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Serie "Welt im Fieber": Ägypten:Ein Traum von der guten Zeit danach

Coronavirus - Ägypten

Könnte diese Seuche nicht der Beginn einer vernünftigeren, besseren Welt sein? Ein Mann lässt in Kairo einen Drachen steigen.

(Foto: dpa)

Die ägyptische Politik hat lange versäumt, Wissenschaft und Kultur angemessen zu fördern. Wäre es nicht wunderbar, wenn sich das mit der Erfahrung der Corona-Krise ändern würde?

Gastbeitrag von Khaled el-Khamissi

Auch bei uns in Ägypten steigt die Kurve der Corona-Infizierten täglich. Zwar ist die Zahl der Erkrankten im Vergleich zu einigen europäischen Staaten eher gering, dennoch verkündet der Assistent unseres Gesundheitsministers, die Krankenhäuser mit Isolationsstationen seien an der Grenze ihrer Kapazitäten.

Angesichts der äußerst geringen Anzahl von Intensivbetten und des kümmerlichen Etats für Gesundheit, wissenschaftliche Forschung, Bildung und Kultur frage ich mich, ob diese Seuche bei unseren Politiker zu einem Umdenken führen wird, was die Verteilung von Staatsfinanzen angeht.

Denn das Virus wirft ein Licht auf alles, was an unserem Lebensentwurf falsch ist, diesen wahnsinnigen Wettlauf um immer mehr Konsum, die unvermindert fortschreitende Zerstörung unseres Planeten und die von Menschen gemachte Klimakatastrophe. Doch können wir tatsächlich von einer Zukunft träumen, in der Kultur und Künste, Bildung, Forschung und philosophisches Wissen die Fundamente unseres Lebens ausmachen? Denn das ist es, was uns bleibt, spätestens in einigen Jahrzehnten, wenn die künstliche Intelligenz die meisten Arbeitsbereiche übernommen haben wird.

Warum sollte diese Seuche nicht der Beginn einer vernünftigeren, besseren Welt sein?

Leider meine ich, lautes Gelächter zu hören, das sich über meinen naiven Optimismus amüsiert, über das Vertrauen in das Bewusstsein der Politiker. Und dieses Lachen verheißt, dass wir schneller zu Altbekanntem zurückkehren werden, als wir uns jetzt noch vorstellen.

Doch in den vergangenen beiden Monaten sollte uns bewusst geworden sein, dass neunzig Prozent von dem, was wir kaufen und konsumieren, keine wirkliche Bedeutung für unser Leben hat. Zugleich dürfte uns allen klar geworden sein, was wir tatsächlich benötigen, von medizinischer Versorgung und Bildungseinrichtungen bis hin zu ausreichend Lebensmitteln und sauberem Wasser, um ein gesundes Leben führen zu können.

Nicht zuletzt der Stellenwert der Kultur in unserem Leben. Wer von uns, der derzeit in den eigenen vier Wänden eingesperrt ist, denkt nicht gerade an ein Buch, das er liest, oder an einen Film oder Theaterstück, an ein Lied oder einen Podcast, ja, einen Tanz, zu dem er sich in seiner Wohnung verleiten lässt? Und wie besorgt sind wir alle doch wegen der knappen verfügbaren medizinischen Ressourcen. Doch für diese Bedürfnisse und Notwendigkeiten gibt die ägyptische Regierung nicht einmal das Allernötigste aus. Lassen Sie uns das einmal näher betrachten!

Die 2014 in einer Volksabstimmung verabschiedete Verfassung unseres Landes schreibt Mindestausgaben für Gesundheits- und Bildungswesen und wissenschaftliche Forschung vor. Die Verpflichtung resultiert aus einer jahrzehntelangen Unterversorgung dieser lebenswichtigen Bereiche durch die Regierungen. So legt die Verfassung drei Prozent vom ägyptischen Bruttosozialprodukt als unterste Grenze der Aufwendungen für das Gesundheitswesen, sechs Prozent für Bildung und Hochschulbildung und ein Prozent für wissenschaftliche Forschung fest, was sich im internationalen Vergleich mehr als bescheiden ausnimmt. Doch werden diese Quoten auch eingehalten? Leider nein. Im Haushalt 2016/17 hat die ägyptische Regierung weniger als zwei Prozent des Bruttosozialprodukts für das Gesundheitswesen bereitgestellt, was umgerechnet lediglich drei Milliarden Euro entspricht.

