Wer zähmte wen?:Am Anfang war der Wolf

Lesezeit: 3 min

Der Zoologe Josef Reicholf zeichnet nach, wie der Hund zum Hund wurde. Der üblichen These, Menschen hätten Wölfe domestiziert, setzt er eine andere, gut begründete entgegen. So kann er auch erklären, wie es zum berühmten, "treuen Hundeblick" kam.

Von Rudolf Neumaier

Wer zähmte wen?: Josef H: Reichholf: Der Hund und sein Mensch. Wie der Wolf sich und uns domestizierte. Hanser Verlag, München 2020. 221 Seiten, 22 Euro.

Josef H: Reichholf: Der Hund und sein Mensch. Wie der Wolf sich und uns domestizierte. Hanser Verlag, München 2020. 221 Seiten, 22 Euro.

Warum werden Wissenschaftler Wissenschaftler? Bei Spezialisten ist es oft so, dass sie sich in ihr Fach verliebt haben und sich im Laufe ihres Forscherlebens zu Freaks entwickeln, wenn sie das nicht schon von Anfang an waren. Missgünstige Tröpfe sprechen von Fachidioten. Dann gibt es aber auch Wissenschaftler, die weit über den Horizont ihres Faches hinausschauen. Hinüber in andere Disziplinen, zurück in tiefste Vergangenheiten, sogar hinein in das eigene Privatleben. Warum sind wir, wie wir sind? Solche Wissenschaftler wollen die Welt verstehen. Der Biologe Josef Reichholf ist einer von diesen Forschern mit der angeborenen Universalneugier, die weise, auch geniale Wissenschaftler von Freaks unterscheidet. Und er will die Welt nicht nur verstehen: Wenn's ginge, würde er sie sogar verbessern.

Reichholf wäre nicht Reichholf, hätte er in einem Buch über Hunde nicht auch Einiges über das Menschgeschlecht zu sagen. Über uns Menschen, die dem "Prozess der Selbstdomestikation" so sehr unterliegen, dass wir uns heftigst anstrengen müssen, "uns jene Fitness einigermaßen zu erhalten, die unsere Art so erfolgreich gemacht hat". Von den Hunden lernen, würde heißen, Lehren daraus zu ziehen, dass viele von ihnen faul geworden sind und degeneriert und abhängig von Menschen, die ihnen Dosen mit Hundefutter öffnen und ihr Fell vor dem regelmäßigen Ondulieren schamponieren.

Mit "Der Hund und sein Mensch" erzählt Reichholf, Jahrgang 1945, eine grandiose Evolutionsgeschichte. Er verabschiedet die hergebrachte Theorie, wonach sich die Menschen den Wolf zum Partner machten und den Hund aus diesen Partnern züchteten, indem sich verwaiste Wolfswelpen oder in der Folge andere Individuen in Menschenobhut zum Freund von prähistorischen Jägern und Sammlern entwickelten, erst mal mehr von Jägern.

Für diese Meinung gibt es Anhaltspunkte. Allein sie erweisen sich bei näherer Betrachtung als genauso spekulativ wie alle anderen. Josef Reichholf spekuliert mit Akribie und Wonne und souverän argumentierend aus einem verehrungswürdigen Wissensfundus in eine andere Richtung: "Wie der Wolf sich und uns domestizierte". Dass Reichholf komplexe naturwissenschaftliche Zusammenhänge behutsam und verständlich darzulegen vermag wie wenige andere Naturwissenschaftler, muss nur für Leser angemerkt werden, die diesen Schriftsteller noch nicht kennen.

Manche Tiere, das lernt man bei dieser Lektüre, sind - langfristig betrachtet - nicht wesentlich dümmer als Menschen. Das macht Reichholf mit den einfachsten Mitteln plausibel: mit Beispielen. Am eindrücklichsten sind sie, wenn sie autobiografisch angehaucht sind. Josef Reichholf beginnt mit den Hunden der Grenzpolizisten, die in seiner Heimat stationiert waren und die Grenze am Inn zu Österreich bewachten. In nahezu freundschaftlichen Beziehung zu einem dieser Schäferhunde machte der Knabe Josef seine ersten Studien in der Verhaltensbiologie.

Das Geheimnis des treuen Blicks liegt in der Wechselwirkung mit unseren eigenen Endorphinen

Hätte ihn sein Forscherdrang nicht ins Biologiestudium getrieben und später eine Stelle als Oberornithologe in der Zoologischen Staatssammlung in München beschert, so hätte er auch als Autor, als Erzähler, ein gutes Auskommen. Aber fürs Erzählen allein, für die Fiktion gar, wäre diese unermüdliche und immer auf belegte und belegbare Fakten versessene Forschernatur vergeudet.

Er kommt von der Anatomie der Neandertalerinnen im Allgemeinen und ihren Beckenmaßen im Besonderen über Hundebiss-Statistiken und das eiszeitliche Vorkommen von Löwen von Alaska bis Nordostsibirien zu seinem eigenen Hund Branko. Mit dessen Lebensgeschichte betreibt Reichholf eine kleine Charakterstudie, in der er weitere Hinweise auf die Selbstdomestikation von Wölfen zu Hunden aufspürt. Der erste Blick, mit dem sich Reichholfs Ehefrau und dem Welpen Branko in die Augen schauten, hatte eine kraftvolle Initialwirkung. "Wie ein magisches Gummiband" seien sie fortan miteinander verbunden gewesen. Diese besondere Einstellung der Hunde auf die Menschen ist tief verwurzelt, sie lässt sich herleiten vom Sozialverhalten der Wölfe. Und dann kommt der Clou: Verantwortlich für soziale Interaktionen sind beim Wolf wie beim Hund und beim Menschen Hormone. "Das Geheimnis des ,treuen Hundeblicks' liegt in seiner Wechselwirkung mit unseren eigenen Endorphinen."

Branko, ein Mischling, gehörte zur Familie. Er ist jetzt tot, deshalb weht aus einigen Seiten des Buches ein Hauch von Sentimentalität. "Ein bitterer Punkt blieb, das wir es ihm nicht ermöglichen konnten, sich mit einer Hündin zu paaren und eigene Junge zu erzeugen", schreibt Reichholf, "sicher wären diese wunderbar geworden." Allerdings hat man in unseren Breitengraden die meisten Hündinnen sterilisiert, außerdem sind ohnehin großteils Rüden unterwegs, kastrierte Rüden.

Josef Reichholf, der Lebewesen-Beobachter und Lebewesen-Beschreiber, hat ein untrügliches Gespür für Details, mit denen er Leser fassen kann. Er erzählt und argumentiert sie so plastisch aus, dass jeder sie versteht und gleichzeitig die Fachwelt kaum an ihnen vorbeikommen wird - und das nicht weil Professor Reichholf nun mal Professor Reichholf ist, sondern weil seine Thesen erst mal widerlegt werden müssten.

"Dass das Gebotene der Weisheit letzter Schluss nicht sein kann, ist klar", schreibt Reichholf am Ende seines Hundebuches. Exakt das ist das Weise an Reichholfs Weisheit: Er ist zurückhaltend genug, sich nur als Impulsgeber für eine und als Teilnehmer an einer Debatte zu beschreiben. Er gibt Denkanstöße. Ohne Absolutheitswahn. Andernfalls wäre er ein Freak. Aber die Freaks können sich jetzt erst mal an ihm abarbeiten.

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