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Wenn Theater zu den Zuschauern kommt:Muse auf Rädern

Ein Abend mit Molière in Obersüßbach, wo das traditionsreiche "Kulturmobil" des Bezirks Niederbayern auf eine coronabedingt steigende Lust an echter Bühnenkunst trifft.

Von Rudolf Neumaier

Die Sehnsucht nach gelebter Kultur, an diesem Abend ist sie in Obersüßbach spürbar. Ebenso die Disziplin im Abstandhalten. In der Gasse zwischen dem früheren Wirtshaus Rothmüller und der Raiffeisenbank hat sich eine Schlange gebildet. Ausgehungerte, die Molière sehen wollen, "Der Geizige" - endlich mal wieder richtige Schauspieler, fast zum Anfassen.

Obersüßbach ist ein Dorf im westlichen Landkreis Landshut, das locker als Kulisse für einen von diesen gerade sehr beliebten Provinzkrimis herhielte. Hier gibt es, unter anderem, eine imposante Kirche mit romanischer Bausubstanz, Sankt Jakobus, und ein mit Sonnenenergie beheiztes Freibad. Wenn Obersüßbach nach Kultur verlangt, schickt der Bezirk Niederbayern seine Theatertruppe.

Ein Lastwagen, den sie hier Kulturmobil nennen, fährt seit mehr als zwanzig Jahren eine sieben Meter lange Bühne durch die Gegend, die Jahr für Jahr neu gebaut wird. Der Lastwagen macht im August noch halt in Egglham, St. Oswald-Riedlhütte, Wurmannsquick und zehn anderen Dörfern. Keine Frage, ein außergewöhnliches, ein nahezu verrücktes Objekt für eine Gebietskörperschaft wie den Bezirk Niederbayern. Denn warum soll eine Obersüßbacherin oder ein Egglhamer, die sich für Molière interessieren, nicht nach Passau ins Stadttheater oder nach München oder gleich nach Paris fahren?

Andererseits: Könnte eine Gebietskörperschaft ihre Bewohner liebevoller und charmanter mit Geist beliefern und mit Erbauung? Wo die Menschen den großen Sälen und den Ballungsräumen fernbleiben sollen, zündet die Idee mehr denn je, die Maximilian Seefelder, der niederbayerische Bezirksheimatpfleger, vor 23 Jahren entwickelt hat. Seefelder kannte eine Spediteurin, die das Theater liebte. Durch sie lernte er nicht nur Münchner Schauspielgranden wie Toni Berger und Karl Obermayr kennen, vielmehr öffnete ihm die Transportspezialistin die Augen für das Vehikel: "Du brauchst einen Lastwagen mit Aufbau." So fing's an.

Inzwischen haben sie Shakespeare gespielt und Kleist und Gogol. Fürs Ensemble rekrutiert der Bezirk ausschließlich Profis. Dazu lädt er zum Casting nach Landshut. Die Gagen seien fairer als an den meisten Stadttheatern, sagen Kulturmobil-Künstler. Die Verpflegung auch: In der zum Probensaal umfunktionierten Maschinenhalle des Agrarbildungszentrums in Landshut stehen immerzu Obst, Getränke und Naschzeug bereit. Und auf der Tour überbieten sich manche Gastgeber beim Catering. Allein daran lasse sich deutlich ablesen, wie sehr die Niederbayern ihr Kulturmobil schätzen, sagt Gerhard Schuller, 69, Bühnenbildner, technischer Leiter, Bühnenmeister und Lastwagenfahrer in Personalunion. Er ist ein Mann der ersten Stunde beim Kulturmobil. Wenn er nicht für die Bezirkskultur unterwegs ist, lebt er im Bayerischen Wald und zieht Bienenwachskerzen, die er im Winter auf einem Christkindlmarkt in München verkauft - wenn Kulturmobil-Schauspieler vorbeischauen, bekommen sie natürlich ein Exemplar geschenkt.

Kulturmobil Niederbayern

Molière mit vollem Körpereinsatz – das Ensemble des Kulturmobils vom Bezirk Niederbayern.

(Foto: Sabine Bäter)

"Am Anfang gab es überall Leberkas-Semmeln. Leberkas, Leberkas, Leberkas - ich konnte es nicht mehr sehen", sagt Schuller. Heute fahren die örtlichen Veranstalter feinstes Catering vom Dorfwirt auf oder vom Metzger. Obersüßbach beispielsweise hat kalte Platten aufgestellt, die für fünf Ensembles reichen würden. Man merkt wirklich, was Kultur hier wert ist.

