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Serie "Welt im Fieber": Ägypten:Licht ins Dunkel

Ramadan-Vorbereitungen in Æ'gypten

Zusammenhalt in Ägypten: Eine Frau geht durch den Kairoer Stadtteil Al Malek.

(Foto: Lobna Tarek/dpa)

Angesichts zahlreicher zivilgesellschaftlicher Initiativen lässt unser Autor in seinem letzten Tagebuch noch einmal Hoffnung aufkommen.

Gastbeitrag von Khaled el-Khamissi

Von dem arabischen Dichter Abu Firas al-Hamdani, der im 10. Jahrhundert lebte, ist die Sentenz überliefert: "In einer dunklen Nacht wird der Vollmond vermisst." Trifft dies in der einzigen Neumondnacht des Monats zweifellos zu, so stimmt diese Aussage nicht in dunklen Zeiten. Denn immer bricht sich Licht in unterschiedlicher Form durchs Dunkel, je schwärzer die Finsternis. Und diese Lichtstrahlen sind es, die ich zur Zeit, bei aller vorherrschenden Düsternis, in Ägypten sehe. Die Lage in unserem Land war vor März sicher nicht zum Besten bestellt, und mitunter habe ich nicht viele Lichtblicke ausmachen können. Aber seit dem Inkrafttreten der Maßnahmen gegen die Seuche und dem Wegfall so vieler Erwerbsmöglichkeiten insbesondere für die Armen, zeigt unser altes Volk, das von jeher gewohnt ist, Geschlossenheit und sozialen Zusammenhalt zu praktizieren, um das Leben seiner Mitmenschen zu retten, vielfältige Anstrengungen.

So wie ich im Januar 2011 einen für unser Land einzigartigen historischen Moment erlebt habe, werde ich gerade Zeuge eines vergleichbaren Augenblicks, sehe private und gemeinschaftliche Bemühungen zuhauf, um denen zu helfen, die Hilfe benötigen. Und ich glaube fest daran, erhielten die Gemeinschaften der Zivilgesellschaft nur die Gelegenheit, würden sie sowohl politisch wie auch sozial eine aktivere und einflussreichere Rolle spielen als gegenwärtig, würde sich ihr Aufgabenbereich mehren, ausweiten und stärker eingebunden sein in die Verwaltung öffentlicher Belange. Lassen Sie mich deshalb einen Blick auf einige dieser Initiativen sozialen Verantwortungsbewusstseins werfen, denn es ist mit ihnen wie mit dem Gähnen: Allein sie zu sehen, wirkt ansteckend.

In einem der Dörfer des Nildeltas versammelten sich die Bewohner und beratschlagten, wie sie in Zusammenarbeit mit der örtlichen Verwaltung helfen könnten. Nachdem man erörtert hatte, woran es im Dorf am meisten fehlt, wurde damit begonnen, öffentliche Service-Einrichtungen wie die Post und die Polizeistation täglich zu reinigen und nicht berufstätige Frauen und Mütter, die keinerlei Einnahmequellen mehr haben, finanziell zu unterstützen. Zudem machten sich örtliche Lehrer unentgeltlich daran, Unterrichtsstunden auf Video aufzunehmen und diese für ihre Schüler auf Youtube hochzuladen.

In Kairo wiederum ist seit Wochen eine von einer jungen Frau ins Leben gerufene Initiative dabei, an dem Coronavirus Erkrankte, die in ihre eigenen vier Wände gesperrt unter Quarantäne stehen, mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. So gelang es der tatkräftigen Initiatorin, zum einen ausreichend viele Familien zu finden, die täglich Lebensmittel spenden, und zum anderen Familien, welche die Zubereitung der Speisen übernehmen. Hinzu kommen junge Leute, die sich bereit erklärt haben, die Mahlzeiten zu dem jeweiligen Kranken zu transportieren. Gewöhnlich erfolgt die Essensausgabe an den Kranken dann durch seine Nachbarn, wobei nicht selten einer von ihnen auch Geld spendet, um die Versorgung des erkrankten Nachbarn zu unterstützen.

Ein anderer junger Mann hat die von ihm ins Leben gerufene Initiative "Volkskomitee zum Kampf gegen Corona" genannt, ein Name, der uns alle - mit gewisser Wehmut - an die während der Revolution 2011 gegründeten Volkskomitees erinnert. Ziel des Projekts ist die Hilfe für Tagelöhner und ungelernte Arbeitskräfte etwa aus den Kaffeehäusern, die im Zuge der Seuche ihre Anstellung verloren haben und nun ohne ein Auskommen dastehen. Dem jungen Komiteegründer haben sich etliche Freiwillige angeschlossen, die Geld- oder Sachspenden sammeln, um Pakete mit unter anderem Lebensmitteln, Fertigprodukten, Putz- und Desinfektionsmitteln sowie Seife zu bestücken.

