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Wende-Museum in Kalifornien:Eintauchen in den verschwundenen Staat

In der an Unwahrscheinlichkeiten reichen Stadt Los Angeles sind das Wende-Museum und sein Gründer Jampol vielleicht die unwahrscheinlichsten, und zwar noch einmal jeweils für sich. Anfang der Neunziger war Los Angeles für Christa Wolf noch der maximal von der DDR und ihren Stasiakten entfernte Ort auf der Welt.

Heute ist es der einzige, an dem man noch einmal körpertief eintauchen kann in den verschwunden Staat und zum Beispiel in seinen alten Speisekarten und Brigadebüchern blättern; das Wende-Museum besitzt Tausende davon, weil Jampol, der jetzt Mitte dreißig ist und exakt so aussieht wie der auf der besseren Seite von Los Angeles aufgewachsene Rechtsanwaltssohn, der er auch ist, sie seit zehn Jahren hier angehäuft hat. Wie er dazu kam, ist vor allem geschichtspolitisch aufschlussreich.

Archäologie der allerjüngsten Vergangenheit

Da ist zunächst der an Archäologie interessierte Oberschüler, der zu Grabungsstätten im Nahen Osten reist und den dabei der Zwischenstopp in Berlin fasziniert. Nun ist Berlin damals, in den Neunzigern, für viele junge Amerikaner faszinierend. Was die Stadt aber speziell Jampol zu bieten hatte, war die Anwendbarkeit archäologischer Methoden auf die allerjüngste Vergangenheit. Und dann ist da, ab dem Jahr 2000, der Geschichtsstudent am St. Anthony's College in Oxford, der nun sehr häufig nach Berlin fliegt, was einerseits recht private Gründe hat, andererseits ist die Stadt "eine große Ressource" für die Wissenschaft.

Berlin, überhaupt Ostdeutschland ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung, habe das Gefühl einer Vergangenheit vermittelt, die gerade zur Geschichte wird - aber noch nicht ganz da ist. Man habe, sagt Jampol, zuschauen können, wie sich die Narrative formten, unter welchen kulturellen und politischen Einflüssen und Interessen Geschichte geschrieben wird. "Denn es geht dabei ja nicht nur darum, was die Leute behalten, es geht darum, was sie wegschmeißen, was sie loswerden wollen."

Westdeutsche definieren, was kulturell wertvoll ist

Und hier griff er nun zu. Seine Sammlung erzählt also mindestens so viel über die Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges wie über die Zeit, in der die Sachen entstanden sind. All die mehr oder weniger künstlerisch ambitioniert gestalteten Präsent-Teller zum Beispiel, die da jetzt in diesem Büro- und Lagerhaus in Culver City hängen: von den 13. Arbeiterfestspielen der DDR 1971 oder von der Kreiskommission der Verfolgten des Naziregimes Dresden-Stadt oder Lausitzer Steingut mit dem Emblem der Betriebskampfgruppen.

Er hat, sagt Jampol, diese Dinge gesammelt, weil sie, erstens, massenhaft zu haben waren. Und zweitens sei das praktisch schon eine Frage für die akademische Forschung gewesen: Warum werden bestimmte Dinge aufgehoben und andere nicht? Im Einigungsvertrag war damals nur davon die Rede, dass kulturell Wertvolles aus der DDR aufbewahrt werden möge. Aber wie definiert man das? Und wer definiert das eigentlich?

Antwort aus der Praxis: Westdeutsche haben das definiert, und sie haben es, wenn überhaupt, auf Werke der bildenden Kunst angewandt, während die Hervorbringungen der angewandten Künste eher in den Rang von Geschichtsdokumenten eingestuft wurden, als Propaganda-Material, was im Prinzip fast schon den moralischen Imperativ in sich trägt, ein paar Beispiele ins Deutsche Historische Museum oder ins Haus der Geschichte zu geben und den Rest wegzuwerfen.

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