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Wende-Museum in Kalifornien:Sandmännchen am Silver Lake

Auch das Sandmännchen ist in Los Angeles zu sehen.

(Foto: Laure Joliet)

Wer definiert eigentlich, was in der DDR kulturell wertvoll war? Bisher waren es Westdeutsche. Ein Historiker in Los Angeles hat eine Sammlung ostdeutscher Dinge aufgebaut und darin die angewandten Künste nicht zum Propaganda-Material reduziert.

Von Peter Richter, Los Angeles

Bevor wir zu der Hauptperson dieser Geschichte kommen, erst einmal kurz zu dem österreichischen Architekten Richard Neutra: Das Haus, das der sich 1932 in Los Angeles an das Ufer des Silver Lake gebaut hatte und das nach einem Brand in den Sechzigern von Neutras Sohn leicht verändert wiedererrichtet wurde, steht Freunden der frühen kalifornischen Moderne heute an den Wochenenden zur andächtigen Besichtigung frei. In den letzten Monaten sah es allerdings so aus, als würde das Haus von einer einigermaßen gut situierten Familie aus Ostberlin, Leipzig oder Magdeburg bewohnt - irgendwann in den späten Siebziger- oder frühen Achtzigerjahren.

Da standen die orangefarbenen Plastikstühle in der Z-Form aus dem Petrochemischen Kombinat Schwedt, da lagen Zigaretten der Marke Club neben einem Aschenbecher in Reifenform von Pneumant, in der Bar neben dem Bücherregal mit Klassikern der sozialistischen Theorie ("Karl Marx") und Praxis ("Wie helfe ich mir selbst: der Skoda 100") stand der Kirsch-Whisky (Ki-Wi) vom VEB Bärensiegel Berlin und der "Akzisefreie Trinkbrandwein" (offensichtlich hatte hier jemand Beziehungen zu Mitarbeitern des Uran-Bergbaus). Auf dem Couchtisch und auf der Toilette lagen Ausgaben des Magazins mit Titelbildern von Werner Klemke, die sich der New Yorker, der ja insgesamt recht ähnlich aussieht, so frivol nie trauen würde.

Der Beitrag des Ostblocks zur Designgeschichte

Im Bad: Livio Camillen Creme. Und im Kinderzimmer: die Cowboy- und Indianerfiguren aus Hartgummi, mit denen man hier, einen originalen Silbersee vor dem Fenster, den Wilden Westen noch einmal so nachspielen konnte, dass die Guten gewinnen, also die Indis. Auch stand Peter Ghyczys "Garden Egg Chair" aus dem Jahr 1968, der international bekannteste Beitrag des Ostblocks zur Designgeschichte, noch nie irgendwo angemessener als an einer typisch Neutra'schen Glaswand zwischen Innen und Außen, Wohnhaus und Terrasse.

Da staunte der Kalifornier über die Modernität des Ostens, den er sich in aller Regel grauer, jedenfalls aber deutlich weniger orange vorgestellt hatte. Und wer selbst aus diesem Osten stammt, hatte in jeder Hinsicht ein Gefühl von coming home: So in etwa sah das aus bei manchen. So in etwa sollte das überall aussehen. Das war das Ziel.

Kalter Krieg und consumer culture

Und daran ist es letztlich auch gescheitert: Der Kalte Krieg und wie er auf der Ebene der consumer culture verloren wurde, die gerade hier, in Kalifornien, beim Gegner, vom Kalten Krieg befeuert wurde. Es hat ja mindestens so viele Bücher über die Nähe der kalifornischen Moderne zur lokalen Rüstungsindustrie gegeben wie Aufsätze über die tragische, weil ruinöse "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" in den Honecker-Jahren.

Das beides räumlich so zusammenzuzwingen, dass man es auch zusammendenken kann, ist ein Verdienst, und zwar das von Justin Jampol, der auch nicht vergessen hat, auf dem Dachboden vom Neutra House originale Abhörtechnik aus der DDR auszustellen. Denn Justin Jampol betreibt das sogenannte Wende-Museum in Culver City, die größte Sammlung von Gegenständen der DDR-Alltagskultur außerhalb Deutschlands.