In den 252 Städten und Gemeinden von Niederbayern gibt es mehr als 200 Laienspielgruppen. Auch Michael Ostermayr, der Bürgermeister von Obersüßbach, ist immer leidenschaftlicher Theaterdarsteller gewesen, bis ihn die Obersüßbacher praktisch aus einer Bufforolle heraus ins ernste Fach gewählt haben, zum Gemeindeoberhaupt. Er weiß auf den ersten Blick, was die Profis können und er nicht. "Man merkt das schon, wie die vor der Aufführung mit ihrer Nervosität umgehen", sagt er, "viel souveräner." Gelernt ist gelernt.

Als würdiger Ort für eine Premiere hat sich seine Gemeinde allemal erwiesen, sieht man von der Nachbarschaft ab. Aus dem Garten nebenan hörte man laute Terrassenkonversation, was die Tücken des öffentlichen Raumes ebenso deutlich vor Augen führte wie das Neun-Uhr-Läuten von Sankt Jakobus, dessen Turm hinterm Kulturmobil optisch eine schöne Kulisse abgegeben hat. Was die Nachbarn sicher nicht wussten: Das Gebell ihres Hundes passte exakt ins Stück.

Die Dialoge hätten nicht präziser sein können für die Kläffeinsätze des Hundes. Und umgekehrt. Bei Maximilian Seefelder, dem findigen Bezirksheimatpfleger, würde es nicht wundern, wenn er den Störenfrieden dafür einen Preis verliehe - für kulturfördernde Spontanignoranz. Vor zwei Jahren schlug Seefelder, 61, für den Kulturpreis des Bezirks einen Tierzüchter vor, der mit Ausdauer und Liebe die vom Aussterben bedrohte Schweinerasse der "Bunten Bentheimer Schweine" am Leben hält. Seefelders Begründung überzeugte die Jury. Von der allumfassenden Weite des niederbayerischen Kulturbegriffs können seither alle lernen, die sich stur auf den klassischen Kanon fixieren.

Mein Gott, wie lang war schon nichts mehr geboten im Westen des Landkreises Landshut! Die Plakate am alten Stadel in der Ortsmitte stammen aus goldenen Zeiten vor dem Virus. Mitte November führte die Katholische Landjugendbewegung Rainertshausen das Theaterstück "Der Himme wart net" (Der Himmel wartet nicht) auf, für Ende März war "Im Himmel gibt's koa Parlament" im Pfarrheim von Großgundertshausen avisiert, dazwischen lag der Frauenfasching des katholischen Frauenbundes mit flotter Tanzmusik. Und auch wenn die Volkskultur in diesem Landstrich eher im frommen Spektrum verortet ist, sind die Niederbayern aufgeschlossener, als mancher Oberbayer wahrhaben würde.

Kulturmobil Bezirk Niederbayern Obersüßbach

Eintritt frei: Honoratioren müssen nicht auf der Bierbank Platz nehmen, für sie sind Stühle reserviert.

(Foto: Rudolf Neumaier)

Die Inszenierung von Molières Komödie über den Pfennigfuchser Harpagon verlangt definitiv mehr vom Publikum als konventionelle Pfarrheim-Lustspielunterhaltung. Der Regisseur Florian von Hoermann hat das Stück auf zwei Schauspielerinnen und vier Schauspieler verdichtet und den Text auf den Kern gestrafft. Länger als anderthalb Stunden darf ein Kulturmobil-Stück nicht dauern. Das ist eine Vorgabe, die Bezirksheimatpfleger Seefelder den Regisseuren nach den Erfahrungen der ersten Jahre gemacht hat. Auf Bierbänken ohne Lehnen hat man nicht die Geduld und die Ausdauer, die etwa die Freunde von Frank-Castorf- oder Andreas-Kriegenburg-Inszenierungen in bequemen Sesseln klimatisierter Theater aufbringen. Wobei das auch mal spannend wäre: Castorf in Obersüßbach.

