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Weltkulturerbe:Von Straßburg lernen

Das in diesem Ausmaß wohl einzige vollständig erhaltene Beispiel eines wilhelminischen Viertels steht in Straßburg.

(Foto: Dominique Cassaz; Ville et Eurométropole de Strasbourg)

Frankreich bewirbt sich mit deutscher Gründerzeitarchitektur um den Titel.

Von JOSEPH HANIMANN

Ein Schritt aus dem alten Stadtkern von Straßburg hinaus über den Pont du Théâtre, und man steht mitten in der Gründerzeit. Links der ehemalige Kaiserpalast, ihm gegenüber das einstige Parlament des Reichslandes Elsass-Lothringen, heute Théâtre National de Strasbourg, gleich daneben die imposante Universitätsbibliothek. Kaiserplatz hieß der Ort früher. Heute heißt er "Place de la République". Und die Art, wie über diese Dinge geredet wird, ist absolut neu.

"Hier kreuzt sich Geschichte", sagt Alain Fontanel, stellvertretender Bürgermeister von Straßburg. Das ganze Areal, die Straßburger "Neustadt", wurde nach der Annektierung des französischen Grenzgebiets 1871 durch das Reich als Stadterweiterung von den Deutschen gebaut, von den Franzosen in Raten abbezahlt und steht heute als einziges perfekt erhaltenes Beispiel solchen Ausmaßes für deutsche Gründerzeitarchitektur da. "Frankreich wird dieses Viertel im nächsten Jahr als französischen Vorschlag fürs Unesco-Weltkulturerbe vorbringen." Alain Fontanel sagt das ganz kühl, ganz sachlich, als wäre nichts dabei. Noch vor zwanzig Jahren wäre so etwas aber undenkbar gewesen. Auch das ist deutsch-französische Partnerschaft: keine unerhörten Worte mehr, sondern Unerhörtes in einfachen Worten.

Lange wurden die bombastischen Bauten zwischen Neugotik und Neurenaissance, die breiten Avenuen und massiven Bürgerhäuser der Straßburger Neustadt verachtet. In seinem Zentrum, auf der Grande-Île, hat Straßburg wahre Gotik, Renaissance und klassizistische Gebäude zum Verschenken. Der Kaiserpalast, heute "Palais du Rhin" und Sitz der regionalen Kulturbehörde Frac, wäre in den Fünfzigern beinah abgerissen worden. Das deutsche Reichsemblem auf der Fassade wurde schon nach Ende des Ersten Weltkriegs abgemeißelt. Heute ist aber alles bis hin zu den martialischen Kriegsrüstungsschnörkeln über den Fenstern perfekt restauriert. "Ja, gewiss, die Architektur ist, wie sie ist: vielleicht etwas schwerfällig", gibt Dominique Cassaz zu, die Verantwortliche für Denkmalpflege in Straßburg und zuständig für die Unesco-Kandidatur. Man muss den Leuten die Vorbehalte gegen die Neustadt aus der Nase ziehen. Die 1880 begonnene Erweiterung vorab nordöstlich der Altstadt sei aber ein Vorbild für den Städtebau jener Zeit, führt Frau Cassaz aus, das heißt: Abstufung zwischen Haupt- und Nebenachsen, Anbindung an den historischen Stadtkern, Garantie von Licht und Frischluft durch Parks und Vorgärten, Hygiene durch Kanalisation und öffentliche Bäder.

Der Reiz heute: keine Kriegslücke, keine Spekulantenschneise, kein postmoderner Solitär

Das Projekt war damals stark politisch motiviert. Die Siegermacht wollte der Bevölkerung über die traumatische Kriegserinnerung hinweghelfen, dem neuen Reichsland eine Hauptstadt, den Zehntausenden Zuzüglern aus Deutschland Wohnraum schaffen und bei all dem deutsches Savoir-faire vorführen. Straßburg war wie andere französische Städte vom Befestigungsring des Kriegsarchitekten Vauban aus dem 17. Jahrhundert umschlossen. Für das Großprojekt einer Erweiterung des Stadtgebiets auf das Dreifache ging der Straßburger Stadtarchitekt Jean-Geoffroy Conrath gegen seinen Berliner Konkurrenten August Orth als Sieger hervor. Sein Bebauungsplan blieb mit den strukturbildenden Elementen noch bis in die Fünfzigerjahre für den Weiterbau bestimmend. Dem ehemaligen Kaiserpalast steht am anderen Ende der heutigen Avenue de la Liberté der neoklassizistische Riegel der Universität gegenüber. Das stattliche Gebäude der Universitätsbibliothek hingegen prangt direkt auf dem Kaiserplatz, als hätte das Reich dadurch den Verlust der im Krieg zerstörten alten Bibliothek wettmachen wollen.

