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Serie "Welt im Fieber": Kenia:Die Armut vor dem Tor

Welt im Fieber - Kenia, The spread of the coronavirus disease (COVID-19) in Nairobi

In Nairobi wird Desinfektionsmittel gesprüht - den Bürgern ist es verboten, die Stadt zu verlassen. Geschäfte haben aber geöffnet.

(Foto: Baz Ratner/Reuters)

Die Autorin Zukiswa Wanner betrachtet sich als privilegiert. Sie hat Wlan und genug zu Essen - aber was ist mit den Frauen, die am Eingang ihrer Gated Community sitzen?

Gastbeitrag von Zukiswa Wanner

Das Virus trifft die ganze Menschheit. Einige Orte erfasst es früher, andere später. Sechs Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Kenia.

Am Freitag war ich einkaufen. Es war das fünfte Mal seit dem 17. März, dass ich die Sicherheit meiner protzigen Gated Community verlassen habe. Obwohl es keinen völligen Lockdown gibt wie in Südafrika, Ghana oder Simbabwe hat die #StayHome-Kampagne die Leute darin bestärkt, zu Hause zu bleiben. Uns in Nairobi ist es verboten, die Stadt zu verlassen, aber wir können in die Geschäfte. Viele machen das, wie ich beim Einkaufen feststelle. Wir in unserer Gated Community wagen uns nur beschämt nach draußen.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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Die Schulstunden meines 15-jährigen Kindes finden online statt. Ein Zeichen unserer Privilegiertheit: Weniger als einen Kilometer entfernt, in Mukuru, können sich die Kinder Online-Stunden nicht vorstellen, weil die Schulen keine Computer und die Schüler keinen Internetzugang haben. Mein Viertel ist nicht nobel. Sein größter Vorteil ist, dass es fußläufig zum zentralen Geschäftsviertel ist und 20 Minuten mit dem Auto vom Flughafen entfernt. Meine Freunde nennen es scherzhaft das erweiterte Industriegebiet, weil es nahe an einem solchen liegt und wir jede Menge Smog abbekommen. Aber am wichtigsten ist, was wir glauben, wer wir sind. Und solange wir einen Social-Media-Account haben, einen Kühlschrank, einen Herd und ab und zu ein Uber nehmen können, tweeten wir: "Wir, die Mittelklasse".

Also betrachten mein Sohn, mein Partner und ich uns als privilegiert. Wir haben zwei Mahlzeiten am Tag, Strom, fließend Wasser und Wi-Fi. Wenn wir drinnen sind, bekommen wir Nachrichten aus der Außenwelt durch die Whatsapp-Gruppe der Nachbarn: Sagen Sie Ihren Hausangestellten und Kindern, sie sollen nicht ohne Masken nach draußen gehen.

Am Freitag verlasse ich diese Blase und realisiere, wie machtlos das Coronavirus viele von uns macht. Dieselben Frauen aus Mukuru sitzen vor dem Tor, die dort immer anbieten, meine Wohnung zu putzen und meine Wäsche zu bügeln. Sie können nicht zuhause bleiben, weil das darüber entscheidet, ob ihre Familien hungrig zu Bett gehen oder wenigstens eine Mahlzeit haben. Für sie ist die Frage, ob sie am Coronavirus oder an Hunger sterben. Das meine ich nicht im übertragenen Sinn. Es ist eine reale Gefahr. Sie sitzen dort mit Masken, die sie beschaffen mussten - laut einer Regierungsverordnung wird jeder verhaftet, der ohne Maske erwischt wird. Niemand, mit dem ich gesprochen habe, wurde mit Masken versorgt.

Aus Angst vor dem Virus sind wir unsozialer geworden

Hoffnung scheint in den Gesichtern auf, wenn einer von uns durch das Tor geht, aber ich weiß, dass wenige einen Job bekommen werden. Vor Corona hätte ich ihnen etwas Arbeit in meinem Haushalt anbieten können. Jetzt kann ich das aus zwei Gründen nicht. Das Geld, mit dem ich einkaufe, war mein letztes Einkommen für einen Auftritt, und wegen der Schulgebühren und der Miete muss ich aufpassen, was ich ausgebe. Außerdem hat Covid-19 uns gelehrt, argwöhnisch gegenüber anderen zu sein. Wenn sie nicht im eigenen Haushalt wohnen, wie kann man sich dann sicher sein, dass sie nicht das Coronavirus übertragen? Wenn die öffentliche Gesundheitsversorgung so schlecht ist wie bei uns, will man dieses Risiko nicht eingehen.

Und wieder werde ich an mein Privileg erinnert, zuhause bleiben zu können. Ich frage mich auch, was den globalen Norden und den Süden unterscheidet. Meine Freundin Anita in Großbritannien erzählt, wie sie mit Leuten aus ihrer Straße eine Whatsapp-Gruppe gegründet hat, um Einkäufe für Ältere zu machen. Sie sind freundlicher und die Hüter ihrer Nachbarn geworden. Hier haben wir uns, obwohl wir normalerweise sehr gesellig sind, hinter unseren Toren eingesperrt. Aus Angst vor dem Virus sind wir unsozialer geworden. Die Gefahr, dass das die finanziell weniger selbständigen unserer Brüder und Schwestern tötet, ist größer als die durch das Virus. Tragischerweise sehe ich keinen Mittelweg.

Ich werfe diesen Konflikt in eine Frauen-Whatsapp-Runde. Jemand informiert mich über Setzlinge, die angebaut und nächste Woche zu haben sein werden. Vielleicht kann eine von uns welche besorgen und sie den Ärmeren schenken? Eine andere erzählt von Gemüse aus ihrem Garten, das ich abholen und den Frauen an meinem Tor geben kann. Ich lächle und habe Hoffnung. Ich bin Künstlerin. Wenn ich zynisch schreibe, dann weil ich hoffe, vor einem Verderben zu warnen. Aber auf dem Kontinent, der Ebola, Malaria, HIV und Tuberkulose ertragen musste, kann ich mich des Gedankens nicht erwehren, dass die Ausgangssperren wegen Covid-19 mehr schaden als nutzen.

Ich sehe die Frauen vor meinem Tor, wenn ich am Freitag einkaufen gehe. Ich frage mich, was passiert, wenn sie die Hoffnung verlieren.

Die Südafrikanerin Zukiswa Wanner wurde 1976 in Sambia geboren und lebt heute in Kenia. Sie schreibt Romane und Kinderbücher. Sie hat im Lockdown ein Online-Literaturfestival mitbegründet. Aus dem Englischen von Marie Schmidt.

© SZ vom 05.05.2020/cat
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