Süddeutsche Zeitung

Neuer Roman von Rushdie:Ganz große Action über 800 Jahre

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In seinem neuen Roman "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte" plädiert Salman Rushdie für das Bündnis der Vernunft mit dem Wunderbaren - und warnt vor religiösem Fundamentalismus.

Von Lothar Müller

Im Frühjahr 1989 sah sich Salman Rushdie seines Vornamens beraubt. Auf den Plakaten, die Demonstranten auf den Straßen iranischer Städte hochreckten, wurde unter seinem mit Hörnern versehenen Porträt, aus dem eine große rote Zunge heraushing, dazu aufgerufen, "Satan Rushdie" zu hängen. Der Autor war mit dem Titel seines Buches "Die satanischen Verse" verschmolzen, "welches sich gegen den Islam, den Propheten und den Koran richtet". Mit dieser Formel hatte der Ayatollah Chomeini im Februar 1989 den Autor "sowie alle, die zur Publikation des Buches beigetragen haben", zum Tode verurteilt und hinzugefügt: "Ich bitte sämtliche Muslime, die Betroffenen hinzurichten, wo immer sie auch sein mögen."

In dem autobiografischen Bericht über sein Leben unter der Drohung der Fatwa gibt es zur Verwandlung von Salman in "Satan Rushdie" eine doppelte Gegenbewegung. Die eine hält der Titel des 2012 erschienenen Berichts fest: "Joseph Anton". Das ist der Deckname, den Rushdie für sein Leben unter Polizeischutz wählte, seine aus den Vornamen von Joseph Conrad und Anton Tschechow verfertigte Tarnkappe. Ein Allerweltsname, in dem sich Portalfiguren der literarischen Moderne als Schutzheilige verbergen. Die zweite Gegenbewegung des Verteufelten geht aus dem Geschenk hervor, das ihm sein Vater Anis macht: aus seinem Nachnamen.

Rushdies Nachname rührt von Ibn Ruschd her, dem Philosophen aus Córdoba,

Diesen Namen, "Rushdie", hat der Vater erfunden, der Großvater hieß noch Khawaja Muhammad Din Khaliqi Dehlavi. "Anis nannte sich in ,Rushdie' um aus Bewunderung für Ibn Ruschd, Averroes für den Westen, jenen spanisch-arabischen Philosophen des zwölften Jahrhunderts aus Córdoba, der zum quadi, Richter von Sevilla aufstieg, den Übersetzer und renommierten Kommentator der Werke von Aristoteles. Sein Sohn trug den Nachnamen zwei Jahrzehnte, ehe ihm aufging, dass sein Vater, ein wahrer Gelehrter des Islam, dem jeder religiöse Glaube abging, sich für diesen Namen entschied, weil er an Ibn Ruschd schätzte, dass er zu seiner Zeit an vorderster Front den rationalen Diskurs gegen eine allzu buchstabengetreue Koranauslegung geführt hatte."

Mit dem Kapitel "Die Kinder des Ibn Ruschd" beginnt der neue Roman von Salman Rushdie "Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte". Der Philosoph, er ist in ein Dorf bei Córdoba verbannt, erhält darin Besuch von einem weiblichen Dschinn, einer Dschinnya. Sie kommt in Gestalt eines Mädchens aus einer der jüdischen Familien in sein Haus, "die nicht mehr sagen durften, dass sie Juden waren". Als Dschinnya, die man sich als Schattenfrau aus feuerlosem Rauch vorzustellen hat, entstammt die junge Dunia zugleich der Welt der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht. Sie wird die Geliebte des Philosophen, der mit ihr eine Vielzahl von Nachkommen zeugt. Sie heißen Duniazát, nach ihrer Mutter und zugleich nach der Schwester Scheherazades, und haben alle angewachsene Ohrläppchen.

