entstehung zweier Richter-Schlüsselwerke im Atelier fast eins zu eins nachempfunden.

Draußen vor den Fenstern der Akademie rauschen wildbewegt die Bäume, sogar sie nehmen an dieser mystischen Offenbarung im Jahr 1965 teil. Denn ohne die Verbrechen seines Schwiegervaters wirklich zu kennen, kopiert Kurt wie ferngesteuert ein Zeitungsfoto - die Verhaftung eines ehemaligen "Euthanasie"-Arztes in der Bundesrepublik. Kaum verschleiert ist dies Richters Bild "Herr Heyde", inklusive Unscharf-Verwischungspinsel. Als nächstens malt er ein Albumfoto ab, das ihn selbst als Kind mit seiner ermordeten Tante zeigt - das ist Richters "Tante Marianne". Was passiert, als der Schwiegervater endlich diese Bilder sieht, sagt alles über Donnersmarcks Glauben an die wortlose Macht der Kunst.

So hochspekulativ das ist, es hat etwas. Aber dann lässt der Regisseur schon wieder alle Hemmungen fahren. Er nimmt Presseauftritte und Zitate Richters, in denen dieser sich weigert, als Künstler nur aus seiner Biografie heraus erklärt zu werden, legt sie seinem Helden in den Mund und belächelt sie zugleich als Ausflüchte. Dann kommt ein minderbemittelter Fernseh-Kunstkritiker, der Kurts Schaffen als "Werk ohne Autor" bezeichnet und damit offenbar auf dessen Verschleierungstaktik hereingefallen ist. Der Titel des Films ist also: eine Verhöhnung.

Denn nur einer weiß, wie wahnsinnig biografisch alles wirklich war: Florian Henckel von Donnersmarck. Er weiß es sogar besser als Gerhard Richter selbst. Es gehört schon Chuzpe dazu, das einem Künstler anzutun, der sich stets mit allen Mitteln gegen solchen Vereinfachungskitsch gewehrt hat. Es ist nichts anderes als der Versuch, Richter die Deutungshoheit über das eigene Werk zu entreißen und dies als konsensualen Akt hinzustellen. Der Künstler höchstpersönlich habe ihm alle nötigen Einblicke geliefert, sagt Donnersmarck dazu. Richter hat sich in der Tat mit ihm getroffen und mit ihm geredet, hüllt sich jetzt aber in ein Schweigen von zunehmender Eisigkeit. Wenn das mal gebrochen wird, könnte es noch heiter werden.

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Chuzpe und Größenwahn sind dennoch nicht das zentrale Problem dieses Films. Das steckt tatsächlich schon in jener Busbahnhof-Szene mit den Hupen wie Engelsposaunen, die Kurt am Ende, endlich befreit und berühmt, noch einmal durchlebt. Vor allem steckt es in diesem Satz: "Ein Bild zu malen, das sich so anfühlt. Das ist es, was sie versuchen, diese entarteten Künstler." So würde Donnersmarck gern eine ungebrochene Linie von Klee und Kandinsky über Gerhard Richter bis hin zu sich selbst ziehen, aber die Frage ist doch die: Hat er mit seinen filmischen Mitteln ähnlich gerungen wie Kandinsky mit seinem Bild "Empor", vor dem Klein-Kurt am Anfang steht? Hat er auf ähnliche Weise am Sinn seines Handwerks und seines ganzen Tuns gezweifelt, hat er wie besessen nach neuen Wegen des Ausdrucks gesucht?

Die Antwort gibt schon in der Szene selbst der Dröhnsoundtrack und die Angeberkamerafahrt, die Antwort gibt die Gaskammer-Dresden-Montage und die Träne der flehenden Tante auf dem Schuh des Euthanasie-Arztes, und dazu einige Szenen mehr, die am Geschmack ihres Schöpfers zweifeln lassen. Das eigentliche und unglaubliche Rätsel aber - wie jemand einen dreistündigen, gar nicht einmal dummen Film über das existenzielle Ringen eines Künstlers um seine Ausdrucksmittel drehen kann, ohne die eigenen ästhetischen Entscheidungen auch nur ansatzweise mit auf den Prüfstand zu stellen - das bleibt ungelöst.

Werk ohne Autor, D 2018 - Buch, Regie: Florian Henckel von Donnersmarck. Kamera: Caleb Deschanel. Musik: Max Richter. Mit Tom Schilling, Sebastian Koch, Paula Beer, Saskia Rosendahl, Oliver Masucci, Cai Cohrs. Disney, 188 Minuten.

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