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Wendemuseum in Los Angeles:Lenin beim Klassenfeind

Das Leipziger Messemännchen präsentierte sich stets weltoffen mit einem Globus als Kopf. Das erste Maskottchen aus dem Jahr 1964 hatte den gleichen Vater wie das Sandmännchen.

(Foto: "Das DDR Handbuch" (Taschen Verlag Köln))
  • In einem ausgedienten Waffenlager der US-Nationalgarde in Los Angeles befindet sich das Wende Museum, das die größte Sammlung von DDR-Devotionalien außerhalb der DDR beherbergt.
  • Sein Gründer, der Historiker Justinian Jampol, will mit seiner Sammlung nicht nur Geschichte konservieren, sondern auch zum Nachdenken über aktuelle Themen wie Mauerbau, Überwachung, Russland und Nordkorea anregen.

Der amerikanische Sektor endet in Los Angeles in der Coombs Avenue, Ecke Culver Boulevard. So steht es zumindest auf dem Schild im Wende Museum, schwarz auf weißem Blech: "Sie verlassen den amerikanischen Sektor." Auf dem Rasen vor dem Museum wartet ein ramponiertes Stück der Berliner Mauer, auf einer Seite naturbelassen, auf der anderen quietschbunt bemalt von dem französischen, in Berlin lebenden Künstler Thierry Noir.

Tatsächlich steht das längste Stück der Mauer (außerhalb Deutschlands) ausgerechnet beim Klassenfeind. Der Gründer des Wende Museums, Justinian Jampol, schippte vor gut zehn Jahren 30 Tonnen Berliner Mauer nach Los Angeles und ließ sie teils von zeitgenössischen Künstlern bemalen. Zehn Betonsegmente zieren nun den Wilshire Boulevard gegenüber vom LACMA, einem der größten Kunstmuseen in den USA. Es mag einem merkwürdig vorkommen, dass diese Überbleibsel des real existierenden Sozialismus eine neue Heimat in Los Angeles fanden, aber der Gründungsdirektor des Wende Museums geht sogar noch einen Schritt weiter: "Sie können so nur in L.A. stehen," betont Jampol, 41. "Wenn diese Dinge in Berlin stehen, dann als Monument der Geschichte, aber in L.A., dieser internationalen Stadt, stehen sie für viel mehr, für die aktuelle Diskussion um die Grenzmauer, um Einwanderung, um das Verhältnis zu Russland."

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Das Gebäude wurde zur Vorbereitung auf den dritten Weltkrieg gebaut

Es ist nicht nur ein Teil der Mauer, sondern mit mehr als 100 000 Artefakten auch die größte Sammlung von Memorabilia aus dem Kalten Krieg, die in Los Angeles aktuell interpretiert wird. "Was ist die Essenz eines Museums?", fragt Jampol. "Was passiert, wenn man etwas aus der lokalen Geschichte in einen internationalen Kontext stellt? Was wäre, wenn Los Angeles durch eine Mauer in Ost und West geteilt würde?" Schon das Gebäude in Culver City, die ausschweifende Halle, in der das Wende Museum seit zwei Jahren residiert, ist ein geschichtsträchtiger Ort - ein ausgedientes Waffenlager der US-Nationalgarde, gebaut in dem Jahr, in dem die beiden Deutschlands entstanden: 1949. "Der Boden ist so dick, weil er Panzer aushalten musste," erklärt Jampol mit Blick auf die graue Betonschicht. "Das Gebäude wurde zur Vorbereitung auf den dritten Weltkrieg gebaut. Damit bereitete sich Los Angeles auf den Moment vor, wenn Bomben vom Himmel fallen. Es sollte als Bunker dienen, in den man sich flüchten kann, um die kommende Invasion zu überleben." Nun ist es ein Denkmal des Wahnsinns, weil das Unterfangen so abenteuerlich naiv war. Die Stadt hat es ihm 75 Jahre zur Miete überlassen - für einen Dollar pro Monat, aber natürlich hat Jampol es renoviert, als sein Paradies für Ostalgiker vor zwei Jahren einzog; die Sonne flutet durch Glasflächen unter dem Dach, die grauen Wände verbergen das Archiv und die Bibliothek. "Wir sind ein Museum ohne eine einzige weiße Wand."

Justin Jampol

Der Historiker Justinian Jampol, Jahrgang 1978, stammt aus Los Angeles. Schon früh interessierte er sich für Russland und Osteuropa.