Liebesgeschichte mit dem Wunderbaren

In "Joseph Anton" hat Salman Rushdie sein Leben als Leser und Autor aus dem zweiten Geschenk hervorgehen lassen, das er neben seinem Nachnamen dem Vater verdankt: aus der frühen Vertrautheit mit den Dschinns in Flaschen, fliegenden Teppichen und Wunderlampen aus Tausendundeiner Nacht, und ihren altindischen Gegenstücken, den Tierfabeln aus dem Panchatantra und den Erzählströmen des Kathasaritsagara. Seit den "Mitternachtskindern" schöpft Rushdie aus diesem Reservoir, und nicht erst seit der Fatwa des Ayatollah Chomeini geht seine Einschmelzung der Mythen und Märchen in die moderne Literatur mit der resoluten Verteidigung der Rechte des säkularen Autors einher, mit der Berufung auf "Aufklärung" und "Vernunft", auf die "Befreiung der Philosophie und der Bildung von den Fesseln der Theologie".

"Wenigstens ziehe ich mit dem passenden Namen in die Schlacht", das war Rushdies Selbstbehauptungsformel gegen die Fatwa. Nun verwickelt er Ibn Ruschd in eine Liebesgeschichte mit dem Wunderbaren: zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte dauert diese Geschichte, das ist die mathematisch-kalendarische Verschlüsselung der magischen Zahl "1001". Und zugleich verwickelt er Ibn Ruschd in eine Fehde mit seinem Widerpart al-Ghazali.

Mit den realen Philosophen des Mittelalters sind sie nur lose verwandt, um im Roman eine klare Opposition repräsentieren zu können: Ibn Ruschd als Anwalt der Rationalität, der das kausale Denken, Wissenschaft und die Vernunft gegen die Allerklärungsansprüche der Religion zur Geltung bringt, al-Ghasali als konservativer Anwalt der islamischen Orthodoxie.

Der Religion setzt Rushdie das Bündnis der Vernunft mit dem Wunderbaren entgegen

Es sind aber nicht die Philosophen selbst, die in der Folge ihren Widerstreit austragen. Das tun vielmehr die Dschinns, die hellen wie die dunklen, diejenigen, in denen der Geist der Lebenslust herrscht, und diejenigen, die als Agenten der Angst und des Schreckens durch den Roman gehen. Denn in dieser Welt der Verzauberungen und Abenteuer ist seit dem ersten Auftreten Ibn Ruschds und seines Gegenspielers klar: Die große Kraftquelle der Religion ist die Angst. Sie ist die Rivalin aller Liebesgeschichten zwischen dem Wunderbaren und der Vernunft.

Auf drei Zeitebenen hat Rushdie seinen Roman angesiedelt. Im Mittelalter nimmt er seinen großen Anlauf, um dann über mehr als 800 Jahre hinweg in die nähere Zukunft der Gegenwart zu springen, nach New York, das von einem großen verheerenden Sturm heimgesucht wird, dem Auftakt zu einem zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte währenden "Kampf der Welten", in dem die Dschinns des Schreckens und des Todes und die der Lust und des Lebens ihren Bürgerkrieg in der Sphäre der Menschen austragen.

Die dritte Schicht ist das Off, die ferne Zukunft, aus der heraus die kollektive Erzählerstimme eines anonymen "Wir" auf die Kämpfe zurückblickt, befreit vom Schrecken, aber auch von der Fähigkeit zu träumen. Das letzte Wort des Romans ist das nicht, es lautet vielmehr: "Manchmal sehnen wir uns nach Albträumen." Salman Rushdie, immer schon ein Freund der unreinen Mischungen von Genres und Stilen, setzt eine Gesamtentfesselung aller Medien des Wunderbaren und Fantastischen ins Werk.