Die Musik, die Neil Vaggers für diese Produktion komponiert und eingespielt hat, hüllt den Abend in einen Sound aus Barock und Independent, Cembalo und E-Gitarre. Magisches Crossover auch bei der Ausstattung: Peter Papakostidis trägt als Harpagon Adidas und Barock-Halskrause, sein Töchterlein Elise, das mit seinem in einen Kammerjäger-Overall gehüllten Liebhaber Valère zu Beginn ein Covid-19-Desinfektionsballett aufführt, tritt in Tutu und Collegejacke auf.

Florian von Hoermann, 45, lässt in einem Tempo spielen, bei dem im Idyll dörflicher Gemächlichkeit allenfalls die freiwillige Feuerwehr mithalten könnte, wenn es - Gott behüte! - brennt. Atemberaubend. Das Ensemble spielt mit Schutzvisieren, was ungefähr so schwer sein muss wie für Fußballprofis, wenn man ihnen einen Klotz ans Bein bindet. Aber sie meistern das. Wenn die Plastikscheiben mimische Feinheiten verbergen, machen die Akteure das durch Körperspannung und intensiveren Mundwerkzeugeinsatz wett. Mikroports und Lautsprecher helfen.

Immer wieder sind aus den Kulturmobil-Truppen Künstlerinnen und Künstler hervorgegangen, die in Film und Fernsehen reüssierten. Maximilian Seefelder fallen auf Anhieb zehn Namen ein, darunter Eli Wasserscheid, Jan Messutat und Dieter Fischer. In den letzten Jahren engagierte Seefelder immer öfter Absolventen der privaten Passauer Schauspielschule Athanor. Mit Peter Papakostidis, Elisabeth Küchle, Carmen Jahrstorfer und Artur Hieb sind vier der sechs Rollen im "Geizigen" mit ehemaligen Athanor-Eleven besetzt. Sie tummeln sich wie Johannes Schön und Robert Erby in der freien Szene, die wegen der flächendeckenden Corona-Absagen extrem gelitten hat, und weiter leidet.

Kulturmobil Bezirk Niederbayern Obersüßbach

Bezirksheimatpfleger Maximilian Seefelder, hier am Begleitwagen des Kulturmobils, beliefert Dörfer mit professioneller Bühnenkunst

(Foto: Rudolf Neumaier)

Die Idee mit dem Theater auf Rädern hatte schon der alte Thespis im Athen des sechsten Jahrhunderts vor Christus. Ihm wird die Erfindung der Tragödie zugeschrieben, und Horaz schrieb später, Thespis sei mit einem Karren umhergezogen, den er als Bühne genutzt habe. Auch in Afrika fahren sie Kultur von Ort zu Ort, um die Menschen zu unterhalten. Die "Nollywood"-Filme, die in Nigeria, dem womöglich zweitgrößten Filmland der Welt, für 25 000 Dollar in zehn Tagen gedreht werden, kommen mit Kinowagen unters Volk.

Im Gegensatz zu den kommerziellen Filmvorführungen rund um Lagos, Ogbomosho und Maiduguri ist der Eintritt bei den Theaterabenden in Egglham, Obersüßbach und Wurmannsquick frei. Die Gemeinden Niederbayerns müssen sich beim Bezirk bewerben, in der Regel kommen jedes Jahr 30 von ihnen an die Reihe. In diesem Jahr waren es wegen der Corona-Pandemie nur 15.

Nun besagt aber eine alte bayerische Weisheit, dass etwas nichts wert ist, was nichts kostet. Deshalb erhebt der Bezirk Niederbayern bei den Gemeinden Gastspielbeiträge, gestaffelt nach Einwohnerzahl: bis 5000 Einwohner 700 Euro, bis 10 000 Einwohner 1250 Euro, drüber 1850 Euro. Darüber hinaus müssen die Gemeinden vorweisen: einen Starkstromanschluss, ausreichend Platz für das 13 Meter lange Kulturmobil und eine Ausweichmöglichkeit für Regentage. Weil Bürgermeister die Entscheidung über eine Bewerbung oft ihren Gemeinderäten überlassen, sind Stühle in den vorderen Reihen nicht nur für den Pfarrer und die Presse reserviert, sondern eben auch für die Gemeinderäte selbst.

In Obersüßbach sind einige Wolken über das Kulturmobil gezogen, die nach nahendem Regen aussahen. Doch es blieb trocken. Die Spiellust des Ensembles und die Schaulust des Obersüßbacher Publikums haben einen Schirm gebildet. Vielleicht hat auch das Bellen des Nachbarhundes geholfen.

© SZ vom 08.08.2020

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