(Foto: Hannah Caprara/Wende Museum)

Warum gründet ein junger, in Los Angeles geborener Historiker, der mit seinem blonden Schopf und den roten Nike-Sneakers als Double von Owen Wilson durchgehen könnte, mit einem Model verheiratet ist und keinerlei deutsche Vorfahren hat, fast 10 000 Kilometer von Deutschland entfernt ein Museum zum Thema Kalter Krieg? Ein Teil seiner Motivation war Eigeninteresse. Nach einer Zeit als Austauschstudent in Moskau schrieb er seine Doktorarbeit über die Ikonografie der DDR, "weil es zu dem Thema nicht viel gab". Er sammelte dafür Alltagsgegenstände wie Poster, Platten und Gedenkteller. "Mein Doktorvater in Oxford sagte: Du kannst aber nicht deinen Schrank, oberstes Fach links, in der Quellenangabe nennen. Ich musste sie also irgendwo öffentlich archivieren." Zudem wuchs in ihm die Sorge, all die DDR-Devotionalien würden auf den Müllhalden entsorgt, weil die Leute nichts mehr mit ihnen zu tun haben wollten. Also gründete er 2002 an einem anderen Standort das Museum - mit nur 24 Jahren. Inzwischen beherbergt es die größte Sammlung an DDR-Devotionalien außerhalb Deutschlands. Der deutsche Verleger Benedikt Taschen half ihm kräftig und publizierte mit Jampol zum 25. Jahrestag des Mauerfalls den fast tausendseitigen Bildband "Jenseits der Mauer", deshalb ist auch die Hauptausstellungshalle nach Taschen benannt. Jampol kooperiert außerdem mit namhaften Giganten wie dem Getty oder dem LACMA, ist aber stolz darauf, "klein und wendig" zu bleiben.

Zu den Sammlerstücken des Wende Museums gehört auch eine Speisekarte der Milchbar Pinguin in Leipzig.

(Foto: "Das DDR Handbuch" (Taschen Verlag Köln))

"Es sind ja im strikten Sinne keine Kunstwerke", meint er etwa mit Blick auf die 2000 Speisekarten aus der DDR, "sondern verwaiste Fundstücke, die eine Geschichte erzählen." 1200 Gedenkteller hat er im Museum gehortet, vom Jubiläumsteller zum "1 Millionsten Trabant" zum "Frauenförderungsehrenpreis Zuchtkommission Potsdam" mit einem prächtigen Gockel im Zentrum und einer schwarzen Lenin-Skizze auf einem weißen Teller mit dem vergeblichen Versprechen: "Der Marxismus ist allmächtig, weil er wahr ist." Und reicht sein Deutsch mal nicht aus, um die Aufschriften zu verstehen, schaut Jampol im Wörterbuch nach. Vor allem interessiert ihn "die gigantische Kluft zwischen der offiziellen Geschichtsschreibung und den Erinnerungen der Leute". So wird das Wende Museum zu einer eklektischen Zeitreise in die Zeit des Kalten Kriegs.

Das Wende Museum zieht Touristen und Historiker an, aber auch Filmemacher und Designer

Gleich nach dem Eingang dudeln ein altes Radio der Marke Tesla, und - noch mit dem Häkeldeckchen auf dem Kasten - das Transistorradio "Sternchen" von 1959, davor die erste deutsche Spielkonsole in Nationalfarben. Auf den Bildschirmen an den Wänden läuft das Sandmännchen - einmal in der Westfassung, einmal in der qualitativ deutlich besseren Ostfassung. In den Vitrinen warten Sputniks in Spielzeuggröße auf das Abheben, Gesichtserkennungslektionen vom Checkpoint Charlie, und ein ganzer Kasten zeigt Spionage-Apparate der Stasi, jedes so groß wie ein Koffer. "Eines dient zum Orten des Gegners, ein anderes zum Abhören, ein drittes zum Kommunizieren," erklärt Jampol auf der Tour. "Als ich das kürzlich einer Schulklasse erklärte, sagte ein Vorlauter: Aber das kann ich doch alles mit meinem Handy!"