Eine andere, ebenfalls von einer jungen Frau ins Leben gerufene Initiative, der sich rund fünfzig Freiwillige angeschlossen haben, hat bereits annähernd 1500 Familien sieben unterschiedlicher Nationalitäten unterstützt. Denn wie die Initiatorin feststellen musste, sehen sich aktuell in Ägypten viele Menschen, die zum Arbeiten aus anderen Ländern hergekommen sind, bedroht, aus ihren Wohnungen vertrieben zu werden, weil sie die Miete nicht mehr aufbringen können. Die Initiative bemüht sich, die Mietzahlungen für diese Menschen, die in den zurückliegenden Monaten ihre Arbeit verloren haben, zu übernehmen, und versorgt darüber hinaus besonders bedürftige Familien mit Hilfspaketen. Ein wirklich bemerkenswertes Projekt, das in erster Linie Nicht-Ägyptern zugute kommt.

Andere Bemühungen junger Freiwilliger haben sich zur Aufgabe gemacht, Dinge des täglichen Bedarfs für Familien einzukaufen, von denen ein Mitglied sich mit dem Virus infiziert hat, weshalb nun die gesamte Familie unter häuslicher Quarantäne steht. Zudem gibt es Zusammenschlüsse junger Aktivisten, die sich darauf spezialisiert haben, bei der Suche nach einem Krankenhaus zu helfen, das überhaupt noch Coronakranke aufnimmt.

Das sind nur einige wenige Beispiele für Privatinitiativen, die aus dem Wunsch, sich gemeinnützig zu engagieren, hervorgegangen sind und innerhalb bekannter, lokaler Strukturen arbeiten. Und mehr positive Beispiele dieser Art finden sich zuhauf. Das Schöne daran ist, dass sich diese Art von Engagement offenbar schneller verbreitet, als das Virus zu streuen in der Lage ist. Sobald jemand hört, dass einer etwas unternimmt, um einem Kranken oder Bedürftigen zu helfen, finden wir, dass auch er sofort gewillt ist, etwas zu unternehmen, ja von sich aus in seinem privaten Umfeld zu fragen beginnt, ob ihn nicht jemand dabei unterstützen möchte. Und das Allerschönste daran ist das Wissen, dass diese Initiativen zumeist von jungen Menschen ausgehen, die durch die gegenwärtigen Lebensumstände selbst unter großem Druck stehen.

Natürlich gibt es andererseits auch manche, die die bestehende Notlage ausnutzen, um schnelles Geld zu machen. So tauchen plötzlich unzählige Anbieter auf, die gegen eine mehr als stolze Summe testen, ob man sich mit dem Virus infiziert hat oder nicht, und zu diesem Zweck zu einem nach Hause kommen. Wie genau diese Tests jedoch sind, vermag ich persönlich nicht zu sagen. Und gleichzeitig haben einige Privatkliniken ihre ohnehin schon stattlichen Preise drastisch erhöht. Von meiner Tochter erfuhr ich, die Familie einer Freundin, die sich mit dem Virus infiziert hat, habe 50 000 Guinee, sage und schreibe 2.700 Euro, für eine einzige Nacht in einer solchen Klinik berappt, also 25 Mal so viel wie der monatliche Mindestlohn in Ägypten beträgt. Eine Form schamlosen Wuchers, wie sie hierzulande leider nur zu bekannt ist und bedauerlicherweise zu erwarten war, angesichts der grassierenden Seuche und des gleichzeitigen Mangels an verfügbaren Krankenhausbetten.

Doch gegen solche finsteren Auswüchse hilft nur Licht. Und das Licht, das die hier beschriebenen und andere humanitäre Initiativen in Ägypten verbreiten, lässt mich optimistisch auf ein Morgen blicken.

Katherine Funke aus Brasilien, Felwine Sarr aus dem Senegal, Khaled al-Khamissi aus Ägypten, Kristen Roupenian aus den USA, V. Ramaswamy aus Indien, Zukiswa Wanner aus Kenia und Sayara Murata aus Japan. Literaten aus verschiedenen Ländern führen eine globale Chronik.

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© SZ.de/cag/tmh
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