Das heißt: Womöglich kommt nicht einmal in Deutschland irgendwo noch dermaßen viel DDR auf einen Haufen zusammen. Am 15. November wird Taschen, der Verlag für die besonders dicken Coffeetablebooks, einen Band über die Sammlung herausbringen: mehr als 800 Seiten, rund 3000 Fotos. Oder wie Justin Jampol das ausdrückt: "Ungefähr ein Prozent von dem, was wir in unserer East German Collection haben".

Eintauchen in den verschwundenen Staat

In der an Unwahrscheinlichkeiten reichen Stadt Los Angeles sind das Wende-Museum und sein Gründer Jampol vielleicht die unwahrscheinlichsten, und zwar noch einmal jeweils für sich. Anfang der Neunziger war Los Angeles für Christa Wolf noch der maximal von der DDR und ihren Stasiakten entfernte Ort auf der Welt.

Heute ist es der einzige, an dem man noch einmal körpertief eintauchen kann in den verschwunden Staat und zum Beispiel in seinen alten Speisekarten und Brigadebüchern blättern; das Wende-Museum besitzt Tausende davon, weil Jampol, der jetzt Mitte dreißig ist und exakt so aussieht wie der auf der besseren Seite von Los Angeles aufgewachsene Rechtsanwaltssohn, der er auch ist, sie seit zehn Jahren hier angehäuft hat. Wie er dazu kam, ist vor allem geschichtspolitisch aufschlussreich.

Archäologie der allerjüngsten Vergangenheit

Da ist zunächst der an Archäologie interessierte Oberschüler, der zu Grabungsstätten im Nahen Osten reist und den dabei der Zwischenstopp in Berlin fasziniert. Nun ist Berlin damals, in den Neunzigern, für viele junge Amerikaner faszinierend. Was die Stadt aber speziell Jampol zu bieten hatte, war die Anwendbarkeit archäologischer Methoden auf die allerjüngste Vergangenheit. Und dann ist da, ab dem Jahr 2000, der Geschichtsstudent am St. Anthony's College in Oxford, der nun sehr häufig nach Berlin fliegt, was einerseits recht private Gründe hat, andererseits ist die Stadt "eine große Ressource" für die Wissenschaft.

Berlin, überhaupt Ostdeutschland ein Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung, habe das Gefühl einer Vergangenheit vermittelt, die gerade zur Geschichte wird - aber noch nicht ganz da ist. Man habe, sagt Jampol, zuschauen können, wie sich die Narrative formten, unter welchen kulturellen und politischen Einflüssen und Interessen Geschichte geschrieben wird. "Denn es geht dabei ja nicht nur darum, was die Leute behalten, es geht darum, was sie wegschmeißen, was sie loswerden wollen."

Westdeutsche definieren, was kulturell wertvoll ist

Und hier griff er nun zu. Seine Sammlung erzählt also mindestens so viel über die Zeit nach dem Ende des Kalten Krieges wie über die Zeit, in der die Sachen entstanden sind. All die mehr oder weniger künstlerisch ambitioniert gestalteten Präsent-Teller zum Beispiel, die da jetzt in diesem Büro- und Lagerhaus in Culver City hängen: von den 13. Arbeiterfestspielen der DDR 1971 oder von der Kreiskommission der Verfolgten des Naziregimes Dresden-Stadt oder Lausitzer Steingut mit dem Emblem der Betriebskampfgruppen.

Er hat, sagt Jampol, diese Dinge gesammelt, weil sie, erstens, massenhaft zu haben waren. Und zweitens sei das praktisch schon eine Frage für die akademische Forschung gewesen: Warum werden bestimmte Dinge aufgehoben und andere nicht? Im Einigungsvertrag war damals nur davon die Rede, dass kulturell Wertvolles aus der DDR aufbewahrt werden möge. Aber wie definiert man das? Und wer definiert das eigentlich?

Antwort aus der Praxis: Westdeutsche haben das definiert, und sie haben es, wenn überhaupt, auf Werke der bildenden Kunst angewandt, während die Hervorbringungen der angewandten Künste eher in den Rang von Geschichtsdokumenten eingestuft wurden, als Propaganda-Material, was im Prinzip fast schon den moralischen Imperativ in sich trägt, ein paar Beispiele ins Deutsche Historische Museum oder ins Haus der Geschichte zu geben und den Rest wegzuwerfen.

