Süddeutsche Zeitung

Weltwunder:Vertikale Strukturen

Sie hingen nicht wirklich: Ein historischer Längsschnitt über die Geschichte der Hängenden Gärten von Babylon.

Von Burkhard Müller

Von den sieben klassischen Weltwundern der Antike hatte eins immer einen besonderen Status gehabt. Zwar sind sie alle (mit Ausnahme der wind- und wetterfesten Pyramiden) inzwischen hinüber; aber man weiß doch sehr Bestimmtes über sie, was ihr Zweck war, wie sie aussahen, so ungefähr mindestens, wer sie baute, manchmal sogar, wer sie zerstörte. Es handelt sich um belastbare historische Fakten.

Nicht so bei den Hängenden Gärten der Semiramis. Schon der geheimnisvolle Klang dieses Namens! Was heißt "hängend"? Und wer war Semiramis? Der Kunsthistoriker Stefan Schweizer ist ihnen nachgegangen, in einem Band, der ursprünglich als Begleitschrift einer Ausstellung zum Thema in Schloss und Park Benrath konzipiert wurde (Schweizer ist Wissenschaftlicher Vorstand der zugehörigen Stiftung), aber sich sehr gut auch unabhängig davon lesen lässt. Nur den Bildern hätte man doch ein klein wenig mehr Platz gegönnt.

"Hängend", um damit anzufangen, ist ein altes Missverständnis. Selbstverständlich sind die Gärten nicht aufgehängt wie eine Blumenampel. Die entsprechenden griechischen und lateinischen Vokabeln meinen vielmehr einen schwebenden Zustand, und dieser wiederum bezieht sich auf mächtige Substruktionsbauten, die erforderlich waren, um die terrassierten Anlagen mit ihren Bäumen hoch in die Lüfte zu stemmen.

Die antiken Quellen zeichnen sich durch märchenhafte und widersprüchliche Züge aus und ließen, als das Sujet nach der Inkubationszeit des Mittelalters in der Neuzeit wieder mehr Zuspruch fand, der bildlichen und architektonischen Vorstellungskraft die nötige Freiheit. Sebastian Münster entwarf im 16. Jahrhundert eine Art gigantischen Tisch auf Säulenbeinen; die Stiche des 17. und 18. Jahrhunderts schwelgten in monumentalem Exotismus und brachten die Gärten gern zusammen mit ihrem Nachbarn, dem Turm von Babel ins Bild, der mit seiner spiralig umlaufenden Rampe aussieht wie die Spitze eines riesigen Bohrers, der sich aus dem Untergrund den Weg ins Licht bahnt.

Die Päpste und Fürsten der italienischen Renaissance bevorzugten ein intimes Format, was sie aber nicht daran hinderte, mit dem gewaltigen Bau-Aufwand anzugeben. Gerade diese naturwidrige, teure Ablösung der Pflanzen vom Mutterboden, um sie gewissermaßen in den Himmel umzutopfen, galt als ein exquisiter Herrscherluxus.

Le Corbusier wollte mit dem Flachdach die Grundfläche der Städte verdoppelten

Im 19. Jahrhundert trat die Archäologie auf die Bühne und begann die bisherige Fata Morgana erstmals mit harten Fakten zu unterfüttern. Leider fand sie nicht viel außer einem Riesenhaufen von Ziegeltrümmern. Gärten dauern schlecht; wenn keiner sie pflegt, verschwinden sie rasch von der historischen Bildfläche. Aber noch einmal beflügelte die Idee der Hängenden Gärten die Architekten und die Maler von Sammelbildern, welche Liebigs Fleischextrakt beilagen; Schinkel entwarf eine grandiose Anlage für die Zarin auf der Krim, und Hans Poelzig ein in mehreren Ebenen zurückspringendes Haus der deutsch-türkischen Freundschaft in Konstantinopel. Beides wurde nie gebaut, weil jeweils Kriege dazwischenkamen. Der Krieg ist der ewige Todfeind des Gartens. Die Hängenden Gärten der Sankt Petersburger Eremitage überstanden die 1000tägige deutsche Belagerung nur, weil die Museumsangestellten sie in Zeiten der Hungersnot zum Anbau von Lauch und roter Bete nutzten.

Das letzte Kapitel des Bandes ist ein Gastbeitrag des Germanisten Frank Maier-Solgk und befasst sich mit der Fortschreibung der antiken Idee in Moderne und heutiger Zeit. Dem alten Phantasma kam das neue Konzept des Flachdachs entgegen. Le Corbusier forderte, die Grundfläche der Städte durch Dachgärten quasi zu verdoppeln.

Ganz neue Perspektiven hat das Hochhaus eröffnet; hier beginnen die Gärten erstmals wirklich zu hängen, indem sie sich in senkrechte Strukturen verwandeln. Andere Hochgebäude (z.B. der Trudo Vertical Forest in Eindhoven, der dieses Jahr fertig werden soll) machen den Eindruck großer Kommoden, wo von oben bis unten das Grün herausquillt wie Socken aus schlecht geschlossenen Schubladen.

Aber auch in Deutschland gibt es einige ehrgeizige Projekte; das Buch behandelt den Kö-Bogen in Düsseldorf und das Pschorr-Haus in München. Im Zeitalter des klima- und energiebewussten Bauens liegen die Hängenden Gärten eindeutig im Trend. Schade nur, meint Maier-Solgk, dass sie nicht mehr so heißen dürfen und gerade dann, wenn sie faktisch Allgemeingut werden, aufgehört haben, ein verbreitetes Bildungsgut zu sein, das alle mit einem lauten Ah! erkennen. Ein alter Menschheitstraum geht in Erfüllung, und keiner merkt es. Außer den Autoren des Buchs natürlich.

Und Semiramis? Die bleibt so rätselhaft wie eh und je. Eine große Jägerin soll sie gewesen sein, eine große Fürstin, die sich klug als ihr minderjähriger Sohn ausgab, um die Herrschaft für beide zu sichern; leider auch wollüstig und inzestuös. Bis in die Sechzigerjahre wurde sie in Sandalenfilmen verherrlicht, für die, dem abgebildeten Plakat nach zu schließen, B-Movie ein zu hoch gegriffenes Kompliment gewesen wäre. Als "Semiramis des Nordens" feierte Voltaire die russische Zarin Katharina II., auf die St. Petersburgs Hängende Gärten zurückgehen. Dass dabei auch die legendäre Erotomanie der Babylonierin auf Katharina abfärbte, das war, wie Schweizer trockenen Tons kommentiert, "höchstwahrscheinlich eine von Voltaire unbeabsichtigte Parallele".

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SZ vom 31.07.2020
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