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Serie "Welt im Fieber": USA:Erst die Demonstration, dann der Corona-Test

Seattle livrÈe aux 'anarchistes' ? Passe d'armes entre Trump et les Èlus locaux

"Black Lives Matter": Demonstrierende in Seatlle

(Foto: Jason Redmond/AFP; Bearbeitung SZ)

In der letzten Folge "Welt im Fieber" reflektiert unsere Autorin, wie unterschiedlich die Menschen den Zustand der Welt gerade erleben - als Patchwork-Pandemie.

Gastbeitrag von Kristen Roupenian

Als ich diese Kolumne begann, habe ich mir zum Ziel gesetzt, den Begriff "Tagebuch" so ernst wie möglich zu nehmen. Ich wollte die Pandemie aus der Ameisenperspektive betrachten, und nicht über das schreiben, was "in Amerika", sondern was einer bestimmten Amerikanerin passiert. Ich wollte nicht dokumentieren, was ich im Internet las, was jemand anderem widerfuhr, sondern was ich selbst hörte und fühlte. Aber in den letzten Monaten ist zunehmend deutlich geworden, das wir hier in den USA etwas erleben, das Ed Yong eine "Patchwork Pandemie" genannt hat, da sie die Menschen in verschiedenen Regionen und unterschiedlichen sozio-ökonomischen Kontexten wahnsinnig unterschiedlich erleben. Meine eigenen Erfahrungen waren nicht nur nicht repräsentativ für das ganze Land. Es gibt nicht einmal eine kollektive Erfahrung, die sich überhaupt repräsentieren ließe.

Vergangene Woche habe ich über eine 30-stündige Autofahrt von Provincetown nach Texas geschrieben und über die große Palette der Vorsichtsmaßnahmen, die einem auf dieser Strecke begegnen, von übervorsichtiger Penibilität bis zu absoluter Achtlosigkeit. Während wir unterwegs waren, brachen im ganzen Land Massendemonstrationen gegen Polizeigewalt aus, aber weil ich kein Internet hatte und keine Nachrichten sehen konnte, fühlte sich das alles sehr weit weg an.

Trotzdem ist es möglich, dass ich mich dort angesteckt oder das Virus mitgebracht habe

Zuhause aber schaute ich auf mein Telefon, und auf einmal brach alles über mich hinein. Die sozialen Medien haben die irritierende Eigenschaft, den Eindruck zu erwecken, sie sprächen mit einer einzelnen maßgebliche Stimme, und wenn diese dann widersprüchlich ist, werde ich plötzlich wütend, als hätte ich es mit einem inkonsequenten Elternteil zu tun: "Aber letzte Woche hast du gesagt, ich soll keine Maske tragen und jetzt sagst du auf einmal, ich muss? Gestern hast du gesagt, ich wäre eine fürchterliche Person, wenn ich vor die Tür gehen würde, und jetzt soll ich auf einmal auf eine Demonstration?"

Als ob es da draußen eine einzelne Person gäbe, die die Ansagen macht, anstatt Millionen von Menschen wie mich, die in Echtzeit fortschreitende Geschichte durchleben und ihr Möglichstes tun, um zu verstehen, was vor sich geht. Letzten Endes habe auch ich demonstriert. Ich bin am Freitag zu einer kleinen Nachbarschaftsdemo gegangen und am Sonntagnachmittag zu einem riesigen Marsch mit Tausenden von Teilnehmern. Alle trugen Masken und hielten so gut wie möglich Abstand, und an jeder Ecke wurde Desinfektionsmittel verteilt. Trotzdem ist es möglich, dass ich mich dort angesteckt habe - oder dass ich das Virus mitgebracht und jemanden angesteckt habe. Es ist auch möglich, dass ich nur zum Überträger wurde, ohne selbst Symptome bekommen zu haben.

Am Tag nach der Demonstration habe ich mich für einen Drive-Through-Test angemeldet, zu dem ich berechtigt war, weil ich gerade aus einem anderen Bundesstaat eingereist war. Callie und ich fuhren durch ein Labyrinth von orangenen Kegeln, durch eine Reihe von Checkpoints, an denen wir unsere Ausweise hochhielten, um sie durch die Windschutzscheibe hindurch vorzuzeigen. Am letzten Checkpoint ließen wie das Fenster zur Hälfte runter und eine maskierte Frau reichte uns Taschentücher, mit denen wir uns die Nasen putzten. Dann legte ich meinen Kopf in den Nacken und die Dame schob ein Instrument in mein Nasenloch, das aussah wie eine dünne Miniaturzahnbürste, und drehte es dreißig Sekunden lang im Kreis. Ich war überrascht, wie schmerzhaft das war, aber es war - genau wie sie versprochen hatten - schnell vorbei. Nach fünfzehn Minuten waren wir wieder draußen. Die Ergebnisse sollten Ende der Woche da sein.

Aus dem Englischen von Felix Stephan. Alle Folgen finden Sie auch unter sz.de/weltimfieber.

© SZ vom 13.06.2020/cag
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