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Serie "Welt im Fieber" - Brasilien:Wer weiß schon, wer sich rettet

Serie "Welt im Fieber"
Maßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus nahe der Favela Rocinha in Brasilien

Ein Mann desinfiziert zur Bekämpfung des Coronavirus nahe der Favela Rocinha in Rio de Janeiro, Brasilien, die Straße.

(Foto: Carl de Souza/AFP)

In Brasilien gehen die Menschen wieder auf die Straße, statt zu Hause zu bleiben - eine Folge von Fake News und dem hypnotischen Zustand, in dem sich das Land befindet.

Das Virus trifft die ganze Menschheit. Einige Orte erfasst es früher, andere später. Sechs Literaten aus sechs Ländern führen eine globale Chronik. Heute: Brasilien.

"Sei lieb dieses Mal", bittet mich meine Mutter, als sie am Telefon erfährt, dass ich wieder eine Pandemie-Kolumne schreibe. Sanfte Worte. Allzeit gültige. Da fällt mir Goethe ein, der etwas über die Zartheit im Herzen geschrieben hat, wenn wir uns an den Tod erinnern, der uns alle trifft. Ich antworte: "Natürlich, Mama, ich werde versuchen, einen Text mit einem Aroma von Mango-Chutney zu schreiben. Wie das, das ich gerade gekocht habe."

Mit Sanftheit dem Leben zu begegnen, das wir momentan in Brasilien noch haben, scheint mir fast unausweichlich. So wie man einem spektakulären abnehmenden Mond nachblickt. Der Herbstwind weht schon, kalt wie der Winter, der hier im Süden Brasiliens bevorsteht. Ich habe ein halbes Dutzend verschiedener Chutney-Rezepte ausprobiert, um wieder einen Tag zu überstehen und Hoffnung in die Zukunft zu demonstrieren. Solche Dinge helfen mir, präsent zu bleiben. Die Mangos und alle anderen Zutaten habe ich von einem Biobauern, der ins Haus liefert. Er lachte mich gut gelaunt über seine Atemmaske hinweg an. Diese Zugewandtheit der Leute und ein Netz der Solidarität sind zwei Phänomene in dieser Pandemie.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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"Rette sich, wer kann", war das Motto des Schweizer Musikers Anton Walter Smetak, der im brasilianischen Nordosten, in Bahia, lebte und starb. Aber wer weiß schon, wer sich rettet. In diesem Gedanken von Rettung sollte die Milde stecken. Wir brauchen Süßes, sagt meine Mutter. Für diejenigen, die weinen werden. Um mit der Tatsache umzugehen, dass wir in einem Land leben, das viele Covid-19-Tote innerhalb weniger Wochen haben wird. Vielleicht in zwei oder drei, in vier oder fünf. Das Virus macht, was es will, es verändert sich, bleibt ruhig, kommt zurück.

Die kollektive Hypnose folgt weiter ihrem Kurs

Das brasilianische Militär hat schon Daten über die Kapazität für Bestattungen in den Städten erhoben. Zur selben Zeit wurde unser Gesundheitsminister, Henrique Mandetta, entlassen. Vergangenen Donnerstag. Nelson Teich, der auf einer Linie mit Präsident Bolsonaro ist, ersetzt ihn. Er ist so auf einer Linie, dass er gleich zu Anfang sagte, er werde "daran arbeiten, dass die Gesellschaft so schnell wie möglich wieder zum normalen Leben zurückkehrt".

Wir sind in den Abgrund der Nekropolitik gefallen, aber dieser Fall vollzieht sich vorerst langsam. Die "Gesellschaft" ist nicht daran gewöhnt, ihr Leben alle 14 Tage oder jeden Monat neu zu überdenken. Das "normale Leben" will immer schneller Resultate, unmittelbare Antworten. Und hier sieht man das Problem des Faktors Zeit in dieser Epidemie. Wir können jetzt ruhig sein und schon in 14 Tagen könnten - immer schneller und schneller - Tausende Menschen sterben, wie in Spanien oder, noch schlimmer, in den USA. In dieser Woche meldete Brasilien die durchschnittliche Zahl von 200 Toten pro Tag. Das erscheint wenig im Vergleich mit den USA, die am Freitag 4491 Tote in 24 Stunden beklagten. Wenn solche offiziellen Daten in unverantwortlicher Weise in Relation gesetzt auf ein Volk treffen, das mit Fake News bombardiert wird, kommt die Nachricht vollkommen verzerrt an. Eine große Anzahl von Bots verbreiteten zum Beispiel in den sozialen Netzwerken, dass Cloroquin den "Cousin" von irgendjemandem vom Coronavirus geheilt habe. Die kollektive Hypnose folgt weiter ihrem Kurs, auch mittels solcher Technologien.

Innerhalb weniger Stunden entlarven Faktenchecks von Journalisten fast alle Variationen von Fake News. Aber sie haben nicht die gleiche Reichweite und nicht denselben Effekt wie die ursprüngliche Nachricht. Es gibt immer Leute, die sich an diese falschen Hoffnungen klammern. In den Zeitungen liest man dagegen, dass es Covid-19-Tote gab, die mit Cloroquin behandelt wurde. Viele von ihnen waren jung und hatten keine Vorerkrankungen.

Natürlich gibt es eine hohe Dunkelziffer. Da keine umfangreichen Tests durchgeführt werden, geraten immer mehr Leute an die Infektionsfront. Sie bewegen sich schnell wieder auf den Straßen statt eine angemessene Zeit zu Hause zu bleiben. Im Vergleich mit Argentinien liegen wir weit zurück, was effiziente Maßnahmen gegen die Pandemie betrifft. Verhält man sich in Brasilien vielleicht sogar so, um ein Heer von Totengräbern auf den Straßen zu rechtfertigen? Es ist schwer, angesichts dieses Themas sanft zu sein. Ich versuche es beim nächsten Mal. Versprochen.

Katherine Funke, geboren 1981 im brasilianischen Joinville, ist Autorin und Gründerin des Verlags Micronotas.

Aus dem Portugiesischen von Michaela Metz.

© SZ vom 20.04.2020/tmh
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