Spott, drastischer Slang und hohe Pointendichte

Wenn im Sturm, der über New York hereinbricht, der dunkle Dschinn ein ganzes Boot der South Ferry verschlingt, rivalisiert er mit dem Katastrophenfilm. Ein eher erfolgloser Comiczeichner wird selber zum Helden einer Endlosserie, als ihm durch eines der Löcher, die sich in New York zur Welt der Dschinns auftun, eine seiner eigenen Figuren gegenübertritt. Ein Wunderbaby macht an den Gesichtern der Korrupten die Korruption sichtbar. In den Actionszenen des Showdowns zwischen der Dschinnya und ihren dunklen Widersachern strebt der Roman nach dem Verwandlungstempo des Zeichentricks. Spott, drastischer Slang und hohe Pointendichte säumen die abschüssige Bahn, auf der die Weltordnung und die Gesetze der Natur außer Kraft gesetzt werden.

Ein schmales Mietshaus an der Peripherie New Yorks heißt "Bagdad". Hier, in "Aladin City" erzählt Blue Yasmeen, Künstlerin für Performance, Installation und Graffiti, Lügengeschichten. Im "Bagdad" wohnt Mr. Geronimo, die heimliche Hauptfigur des Romans, der keine Hauptfigur haben will. Mr. Geronimo ist der Gegenpol zu der Hektik, mit der Salman Rushdie seine Geisterbahnfahrt durch alle Genres zwischen philosophischer Erzählung und Science-Fiction gelegentlich in den Leerlauf hineintreibt.

Sätze, mit denen große Erzählungen beginnen

Mr. Geronimo wird als stille Figur der Unruhe in die Kämpfe der Dschinns, in die Liebesgeschichten und Katastrophen hineingezogen. Von ihm heißt es in einem jener Sätze, mit denen große Erzählungen beginnen: "Am Mittwoch nach dem großen Sturm bemerkte Mr. Geronimo zum ersten Mal, dass seine Füße den Boden nicht mehr berührten." Die Aufhebung der Gravitation befällt Mr. Geronimo wie eine Krankheit. Seine Levitation ist Ausdruck des Zerfalls der gewohnten Ordnung, in ihm spukt das Erbe der Helden Gogols. Er wird geheilt werden, aber sein Schweben über dem Erdboden (und über dem Bett, was die Komik seiner Liebesgeschichte befördert,) prägt sich ein, weil er der Erde verbunden ist. Er ist Gärtner, Rushdie hat sich ihn beim "Candide" Voltaires ausgeliehen, dessen letzten Satz Mr. Geronimo auf seine Weise beherzigt: il faut cultiver notre jardin, man muss seinen Garten bestellen.

Allzu leicht verbinden wir Feenwelten, Träume, Zauberer und 1oo1 Nacht mit der literarischen Romantik. Das Feenmärchen war aber eine Paradedisziplin der Aufklärung, nicht zuletzt ihrer Neigung zu Libertinage und Frivolität (auch davon zehrt Rushdie). Voltaire spottete gelegentlich über 1001 Nacht, las aber hingebungsvoll darin und schrieb Erzählungen voller orientalischer Prinzessinnen.

Rushdie streut in die Turbulenz seines "Kriegs der Welten" Warnungen vor dem "Heranziehen der Religion als Rechtfertigung für Unterdrückung, Verbreitung von Angst, Tyrannei und Verübung von Gräueltaten" ein. Manche Passagen, in denen dunkle Dschinns "Orgien von Enthauptungen, Kreuzigungen und Steinigungen" feiern, wirken wie direkt aus den Nachrichten über den IS in den Roman kopiert. Sie illustrieren die Skepsis Rushdies gegenüber aller Religion, deren Ansprüchen auf die Innenwelt der Menschen er das Bündnis der Vernunft mit dem Wunderbaren entgegensetzt. Mr. Geronimo aber begnügt sich nicht damit, etwas zu illustrieren. Er bleibt selber als Bild haften.

Salman Rushdie: Zwei Jahre, acht Monate und achtundzwanzig Nächte. Roman. Aus dem Englischen von Sigrid Ruschmeier. C. Bertelsmann Verlag, München 2015. 380 Seiten, 19,99 Euro. E-Book 15,99 Euro.

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SZ vom 19.09.2015
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