Gleiches gilt für Bildung und Hochschulbildung, wo die Regierung anstelle der festgelegten sechs nur vier Prozent des Bruttosozialprodukts für nötig befand, während für wissenschaftliche Forschung gar nur 0,72 Prozent zur Verfügung standen. In diesem Zusammenhang veröffentlichte die hiesige Presse eine Meldung, dass das Gesundheitsministerium bekannt gegeben habe, aus den Beratern des Ministeriums sei ein wissenschaftlicher Ausschuss gebildet worden, der nun über die Maßnahmen zur Eindämmung des neu aufgetretenen Coronavirus entscheide. Natürlich sorgen derartige Meldungen bei den Ägyptern, die um die dürftigen Etatmittel für wissenschaftliche Forschung wissen, nur für traurigen Spott. Denn wir wissen sehr wohl, dass wir bei unseren läppischen Forschungsausgaben kaum auf wissenschaftliche Erfolge hoffen können. Ein betrüblicher Umstand.

Was den Etat des ägyptischen Kulturministeriums betrifft, so dürfte dieser im besten Fall unter dem eines einzigen großen Theaters in Deutschland oder Frankreich liegen und zudem zu beinahe neunzig Prozent für die Gehälter der Ministeriumsmitarbeiter draufgehen. Für die eigentliche Kulturarbeit bleiben nur Brosamen.

Ich führe in einem Artikel wie diesem eigentlich nicht gerne viele Zahlen an. Aber ich sehe mich nun mal mein ganzes Leben schon mit einer Frage konfrontiert, auf die ich anstelle einer schlüssigen Antwort bis heute nur fassungsloses Bedauern habe. Wie konnten sämtliche Regierungen in diesem Land Wissen, Kultur, Bildung und Gesundheit derart konsequent ignorieren und sich stattdessen beinahe ausschließlich für Sicherheit, Rüstung und Immobilienentwicklung interessieren?

Dabei hat die weiche Macht dieses Landes vor allem auf regionaler Ebene immer in Ägyptens kulturellem Gewicht bestanden. Die Stärke Ägyptens war unser künstlerisches und literarisches Schaffen, unsere Film- und Theaterproduktionen und unser intellektuelles Wirken innerhalb der arabischen Welt.

Ich erinnere mich nicht, jemals ein arabisches Land besucht zu haben, ohne an zahlreichen öffentlichen Orten populäre ägyptische Lieder zu hören oder von den Ein heimischen nach diesem Schauspieler oder jenem Autor befragt zu werden. Aber natürlich hat dieser bedeutende kulturelle Stellenwert Ägyptens in den letzten Jahren unbestreitbar gelitten.

Lassen Sie mich gestehen, dass ich mich in diesen Tagen oft sehr schönen, angenehmen Tagträumen hingebe und mir wie in einem Märchen ausmale, wir könnten vernünftiger und näher an unserer Menschlichkeit aus dieser Seuche hervorgehen. Ich träume davon, dass wir diesen wahnsinnigen Blutzoll für Militärausgaben stoppen und stattdessen unser Wissen und unsere menschlichen Gefühle fördern; dass wir aufhören, unseren Planeten zu zerstören, und anfangen, in einer Weise zu konsumieren, die unsere Ressourcen bewahrt; dass wir uns auf das besinnen, was das Beste für diesen Planeten ist, und nicht immer das Profitabelste. Denn könnte diese Seuche nicht der Beginn einer vernünftigeren, besseren Welt sein, wie wir sie nach dem Zweiten Weltkrieg versäumt haben hinzubekommen? Bitte lassen Sie uns noch ein bisschen träumen, dass wir es nach dieser Plage dorthin schaffen.

Aus dem Arabischen von Markus Lemke.

© SZ vom 14.05.2020/luch
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