Es sind weniger einzeln herausragende Bauwerke als die reichhaltigen Facetten eines gut durchdachten und komplett erhaltenen Stadtviertels, die diese "Ville allemande" interessant machen. Die meistens vier- oder fünfgeschossigen Wohnhauszeilen in historisierendem Stil, mitunter auch mit Jugendstilelementen, haben den heute wieder begehrten Reiz eines einheitlichen urbanen Stadtraums: keine Kriegslücke, keine Spekulantenschneise, kein moderner oder postmoderner Solitär. Der 1883 eingeweihte Hauptbahnhof bekam vor neun Jahren anlässlich des TGV-Anschlusses stadtwärts zwar eine Glashaube übergestülpt, prangt dahinter aber umso stolzer. Und die übrigen Bauten stehen in einer solchen Fülle da, dass die Stadt mit ihren Möglichkeiten für Erhaltung und Nutzung an ihre Grenzen stößt. Das Palais des Fêtes, 1888 von Joseph Müller und Richard Kuder als "Sängerhaus" nach dem Modell der damaligen Tonhallen mit integrierter Orgel gebaut, musste im vergangenen Jahr aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Die dazugehörige Brasserie wird gerade sorgsam restauriert und harrt eines neuen Betreibers. Von der städtischen Badeanstalt mit ihren zwei großen Schwimmbecken, dem römischen Bad und den öffentlichen Badewannen, einem reizvollen Rotundenbau Fritz Beblos aus den Jahren 19051 - 1908, blättert innen wie außen der Putz, vom Energie- und Wasserverbrauch ganz zu schweigen.

All diese Bausubstanz fand bis vor Kurzem wenig Beachtung. Einzelne Jugendstilhäuser, in den Neunzigern dann auch das Universitätsgebäude, der Justizpalast und das Palais du Rhin schafften es auf die Liste denkmalgeschützter Objekte in Frankreich. Seit 2010 wird das städtebauliche Erbe der Neustadt in allen Details systematisch erfasst. Für die Kandidatur bei der Unesco als Weltkulturerbe im nächsten Sommer in Krakau hatte man ursprünglich an einen gemeinsamen Auftritt mit einer deutschen Stadt gedacht wie etwa Wiesbaden. Doch will man sich dort eher auf die Pflege des Erbes aus der Badekultur konzentrieren. Frankreich unternimmt seinen Vorstoß für deutsche Gründerzeitarchitektur deshalb allein. Und hat dafür ein überzeugendes Konzept.

Man hätte für das "deutsche Viertel" bei der Unesco einfach einen neuen Antrag stellen können, nachdem der historische Kern Straßburgs um das Münster schon seit 1988 zum Weltkulturerbe gehört. Die Stadt entschied sich aber für Kohärenz und schlägt eine Ausweitung des schon bestehenden geschützten Areals vor. "Von der Grande-Île zur Neustadt - eine europäische Stadtbauszene" heißt die Bewerbung. Straßburg möchte das Klischee seiner Riegelhaus-, Spitzbogen- und Weinstubenidylle abstreifen und setzt gezielt auf seine geografische Schwellenlage und seine historische Doppelnatur. Im nächsten Frühjahr wird die neue Rheinbrücke des Architekten Marc Barani eingeweiht. Über sie wird wie um 1900 erstmals wieder eine Straßenbahn von Straßburg nach Kehl rollen, vorbei an einer 10 Hektar umfassenden Industriezone, die heute brachliegt. Der Stadtplaner Alexandre Chemetoff entwirft darauf ein neues Viertel für das Projekt "Zwei-Ufer": 9000 Wohnungen, fast ebenso viele Arbeitsplätze, Kulturinstitutionen, städtische Landwirtschaft.

Das Modell Europa wächst heute besser von der Basis aus, vom Lokalen zum Konzept, als umgekehrt. Ein deutsches Weltkulturerbe aus französischer Hand wäre ein Zeichen dafür.

© SZ vom 16.09.2016

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