Weltkulturerbe in Erfurt Komm, wir finden einen Schatz

In Erfurt fanden im Mittelalter brutale Judenverfolgungen statt - aus dieser Zeit stammen die einzigartigen Funde, mit denen sich die Stadt bei der Unesco als Weltkulturerbe bewerben will.

Von C. Kohl

Es war reiner Zufall, dass der Schatz gefunden wurde. Die archäologischen Untersuchungen im Boden der Erfurter Altstadt waren bereits abgeschlossen. Unter einem Neubaukomplex sollte das alte Kellergemäuer stehen bleiben, deshalb hatte man hier gar keine Grabungen vorgesehen. Da stießen Bauarbeiter auf eine Silberschale, die unter dem Mauerwerk klemmte. Die Männer dachten, es sei ein Stück Zinn und legten es in ihren Bauwagen - erst einige Zeit später wurde klar, dass sie einen einzigartigen Schatz entdeckt hatten.

Durch reinen Zufall wurde der Schatz 1998 gefunden: Bauarbeiter gruben unter anderem mehr als 3000 mittelalterliche Münzen, ein Ensemble aus Silberschalen, Bechern und einer Kanne aus dem Boden der Erfurter Altstadt.

(Foto: AP)

Über 3000 mittelalterliche Münzen gehören dazu, Silberbarren und mehr als 700 Einzelstücke feinster gotischer Goldschmiedekünste. So etwa ein Ensemble aus Silberschalen, Bechern und einer Kanne. Zudem ein sogenannter "Doppelkopf", in dem kostbare Broschen versteckt waren, dazu mittelalterliche Gürtelteile, Gewandbesatz und ein jüdischer Hochzeitsring.

Spätestens an diesem Stück ließ sich erkennen, dass auf dem Grundstück der Erfurter Michaelisstraße 43, nicht weit von der Krämerbrücke, ein Stück jüdisches Erbe zum Vorschein gekommen war. In den Ring sind die Worte "Mazel Tov" in hebräischer Schrift eingraviert, Mazeltov heißt so viel wie "Viel Glück". Der einstige Besitzer des prachtvollen Stückes, auf dem statt eines Steines ein gotischer, aus purem Gold geschmiedeter Miniaturtempel sitzt, hatte allerdings kein Glück, wie man heute weißt: Der Kaufmann kam bei einem verheerenden Pogrom im Jahr 1349 in Erfurt ums Leben. Der Fund steht in einer Reihe bedeutender Zeugnisse des mittelalterlichen jüdischen Lebens in Erfurt, mit dem sich die Stadt bei der Unesco um den Titel eines Weltkulturerbes bewerben will.

Dass so vieles erhalten blieb oder wiederentdeckt wurde, ist allerdings dem Zufall zu verdanken. So etwa die alte Synagoge, die schräg gegenüber des Ortes steht, wo 1998 der Schatz gefunden wurde. Im Jahr 1096 war mit dem Bau begonnen worden, wie sich durch die Altersbestimmung eines Holzbalkens belegen lässt. Heute gilt das Bauwerk mit seiner schlichten Steinfassade und der großen Fensterrosette als ältestes bis zum Dach hin erhaltenes jüdisches Gotteshaus in Mitteleuropa. Und auch dies hängt mit dem Pogrom von 1349 zusammen: Damals waren schwere Schäden an der Synagoge entstanden, die Stadt Erfurt bemächtigte sich des Gebäudes und verkaufte es an einen örtlichen Händler, der es fortan als Lagerhaus nutzte. So geriet die Synagoge in Vergessenheit, weshalb das Gebäude unbeschadet die Nazizeit überdauern konnte.

Für die Pest machte man die Juden verantwortlich

Kurz vor dem Ende der DDR wurde das völlig zugebaute Gemäuer dann von Bauforschern lokalisiert, aber es dauerte noch 20 Jahre, bis die Stadt es in Besitz nehmen, restaurieren und als Museum eröffnen konnte. Jahrhundertelang versteckt war auch die mittelalterliche Mikwe, die zurzeit hinter der Krämerbrücke ausgegraben wird. Von dem jüdischen Baderaum wusste man nur aus alten Schriften, 2007 stießen dann wiederum Bauarbeiter auf das rituelle Bad.

Seither wird das alte Sandsteingemäuer sorgfältig freigelegt, in diesem Herbst soll es für die Öffentlichkeit geöffnet werden. Zu dem jüdischen Erbe in Erfurt gehören zudem 32 mittelalterliche Grabsteine sowie eine prachtvolle Sabbatlampe aus dem 12. Jahrhundert, die vermutlich einst in der alten Synagoge hing. Überdies wertvolle Handschriften und ein um 1200 aufgesetzter Judeneid - es ist die älteste erhaltene schriftliche Eidesformel für Juden in deutscher Sprache und zugleich der erste Beleg des einstigen jüdischen Lebens in der Stadt.

Erfurt war im Mittelalter eine bedeutende Handelsmetropole gewesen, zeitweise sogar größer als London. An der Kreuzung zweier wichtiger Handelsstraßen gelegen, begründete die Stadt ihren Reichtum mit dem Verkauf von blauem Farbstoff, der aus der Färberwaidpflanze gewonnen wurde. Jüdische Bewohner der Stadt beschäftigten sich zumeist mit dem Geldhandel, da ihnen die meisten anderen Erwerbstätigkeiten verwehrt waren. Auch der Besitzer des Schatzes war ein Geldhändler gewesen: Kalman von Wiehe war sein Name, wie sich aus alten Grundstücksakten ermitteln ließ, ihm gehörte das Haus in der Michaelisstraße 43. Mitte des 14. Jahrhunderts wurden viele Städte in Deutschland von der Pest heimgesucht, machte man die jüdischen Mitbewohner verantwortlich für die Seuche - es hieß, sie hätten die Brunnen vergiftet.

Die Folge waren schreckliche Pogrome. Am 21. März 1349 war Erfurt der Schauplatz von brutalsten Judenverfolgungen, bei denen die etwa 900 Mitglieder zählende jüdische Gemeinde ausgelöscht wurde. Auch der Geldverleiher von Wiehe überlebte das Pogrom nicht. Dies lässt sich durch ein grausiges Detail aus den städtischen Finanzakten belegen: Die Stadt trieb nach dem Pogrom die von ihm an andere Bewohner ausgereichten Kredite für sich ein.