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Serie "Welt im Fieber": USA:Am Ende sind wir Herdentiere

Jorge Garcia, Berny Rodriguez

Szene in Little Havana in Miami, wo die Friseursalons wieder geöffnet haben.

(Foto: AP)

In den USA öffnen wieder Friseure, Restaurants und Fitnessstudios. Noch zwingt sich unsere Autorin, ihr Quarantäne-Leben fortzuführen. Doch wie lange wird ihr das gelingen?

Endlich scheint alles wieder rund zu laufen. Meine Mutter ist schon zwei Wochen aus dem Krankenhaus draußen, und es geht ihr gut.

Unser Abreisedatum steht fest: Wir werden Provincetown am 30. Mai verlassen, zwei Tage durchfahren und Zwischenstopps in kontaktlosen AirBnBs in Virginia und Arkansas machen. Freunde von uns haben angeboten, die Vorräte in der Wohnung aufzufüllen, damit wir niemanden treffen müssen in den zwei Wochen nach unserer Ankunft. Wobei die Quarantäne freiwillig wäre, weil Texas so ziemlich wieder aufgemacht hat: Es gibt immer noch ein beschränktes Platzangebot in Restaurants und Bars, aber sogar Friseursalons und Fitnessstudios sind wieder geöffnet und man redet davon, nächsten Monat oder so die Kinos und Schwimmbäder aufzumachen.

Gerade planen Callie und ich noch, nichts davon wahrzunehmen. Wobei wir viel darüber grübeln, welche unserer Freunde wir bitten werden, für Drinks im Hinterhof in unsere Quarantäne-Blase zu kommen. Ich frage mich allerdings, wie lange wir dabei bleiben - ich schätze in ein paar Monaten machen wir ungefähr das, was alle machen. Am Ende sind wir Herdentiere.

Heute Nachmittag habe ich noch einen Spaziergang mit meiner Mutter, Garry und Callie am Strand gemacht. Ich habe viele Pflanzen und Vögel identifiziert mit meiner Natur-App, und Garry hat uns viele Ratschläge gegeben, wie wir vor unserer Reise sicher gehen können, dass unsere Autos straßentauglich sind. Wir bestellten Essen zum Mitnehmen in einem Restaurant, um es draußen zu essen. Und völlig unerwartet fand ich mich dabei wieder, die besten Lobster Rolls zu vertilgen, die ich je hatte.

Wir gingen zurück an den Strand, es war warm genug, dass ich barfuß gehen und bis zu den Knöcheln im Wasser waten konnte. Wir sahen ein paar Surfer und eine komische hexenartige Hütte, die jemand aus Treibholz gebaut hatte. Dann mussten wir heim, weil noch keine öffentlichen Toiletten offen sind und alle pinkeln mussten. Ich sehe meine Mutter noch einmal, bevor wir fahren, weil ich ein paar Bücher abholen muss, die ich auf ihrem Dachboden gelagert habe, aber es war jetzt schon schwer sich zu verabschieden.

Das letzte Mal umarmt habe ich sie im Dezember. Was mich daran erinnert, dass ich neulich eine Frau im Hof getroffen habe, die ich eine Weile nicht gesehen hatte - eine der Organisatorinnen von Callies Stipendium. Wir begrüßten uns und sie sagte: "Kristen! Weißt du, dass du die letzte Person warst, die ich umarmt habe?" Ich hatte es vergessen, bis sie mich daran erinnerte, aber es ist wahr: Sie umarmte mich, als sie mir zur Verlobung gratulierte, kurz bevor alles geschlossen wurde. Ich weiß noch, dass wir einen ungeschickten kleinen "Ist das okay?"-Tanz aufführten, bevor wir es taten, aber dann umarmten wir uns, und bis auf Callie habe ich seitdem niemanden mehr umarmt.

Aus dem Englischen von Marie Schmidt.

© SZ vom 23.05.2020/luch
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