bedeckt München 30°

Serie "Welt im Fieber": Brasilien:Wenn uns das Virus nicht tötet, erledigt es die Wut

Coronavirus - Brasilien

Die Zerstörung eines Landes, das so groß wie ein Kontinent ist: Angehörige eines Toten transportieren in Manaus einen Sarg - ohne Masken, ohne Schutz.

(Foto: dpa)

In brasilianischen Bundesstaaten wie Amazonien oder Rio de Janeiro bricht das Gesundheitssystem zusammen - und der Präsident fährt unterdessen Jetski.

"Wen interessiert schon ein geteiltes Land?", fragte Monja Coen, eine buddhistische Meisterin in Brasilien, in einem Video über Wut und Depression. Diese Frage führt zu einer anderen: Wen interessiert schon das fürchterliche Ausmaß von Toten? Wen interessiert dieser Palast der Tränen, in den sich Brasilien gerade verwandelt?

Es sind jetzt schon mehr als zehntausend Tote, den offiziellen Daten zufolge, die Dunkelziffer ist hoch. Es wird nicht in großem Umfang getestet. Am Montag haben wir Aldir Blanc, einen unserer größten Musiker, durch Covid-19 verloren. "Palast der Tränen" hieß ein unveröffentlichter Song, den er hinterließ, eine Kooperation mit dem Musiker und Komponisten Moacyr Luz. Am selben Tag erfuhren wir, dass einer unserer liebsten Komiker im Alter von 85 Jahren Suizid begangen hat.

In Rio wird schon jetzt nach einer Skala entschieden, wer ein Intensivbett bekommt

Über den Abschied von Flávio Migliaccio wurde in Brasilien ausführlich berichtet, obwohl Suizide sonst nicht ausführlich vorkommen, um eine Nachahmung zu vermeiden. Das löste eine neue Debatte aus: Wenn wir nicht an Covid-19 sterben, dann werden wir an der Depression sterben. Eine kollektive Depression im Angesicht eines Szenarios ohne Perspektive, wo die Rendite der großen Unternehmen mehr zählt als das Leben der Menschen, wo einige Leben mehr zu wiegen scheinen als andere. In Rio de Janeiro wird schon jetzt nach einer Skala entschieden, wer eines der wenigen Intensivbetten bekommt: Je älter und schwerer jemand erkrankt, desto geringer ist die Chance, dass er behandelt wird.

Wenn wir nicht durch das Virus sterben oder an der brutalen Traurigkeit, dann sterben wir an der Wut. Am Freitag, als in Brasilien die Marke von zehntausend offiziellen Todesfällen durch das Coronavirus überschritten wurde und die größte Zahl von Toten innerhalb von 24 Stunden verzeichnet wurde, wiederholte Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, was er schon am Donnerstag gesagt hatte: Er freue sich auf das Churrasco, die Grillparty, in seinem Haus am Wochenende. Zuerst sollte diese Party etwa 30 Gäste haben; dann erhöhte sich die Zahl, ebenso wie Brasiliens Todesfälle, exponentiell auf 1300, um dann auf 3000 anzusteigen.

Als das bei den Brasilianern nicht gut ankam, wurde am Samstagmorgen alles abgesagt, mit dem Hinweis, es habe sich um einen Scherz gehandelt, der genau dazu gedient habe, die Kritik dieser "Journalistenidioten" zu provozieren. Statt auf der Grillparty war Präsident Bolsonaro bei einer fröhlichen Spritztour mit dem Jetski zu beobachten, worüber umfangreich berichtet wurde.

700 Tote pro Tag - und das sind nur die offiziellen Daten

Am Freitagabend wurde bekannt, dass in oberster gerichtlicher Instanz entschieden wurde, Bolsonaro müsse das Ergebnis seines Covid-19-Tests nicht öffentlich machen. Für uns Brasilianer bleibt trotz dieser richterlichen Entscheidung der Zweifel, ob seine Privatsphäre höher steht als das kollektive Recht auf Transparenz über eine so wichtige Information.

Jeden Sonntag steht Bolsonaro vor seinem Amtssitz, zwischen den Fahnen der USA und Israels, und unterstützt mit seiner physischen Präsenz und seinen Reden Demonstrationen für das Ende der sozialen Distanzierung.

So kommt unser falscher Messias - er hatte sich selbst als Messias bezeichnet - Woche für Woche einem zweifelhaften Triumph näher: dem Weltmeisterschaftspokal im Wettbewerb der Staatschefs, in dessen Land es die meisten Toten durch Covid-19 gibt.

Unterdessen bricht gerade in den Bundesstaaten Amazonien, São Paulo, Maranhão, Rio de Janeiro, Ceará und Pará das Gesundheitssystem zusammen. Durch das totale Versagen aller Verantwortlichen, die sich nicht untereinander abstimmen, verlieren wir 700 Leben pro Tag, und das sind nur die offiziellen Daten.

Wir würden gerne wissen, wen die genaue Zahl der Toten interessiert oder die Tatsache, dass jemand der Verstorbenen mit einer Jetski-Tour gedenkt, mit Grillparties und Demonstrationen für die Wiedereröffnung des Handels. Wen interessiert, dass dieses Land, das so groß wie ein Kontinent ist, gerade vollständig zerstört wird?

Katherine Funke, geboren 1981 im brasilianischen Joinville, ist Schriftstellerin und Gründerin des Verlags Micronotas. Aus dem Portugiesischen von Michaela Metz.

© SZ vom 11.05.2020

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

  • Ramadan-Vorbereitungen in Æ'gypten Licht ins Dunkel

    Angesichts zahlreicher zivilgesellschaftlicher Initiativen lässt unser Autor in seinem letzten Tagebuch noch einmal Hoffnung aufkommen.

  • Coronavirus - Indien Und der Teufel schnappt sich den Letzten

    Der Lockdown hat in Indien die Trennlinien zwischen den Wohlhabenden und den Habenichtsen verschärft. Nun ist er beendet - und gerade die Armen werden ihr Leben aufs Spiel setzen müssen.

  • Profile of Little Girl Standing at Lead Paned Window at Sunset United States, North Dakota, Bismarck PUBLICATIONxINxGERx Das erste Trauma mit zwei Jahren

    Unsere Autorin könnte viele Bücher füllen, wenn sie jede Demütigung auflisten würde, die sie wegen ihrer Hautfarbe erfahren hat. Hier schreibt sie über die Erkenntnis der vergangenen Woche.

  • Brasilien, Bolsonaro-Gegner demonstrieren in Manaus MANAUS, AM - 02.06.2020: MANIFESTA´âˆöO AMAZONAS PELA DEMOCRACIA AM - Mehr als ein exotisches, weit entferntes Land

    Brasilien steht am Rande eines Bürgerkrieges, aber demonstrieren ist in diesen Zeiten lebensgefährlich. Wo ist das Mitgefühl der internationalen Beobachter? Ein Hilferuf.

  • Ein Roadtrip durch die Zonen der Pandemie

    Von Massachusetts nach Texas: Je weiter sie in den USA nach Süden kommt, desto unbehaglicher fühlt sich unsere Autorin damit, eine Maske zu tragen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite