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Serie "Welt im Fieber": USA: "Warum kann sie nicht atmen?"

Nantucket And Martha's Vineyard Struggle With Tourism Due To COVID-19

In Bundesstaat Massachusetts wütet die Corona-Pandemie derzeit besonders. Hier zu sehen: Das Nantucket Cottage Hospital.

(Foto: AFP)

Die Mutter unserer Autorin kommt mit einem Blinddarmdurchbruch ins Krankenhaus - und das ausgerechnet in Massachusetts, wo die Corona-Pandemie gerade ihren Höhepunkt erreicht.

Gastbeitrag von Kristen Roupenian

Es ist eine lange, schwierige Woche gewesen. Freitag ist meine Mutter mit Bauchschmerzen in der Notaufnahme gelandet. Dort diagnostizierte man eine Blinddarmentzündung, und sie verlegten sie, um sie gleich am nächsten Morgen zu operieren. Natürlich war es beängstigend, sie auch nur in der Nähe eines Krankenhauses zu wissen - sie wohnt ungefähr eine Stunde entfernt, in Plymouth, Massachusetts, und in Massachusetts erreicht die Pandemie gerade ihren Höhepunkt -, aber obwohl sie Ende sechzig ist, ist sie sonst vollkommen gesund, also versuchte ich, mir nicht zu viele Sorgen zu machen.

Niemand durfte sie ins Krankenhaus begleiten: Ihr Mann, Garry, musste sie draußen absetzen und sie durfte das Gebäude nur allein betreten. Ich habe am nächsten Morgen mit ihr gesprochen, kurz nach der OP, und es ging ihr gut. Am Tag darauf aber bekam ich eine beängstigende Nachricht von Garry: "Ich habe versucht, sie anzurufen, einmal um acht, einmal um neun Uhr morgens. Es hat nur geklingelt. Gerade rief sie zurück und sagte, sie habe stärkere Schmerzen als gestern. Und sie könne kaum atmen. Sie sagte, der Chirurg sei auf dem Weg. Sie habe Schmerzen. Der Akku ihres Telefons sei fast alle. Ich schaue mal, ob sie ihr ein Ladegerät bringen können."

Und das war mehrere Stunden lang alles, was ich wusste. Meine Schwester rief an, weinte und fragte: "Warum kann sie nicht atmen?" Ich hatte natürlich keine Ahnung. Dass wir nicht einmal zu ihr fahren durften, um im Warteraum des Krankenhauses zu sitzen und einander zu trösten, wenn die Neuigkeiten überbracht werden, war verunsichernd und surreal.

Dann wurde sie auf ein neues Zimmer verlegt, weil ihr altes der Covid-19-Abteilung zugeteilt wurde

Die Ärzte redeten nur mit Garry, und Garry hatte solche Angst, dass er uns kaum etwas erklären konnte. Am Ende riefen wir unseren Vater an, der Rentner ist und jetzt in Alaska lebt, der aber mehr als zwanzig Jahre in dem Krankenhaus gearbeitet hat, in dem jetzt meine Mutter lag. Mit Garrys Erlaubnis rief er ehemalige Kollegen an und bekam die Informationen direkt von ihnen. Dann hatten Garry, mein Vater, mein Bruder, meine Schwester und ich eine Reihe sehr unangenehmer Videokonferenzen. Wir erfuhren, dass meine Mutter einen Blinddarmdurchbruch hatte. Es hatte eine Not-OP gegeben, um die Infektion zu beseitigen. Es war eine umfangreiche Operation, aber ihre Prognose war insgesamt gut.

Es ist jetzt Donnerstag, während ich dies schreibe, und meiner Mutter geht es viel besser. Callie und ich sind heute zum Krankenhaus gefahren, mit einem improvisierten Poster, auf dem stand: "GET WELL SOON MOM!" und damit sind wir auf dem Parkplatz vor ihrem Fenster herumgetanzt. Auf den letzten Drücker, wie sich herausstellte: Direkt nach unserer Abreise wurde sie auf ein neues Zimmer verlegt, weil ihr altes der Covid-19-Abteilung zugeteilt wurde.

Wenn alles gut geht, könnte sie morgen entlassen werden, aber wenn ich das so schreibe, werde ich abergläubisch, weil ich weiß, wie schnell sich das ändern kann. Ich wollte diese Kolumne eigentlich anders beenden, damit, wie verängstigt ich bin, aber dann kam es mir falsch vor, ohne die Erlaubnis meiner Mutter über ihre gesundheitlichen Probleme zu schreiben, selbst in einer ausländischen Zeitung in einer Sprache, die sie nicht lesen kann, deshalb rief ich sie an, um zu fragen, ob es irgendwas gibt, das ich nicht schreiben soll. Sie gab mir die Erlaubnis und sagte, sie wolle mir außerdem noch eine Geschichte erzählen. Über die Krankenhauslautsprecher habe sie ziemlich häufig das Lied "Here Comes the Sun" gehört und habe sich gefragt, was es damit auf sich hat. Gerade eben habe ihr eine Schwester erzählt, dass sie das Lied immer dann spielten, wenn ein Covid-Patient vom Beatmungsgerät genommen werden konnte und entlassen wird. "Schreib das in deine Kolumne", hat meine Mutter gesagt, also tue ich das.

Aus dem Englischen von Felix Stephan.

© SZ vom 09.05.2020
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