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Serie "Welt im Fieber": Japan:Lippenstift? Absurd!

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Adrette zurecht gemacht für den Tag - mit Mundschutz.

(Foto: Carl Court/Getty Images; Bearbeitung SZ)

Je länger die Ausgangsbeschränkungen dauern, desto dicker wird das Blut und desto weniger hat die Apple Watch zu tun. Wenn doch einmal ein Fußmarsch durch Tokio ansteht, stellt sich die Frage: Make-up - bringt's das?

Gastbeitrag von Sayaka Murata

Ich saß an dem kleinen Beistelltisch, den ich auf meinen engen Balkon gequetscht hatte, und schrieb, als der PC in der Wohnung mir den Eingang einer Mail verkündete. Ich öffnete sie und las, dass der Corona-Notstand in Tokio aufgehoben sei. Die Mail kam am 25. Mai um 14 Uhr. Aha, dachte ich. Ich schrieb bis zum Abend weiter und ging, als es zu dunkel wurde, in die Wohnung, um zu Abend zu essen. Es gab eine Mischung aus Gerste und Reis, die ich in der Mikrowelle erhitzte, dazu süßscharf gegrillte Rinderinnereien aus dem Tiefkühlfach, eine Kombination, die ich inzwischen gefühlt dreißig Mal gegessen habe.

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Allmählich fragte ich mich, ob ich nicht eher an meinen grässlichen Essgewohnheiten zugrunde gehen würde als an dem neuartigen Coronavirus. Mein größter Wunsch wäre jetzt ein Gesundheits-Check-up. Meine Muskeln sind während der freiwilligen Selbstbeschränkung geschrumpft, meine Ernährung ist unausgewogen und mein Blut zu dick. Ursprünglich bedrückte mich nur der Bewegungsmangel, aber jetzt fürchte ich, dass mein Körper sich insgesamt in einem bedenklichen Zustand befindet. Meine Apple Watch verzweifelt angesichts meiner geringen täglichen Fitnessaktivitäten.

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Der Ausnahmezustand ist tatsächlich beendet, und es wurde eine "Tokio-Roadmap" bekannt gegeben, die in drei Schritte unterteilt ist. Bei Schritt 1 dürfen Museen und Bibliotheken wieder öffnen und Restaurants bis 22 Uhr Gäste bedienen. Ich weiß immer weniger, was "gut" wäre. Soll ich lieber zu Hause bleiben wie bisher? Oder doch ab und zu rausgehen und helfen, die Wirtschaft anzukurbeln? Ich habe viel recherchiert, aber auf eine eindeutige Verhaltensmaxime kam ich nicht. Ich habe ein Gefühl von Wiederholung. Nicht nur jetzt, sondern schon seit Beginn der Corona-Krise weiß ich nicht, für welches Verhalten ich mich entscheiden soll. Offenbar ist unklar, warum die Zahl der Infektionen in Japan so verhältnismäßig gering ist, es gibt also möglicherweise einen "Faktor X". Was wäre wohl das Ergebnis, würde man alle Menschen in Tokio auf Antikörper testen? Ich habe keine Vorstellung.

Gestern hatte ich ausnahmsweise etwas außer Haus zu erledigen. Seit wie vielen Tagen? Als ich endlich einmal wieder Make-up auflegte, fiel mir ein, wie absurd es ist, unter einem Mundschutz Lippenstift zu tragen. Ich sah mir die Route zu meinem Ziel an. Zu Fuß würde ich ungefähr anderthalb Stunden brauchen. Ich entschied mich für den Fußweg.

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Zum ersten Mal seit Langem ging ich wieder einmal durch den Regen. Die Apple Watch vibrierte und überschüttete mich mit Lob: "Gut gemacht!" und "Super!"Ich beneide diese Uhr um ihre eindeutigen Kriterien und ihr klares Urteilsvermögen.

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Sayaka Murata ist Schriftstellerin, sie lebt in Japan. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.

© SZ vom 29.05.2020/cag
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