Weltschmerz Man reist, um jammern zu können

Unterdrückung, Katastrophen, Kriege, Terroranschläge: Schriftstellerin und Kolumnistin Sibylle Berg rafft sich auf, die Welt zu sehen und sie schrecklich zu finden - und zwischendurch einen Schimmer von Glück zu erleben.

Von Kathleen Hildebrand

Früher war alles besser. Vor allem das Reisen. Laut alten Berichten ungefähr so: Freundliche Beduinen brieten ein Schaf, wenn Gäste aus dem Okzident kamen, und die Gemeinschaft feierte zu den Klängen einer Schalmei. Die Welt war rau und noch nicht von Satelliten vermessen. Und man musste nicht vor den Toren des Petersdoms wie am Flughafen darauf warten, komplett durchleuchtet zu werden, bevor man Einlass erhält.

Und doch weiß man, dass Nostalgie nie die ganze Wahrheit ist. Es erstaunt deshalb, dass ausgerechnet Sibylle Berg ein nostalgisches Buch über das Reisen geschrieben haben soll. Diese menschenfreundliche Realistin, die sich jede Woche in ihrer Kolumne für Spiegel Online wieder dazu aufraffen zu müssen scheint, sich über die Welt zu wundern. "Wunderbare Jahre" heißt dieses Buch. Im Untertitel: "Als wir noch die Welt bereisten." Der Klappentext behauptet, der Strand sei längst "zur Kampfzone geworden".

So ist das also, wenn man als Tourist von Rebellen gefangen genommen wird

Dieser Band versammelt Reisetexte, die Berg an anderer Stelle bereits veröffentlicht hat. Für die Buchausgabe hat sie sie überarbeitet und neu arrangiert sowie, das ist der Clou, jeweils mit einem Postscriptum versehen, das nüchtern in Nachrichtensprache zusammenfasst, was seit der Erstveröffentlichung an den bereisten Orten passiert ist: Unterdrückung, Umweltkatastrophen, Kriege, Terroranschläge. Nichts Gutes.

Die Sache ist nur: Auch in Sibylle Bergs Reportagen, den Selbsterfahrungsberichten und fiktionalen Texten, geht es um Unterdrückung, um Umweltkatastrophen, Kriege und Terroranschläge. Sibylle Bergs Reisen waren niemals nur wunderbar. Außer vielleicht jene eine nach Italien, als sie, frisch verliebt, zum ersten Mal in einem schönen Hotel wohnte. Das ahnt man schon, wenn man liest, wo sie so unterwegs war: im Kosovo nämlich, und zwar während des Kriegs. In einem Inselarchipel vor Myanmar, wo ein paar Rebellenjungs lange mit sich zu ringen scheinen, bis sie Berg und ihren Dolmetscher dann doch am Leben lassen. "So ist das also", schreibt sie da, "worüber man ab und an einen Vierzeiler in der Presse liest. Touristen als Geiseln genommen, zu Tode gekommen. Und die das lesen, denken: Selber schuld." Oder in Südafrika, wo sich hinter hübschen Weinbergen hässliche Reste der Apartheid, große Armut und unfassbare Kriminalität verbergen. Nicht einmal in Wien und Cannes ist alles schön, wenn es Sibylle Berg ist, die reist und beschreibt: Ständig scheint Regen ans Fenster ihres ärmlichen Hotelzimmers zu schlagen, obwohl das Wetter in Wahrheit trocken ist, nur grau, und die Menschen sind alt und garstig. In Cannes kommt man entweder nicht rein in die Villa mit der Filmfestival-Party, für die George Clooney angekündigt ist. Oder, denn Sibylle Berg kommt rein, es ist so: "98 % Produzenten, Verleiher, Investoren, 1 % Journalisten, und 1 einziger George Clooney. Der sitzt auf dem Sofa und lächelt. Alle trinken ein Glas Champagner und lächeln, tun so, als ob sie George Clooney auf dem Sofa nicht sähen". Glamour? Fehlanzeige. Vielmehr: Alles zutiefst enttäuschend, aber zum Glück auch immer gesprenkelt mit kleinen Schimmern von Schönheit, die inmitten von Schrecklichkeit Trost spenden.

In Brasilien zum Beispiel. Sibylle Berg reist in den Dschungel. Dorthin, wo die, die nichts mehr zu verlieren haben, in altertümlichen Minen nach Gold schürfen, auf einen Kiloklumpen hoffen, aber immer nur Goldstaub finden. Auf dem Weg zu einem Goldgräberlager lernt Berg eine junge Frau kennen, freundet sich mit ihr an. Nachts gehen sie zusammen baden, im Mondlicht in einem Fluss namens Piranha, "der gelb vor Quecksilber schimmert". Ein bisschen Freundschaft, ein bisschen überraschende Furchtlosigkeit: Das ist so ein Reiseglücksmoment. Einer, der aus dem Schrecklichen hervorleuchtet, das überall zu finden ist, wohin man sich auf Reisen begibt. Damals, heute, immer eigentlich. Wenn dann im Postscriptum steht, dass sich der toxische Schlamm aus den Minen mittlerweile ins Meer ergießt, dann ist das schrecklich. Ein schockierender Kontrast zwischen vergangenen Zeiten und der Gegenwart ist es nicht.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Buch stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Sibylle Berg ist viel zu wenig naiv, um auf einer Pazifiküberquerung mit einem Containerschiff viel anderes zu empfinden als Leid wegen der zermürbenden Hässlichkeit der Pressspaneinrichtung in der Kabine. Anderes als zermürbende, große graue Langeweile. Sie ist aber auch viel zu sensibel, um nicht von warmer Menschlichkeit gerührt zu sein, egal, wo sie ihr begegnet: "Ron und Norine sitzen mit am Tisch. Der 82-jährige Australier und die 77-jährige Kanadierin haben sich vor zehn Jahren auf einer Frachtschiffreise kennengelernt. Heute sind sie ein Liebespaar und machen bereits ihre zehnte Tour zusammen." Nach einem kurzen Gespräch "küsst Norine Ron, und die beiden ziehen sich vom Tisch zurück, um ein bisschen Puzzle zu spielen oder zu fummeln".

Lohnt es sich, für diese kleinen Momente so gewaltige Reisen zu unternehmen wie eine zehntägige Pazifiküberquerung, an der man 99 Prozent der Zeit leidet? Man müsste wohl sagen: nein. Wäre da nicht der Wert der Enttäuschung an sich. Es geht beim Reisen, wie Sibylle Berg es betreibt, gerade um die Desillusionierung, um das erkenntnisreiche Zertrümmern von kitschigen Wunschvorstellungen. Wie schön und wie perfekt wäre das Leben, denkt sich Berg, wenn ich in diesem einen kleinen rot gestrichenen Holzhaus im Laurel Canyon bei Los Angeles wohnte. Sie verbringt dann ein paar Wochen in Los Angeles, kennt fast niemanden, alle fahren ständig Auto. Irgendwann schleicht sich eine Erkenntnis ein: "Fast vermute ich, dass es hier genauso viel Scheiße gibt wie zu Hause, dass sie nur einfach besser beworben wird." Jeder zertrümmerte Traum ist eine Erkenntnis mehr. Das Glück der Reise liegt immer irgendwo am Rand, nie in der Erfüllung von Klischees. In Sibylle Bergs Reiselust schwingt jene Weisheit der Vielgereisten immer schon mit, die eigentlich eine routinierte Enttäuschungserwartung ist.