Wer füllt die Archive?

Seine Lehrer in Oxford hatten ihm ausreden wollen, auf visuelle Quellen zu setzen, denn nur Schriftliches sei akademisch seriös, warum er nicht in Berlin und Bonn in die Archive gehe, wie anständige Historiker das eben so tun. Jampols Gegenfrage war: Wer füllt denn aber die Archive? Wer entscheidet denn, was da reinkommt? Und wenn alle Historiker sich immer nur aus diesem vorausgewählten Bestand bedienen - müssen dann nicht alle mehr oder weniger das Gleiche schreiben? Wird dann das Narrativ nicht immer enger?

Am Ende hat Justin Jampol eine sehr bemerkenswerte Dissertation darüber geschrieben, wie Picassos Friedenstaube und Jewgeni Wutschetitschs Schwerter-zu-Pflugscharen-Skulptur erst vom Regime und dann gegen das Regime in Stellung gebracht wurden. Ein Musterbeispiel dafür, dass die Politische Ikonografie eine Disziplin ist, die auch für Historiker, nicht nur für Kunsthistoriker, eminent fruchtbar sein kann.

Der Kontext bestimmt die Bedeutung der Dinge

Wenn aber, wofür Jampols Dissertation den Beweis liefert, der Kontext die Bedeutung der Dinge bestimmt: Was macht dann der unwahrscheinliche Kontext von Los Angeles mit dem Alltagsstrandgut aus dem Ostblock? Der erste Gedanke, der einem hier kommen muss, ist ja der, dass das eine Art Trophäensammlung des Kalten Krieges ist, so wie einst die "Türckischen Cammern" der Türken-Bezwinger von Wien.

Bei Justin Jampol klingt es dagegen eher so, als könne es einen natürlicheren, logischeren und besseren Ort dafür überhaupt nicht geben. Die Geschichte geht so: Bis 2004 hat er die Sachen noch in seinem Studentenwohnheim in England liegen, da müssen sie raus. Er schickt einen Container voll mit DDR-Devotionalien heim nach Los Angeles und hat dann drei Wochen Zeit, sich Gedanken zu machen, was dort damit geschehen könnte. Denn so lange braucht das Schiff.

Verlust von Gedächtnis verhindern

Dann kommen die Qualitäten von Los Angeles ins Spiel. Er ruft den Chef des Getty Museums an und erhält Hilfszusagen. Er lernt zufällig in einer Warteschlange einen Spediteur kennen und bekommt einen kostenlosen Sattelschlepper für den Container. Und er fragt Peter Baldwin, den Historiker von der University of California, und wird von ihm eingeladen, sich beim britischen Arcadia Funds um Mittel für Forschungsprojekte zu untergegangenen Kulturen zu bewerben. Die anderen Kandidaten: das British Museum, Yale und Harvard. Die anderen Projekte: archäologische Ausstellungen, Forschungen zu ausgestorbenen Sprachen in Afrika und Südamerika. Und er: DDR. Deren Ende ist da noch nicht mal fünfzehn Jahre her. Aber die Stiftung sieht ein, dass rechtzeitiges Sammeln den Verlust von Gedächtnis verhindert.

Ne gute Platte und dazu die "Cabinet"? Auch das findet sich in der Sammlung.

(Foto: Laure Joliet)

Inzwischen sind ständig fünf Leute in den Ländern des ehemaligen Ostblocks unterwegs und tragen die Dinge zusammen. Dinge, die ihre Besitzer zum Beispiel lieber hierher geben als in ein deutsches Museum, aus Sorge, die könnten dort in eine zu starre Geschichtserzählung eingebaut werden. Oder Dinge wie die Sammlung selbstgemalter sowjetischer Hippie-Poster, Dinge, für die es keine Museen gibt, keine zuständigen Institutionen. "Wir bieten denen an: Wir nehmen alles, wir übernehmen den Transport, wir bearbeiten es wissenschaftlich, wir digitalisieren es, und hier kann es von jedem jederzeit benutzt werden, es wird nie verkauft oder weggegeben werden."