Das Wende Museum zieht Touristen und Historiker an, aber auch Filmemacher, Designer und Studenten, erstaunlicherweise vor allem Millennials, die sich ein Bild von dieser Periode der Geschichte machen wollen. Jampol versteht sein Museum interdisziplinär: "Ich mag es nicht, wenn Museen wie Silos sind - da die Texte im Archiv, da die Bilder an der Wand. Wir haben all diese großartigen Geschichten zu erzählen, und wir erzählen sie eben durch Gedenkteller, Speisekarten und Kinderspielzeug." Fundstücke wie der quietschgelbe Altenburger Zitronenlikör namens "Kalifornia", der so viel über die Sehnsüchte der Zeit aussagt. Die Stücke kommen oft in Koffern bei ihm an, wenn jemand den Keller der Tante ausräumt, "da landen dann bei uns ein altes Radio und zwei Gedenkteller in eine Fahne gewickelt". So dokumentiert er, "was in Ostdeutschland damals geschah, aber auch, was in Osteuropa jetzt los ist". Erst kürzlich hat die Witwe eines Kunstsammlers im Vorort Encino bei Los Angeles die Garage leer geräumt und dem Wende Museum die 234 Gemälde vermacht, die ihr verstorbener Mann den Dissidenten aus Osteuropa abkaufte, weil sie ihre Arbeiten in ihren Heimatländern nicht zeigen durften. Zu den "giftigen" Werken im Wende Museum zählt ein Lenin im Andy-Warhol-Stil oder der kommunistische Stern mit Coca-Cola-Logo. Gerade die räumliche Distanz zu Osteuropa findet Jampol in dieser Hinsicht wichtig. Im Augenblick bekommt sein Museum "viele Kunstwerke aus Ungarn, aus der Zeit zwischen 1949 und 1989, weil die rechte, nationalistische Orban-Regierung sie jetzt loswerden will. Die gelten dann plötzlich als 'minderwertig', weil von Russland beeinflusst, sind tatsächlich aber Zeugen der Entwicklung."

Das tragbare Radio „Rema Trabant T6" war nicht nur dem Namen nach ein treuer Begleiter.

(Foto: "Das DDR Handbuch" (Taschen Verlag Köln))

Er deutet auf einen gemalten Lenin mit einem echten Gewehrschuss in der Stirn. "Aus konventioneller Sicht ist das Kunstwerk zerstört," sagt Joes Segal, der holländische Chefkurator, über die Sammlung subversiver Kunst. "Aber für uns ist es ein Zeugnis der Politik des Vergessens und des Unterdrückens. Diese Dinge erzählen uns eine Menge über die Aufarbeitung der Geschichte in diesen Ländern."

Genau so ist es mit dem Nachlass von Erich Honecker. Der ehemalige Staatschef verfügte ausdrücklich, seine Aufzeichnungen aus seinen letzten Jahren, die Moabiter Notizen, sollten außerhalb Deutschlands aufbewahrt werden. Deshalb landeten sie im Wende Museum. Darin findet sich der Satz: "Wenn es nach mir ginge, würde die DDR weiterleben." Honecker behauptet darin auch, die Berliner Mauer habe den dritten Weltkrieg verhindert. So schließt sich der Kreis, in einem Gebäude, das gebaut wurde, um dem dritten Weltkrieg standzuhalten. Ähnlich störrisch beharrt ja der aktuelle Machthaber in Washington auf den Sinn einer physischen Mauer.

Auch das goldene Schwert, das Saddam Hussein einst Honecker schenkte, hängt nun hinter Glas im Wende Museum. "Wo soll es auch sonst hin?", fragt Jampol verschmitzt. "Das sind problematische Gegenstände. Man will sie nicht wegwerfen, aber die Deutschen wollen sich damit auch nicht im eigenen Land schmücken." In Los Angeles, meint er, würden diese Dinge "mit mehr Objektivität, mehr Distanz, mehr Reflexion" betrachtet.

Die Mauer, Überwachung, Russland - die Geschichte fühlt sich präsenter an als je zuvor

"Anfangs wurde ich ständig gefragt: Warum müssen wir heute noch diese Geschichte studieren? Was können wir daraus lernen? Diese Fragen stellt heute niemand mehr. Die Geschichte fühlt sich präsenter an als vielleicht jemals zuvor, denn die Themen sind alle wieder aktuell: die Mauer, Überwachung, Russland, Nordkorea." In vielerlei Hinsicht sei das "eben nicht lange her. Alles, was wir jetzt erleben ist ein Produkt dieser Zeiten, deshalb sehe ich diese Dinge als ausgezeichnete Gelegenheit, darüber zu reflektieren."

Jampol zeigt auf einen "zivilen Verteidigungskit" aus der Zeit der Kubakrise Anfang der 60er-Jahre. "Wir haben ihn aufgemacht und ganz oben lagen all diese Röhrchen Valium, mit einem Zettel, auf dem stand: Bitte im Fall vom Hysterie schlucken." Das hält Jampol für "eine schöne Metapher für den Geisteszustand im Kalten Krieg". Aber auch für die Gegenwart. Jetzt, wo die Spannung zwischen Russland und Amerika wieder wächst, könnten solche Erste-Hilfe-Kästen mit Beruhigungstabletten wieder dringend gebraucht werden.

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