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Serie "Welt im Fieber": Japan:Angst vor der Erschütterung

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Auch in Tokio sind die Nächte dunkler geworden. Viele Menschen bleiben jetzt zuhause.

(Foto: AFP)

In Japan gibt es neuerdings selbsternannte Corona-Polizisten, Tokio ist ungewohnt dunkel. Und nun bebt auch noch die Erde.

Gastbeitrag von Sayaka Murata

Es war elf Uhr abends, und zum ersten Mal seit vier Tagen verließ ich die Wohnung. Mein Kühlschrank war leer, aber ich hatte Appetit auf einen Joghurt. In meiner Nähe gibt es drei Konbini, allerdings haben wegen des Coronavirus viele nicht mehr 24 Stunden geöffnet. Also steuerte ich vorläufig den nächstgelegenen an.

Mir fiel auf, wie ungemein dunkel es war. Die Rollläden von normalerweise bis zum Morgen geöffneten Kneipen und Nudellokalen waren heruntergelassen. Bislang hatten auch die Scheinwerfer von Taxis die Straßen erhellt, doch nun war es stockfinster. Mir wurde bewusst, dass ich angenommen hatte, Tokio sei naturgemäß nachts von gleißender Helligkeit erfüllt. Es fühlt sich seltsam an, wenn es nachts so wenig Licht gibt.

Genauso seltsam fühlt es sich übrigens an, dass im Gegensatz zu früher neuerdings so viele Menschen abends zu Hause sind. In meinem Haus leben die meisten allein. Ich kenne fast niemanden und weiß nicht einmal, ob neben mir ein Mann oder eine Frau wohnt. Bislang schienen alle spät nach Hause zu kommen, und tagsüber sah man außer dem Hausmeister so gut wie nie jemanden. Doch wenn ich jetzt auf den Balkon gehe, höre ich Geräusche, leise Musik ertönt, und die Anwesenheit von Menschen ist rund um die Uhr spürbar. Das Wlan ist überlastet und die Verbindung mitunter schlecht.

Um kurz vor zwei ertönt plötzlich eine Erdbebenfrühwarnung

In Japan kursiert gerade der Begriff der "Selbstbeschränkungspolizei". Seit ich in den Nachrichten gesehen habe, dass Geschäfte, die nicht freiwillig schließen, von selbsternannten Corona-Polizisten mit diffamierenden Zetteln beklebt und Autofahrer mit Nummernschildern anderer Präfekturen belästigt werden, erscheinen die Blicke der Menschen mir zunehmend bedrohlich.

Wieder zu Hause nahm ich eine Dusche und setzte mich an den Schreibtisch, bis kurz vor zwei plötzlich die Sirene meines Smartphones ertönte. Eine Erdbebenfrühwarnung. Seit der letzten großen Katastrophe erschreckt diese Sirene mich jedes Mal fast zu Tode. Im nächsten Augenblick wackelt das Haus. Auch gestern hat die Erde gebebt, aber jetzt ist es stärker. Angstvoll warte ich, dass die Erschütterung nachlässt. Eigentlich bin ich an Erdbeben gewöhnt, aber der Gedanke an ein größeres in Corona-Zeiten macht mir Angst. Als ich mein Smartphone öffne, wimmelt es auf Twitter von Nachrichten über das Erdbeben: Maximalstärke 4 - Erdbeben, alles klar - Herzklopfen - Schon wieder eins ... Obwohl das Haus bestimmt voll von Leuten ist, die die gleichen Ängste haben wie ich, beruhigen mich die Worte der Fremden im Internet.

Im Stockwerk über mir sind Schritte zu hören. Wahrscheinlich hat das Erdbeben jemanden geweckt. Umgeben von Menschen, die ich noch nie gesehen habe, gehe ich ins Bett und hoffe, es wird kein Erdbeben mehr geben. Draußen vor dem Fenster ist es noch dunkel.

Sayaka Murata ist eine japanische Schriftstellerin. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe

© SZ vom 08.05.2020

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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