Solidarität war offensichtlich nicht nur auf den Wandtellern des Sozialismus ein Schlüsselbegriff: Offensichtlich gibt es auch in Los Angeles eine regelrechte Kultur der Nachbarschaftshilfe, wo Studenten der Universität beim Katalogisieren tätig werden und die Fachleute aus Hollywood die sechstausend Lehrfilme aus den Defa-Studios betreuen, Schulungsfilme aus dem Maschinenbau und Schulmaterial zu Hygienefragen oder zur Fotosynthese.

Culver City als kultureller Leuchtturm

Es ist aber auch eine bemerkenswerte Mischung aus kulturellem Reichtum und kulturellen Komplexen, die in dieser Stadt immer wieder zum Wirken kommt. Nirgends gibt es so viele Stiftungen, die so viel Geld in Kultur schütten wollen, und nirgends herrscht so ein nervöses Minderwertigkeitsgefühl gegenüber New York wie in Los Angeles, der ewigen second city. Und innerhalb von Los Angeles ist Culver City noch einmal etwas Besonderes: eine eigenständige Gemeinde mit beträchtlichem Ehrgeiz, als kultureller Leuchtturm herauszuragen.

In Culver City findet man so wunderbare idiosynkratische Privatmuseen wie das Museum of Jurassic Technology oder das Center for Land Use Interpretation. Die Gemeinde fördert so was. Justin Jampols Museum haben sie jetzt für die nächsten 150 Jahre einen Militärkomplex aus dem DDR-Gründungsjahr 1949 inklusive Atombunker zur Verfügung gestellt. Zum Preis von einem Dollar. Der Umzug hat noch nicht stattgefunden, aber Justin Jampol hat schon die Schlüssel.

Zwischen ​Kommunistenfresserfilmen und Rüstungsfirmen

Wir stehen also vor dem - wie man in der DDR gesagt hätte - Objekt, und Jampol ist schon wieder vollkommen begeistert über die signifikanten Kräfte des Kontexts: Rechts von uns waren die Studios, wo sie damals die Kommunistenfresserfilme gedreht haben, links sind die Werksiedlungen der Rüstungsfirmen. Der Wohlstand und die Geschichte von Culver City: Das ist der ums Mediale erweiterte militärisch-industrielle Komplex schlechthin. Wo, bitte, wäre eine komplette Sammlung aller Jahrgänge der SED-Zeitung Neues Deutschland idealer aufgehoben?

Jampol sieht nämlich offenbar eher das Wende-Museum als Kommentar zu Geschichte und Gegenwart von Los Angeles - und als Reservoire für sogenannte künstlerische Interventionen in dieser ansonsten ja doch recht selbstgefälligen Stadt. Eben erst ist auf Betreiben des Museums das ehemalige Pförtnerhäuschen der DDR-Nachrichtenagentur ADN hier eingeflogen gekommen wie die heilige Hütte von Loreto. Das ist ein Projekt des Berliner Künstlers Christof Zwiener.

Eine Mauer, nicht nur für einen Tag

Und vor fünf Jahren, zum zwanzigsten Jahrestag des Mauerfalls, hatte Jampol die Stadtväter sogar davon überzeugen können, dass man auch in Los Angeles mal eine Mauer aufbauen könnte, nur für einen Tag, quer über den Wilshire Boulevard, die westliche Hauptschlagader - damit die Angelenos mal sehen, wie das ist und was so etwas selbst auf wenigen Metern mit den Leuten macht.

Die Reste der originalen Berliner Mauer, die dort bis heute noch stehen, sind inzwischen ein multifunktioneller Fixpunkt im öffentlichen Raum geworden. Protestierende und Streikende nutzen sie als Hintergrund, um auf Unrecht jedweder Art hinzuweisen. Falls Justin Jampol seine Forschungen zum wandelbaren Gebrauch politischer Symbole mal zu einer Habilitation ausbauen will, hat er sich hier selber das Material geschaffen.

Die koreanische Community zum Beispiel sucht die Berliner Mauer von Los Angeles auf, um in Protest gegen die Teilung der eigenen Heimat davor ihre Hochzeitsfotos zu machen.

© SZ vom 03.11.2014/khil
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