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Welt aus Daten:Totale Ordnung, totale Schönheit

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Hinter den Benutzeroberflächen, hinter den Quellcodes, hinter den Überwachungsszenarien, hinter den Datenmengen und hinter den Serverfarmen muss irgendwo noch eine Welt sein: Hier der Sonnenuntergang hinter Googles Datencenter in Saint Ghislain in Belgien.

(Foto: Connie Zhou/picture alliance /AP)

Der Architekturjournalist Niklas Maak erzählt in seinem Roman "Technophoria" von der glänzenden neuen datensammelnden Welt, in der wir fast schon leben. Und von ihren Absurditäten.

Wer schon öfter auf den Tech-Konferenzen und Idee-Festivals der Welt zu Gast war, kennt das wohlige Gefühl, das sich, aufgeputscht von Low-Carb-Catering und einem halben Dutzend Impulsvorträgen einstellt. Die plötzliche Überzeugung, dass noch nicht alle Ideen gedacht worden sind, dass die Algorithmen und Gadgets, die die fitten und hypercharismatischen Redner, da auf der Bühne präsentieren, es schon richten werden, ja dass die Zukunft trotz aller Bedenkenträger und Bremser gut und gerecht sein wird.

Der Journalist Niklas Maak beschreibt in seinem Roman "Technophoria" den Moment, in dem die Zukunft im Begriff ist, zur Gegenwart zu werden. Turek heißt der Mann, der den Leuten diese Zukunft verkaufen soll. Er arbeitet als Cheflobbyist für den Start-Up-CEO Driessen. Der baut Smart Cities, erst in Berlin und hoffentlich schon bald in der ganzen Welt. Schöne Städte werden entkernt und zu Überwachungsapparaten mit angeschlossenen Wohneinheiten umgewandelt, genau wie die in ihnen lebenden Bürger zu Nutzern werden. Die beiden träumen von einer Welt in der jede Parkbank marketingrelevante Daten übermittelt und das größte Wagnis darin besteht, einmal einen Ausflug zu unternehmen, ohne vom Navigationssystem geleitet zu werden. Die im Titel angedeutete Euphorie ist in Maaks Roman ein Privileg für diejenigen, die mit ausreichend sozialem und echtem Kapital ausgestattet sind, dass sie sich nicht mit Endnutzerlizenzbestimmungen, Datenschutzbedenken und Überwachungskapitalismus herumschlagen müssen. Der Rest produziert entweder Daten oder verarbeitet sie, um die Maschine am Laufen zu halten. Aber der point of no return ist ohnehin schon erreicht, sagen Turek und sein Chef, also könne man auch gleich so weitermachen wie bisher. Die Einsparpotenziale und die dabei noch freisetzbaren Effizienzpunkte sind ja auch enorm; soundso viel Strom gespart, den Absatz und soundso viel Prozent gesteigert.

All die kleinen Dystopien und neuen Abhängigkeiten und unnötigen Bedürfnisse, die in den Alltag einsickern, nimmt man dafür gerne in Kauf. Oder? Wo zieht man eigentlich die Schmerzgrenzen der Bevormundung? Wenn die Gesundheitsapp an die Krankenkasse funkt? Ist es schon Masochismus, wenn man sich von der Foto-App ungefragt Bilder schicken lässt die an bessere Zeiten erinnern? Von Aufbegehren oder gar Maschinenstürmerei ist zunächst kaum eine Spur, mal abgesehen von Online-Petitionen, ein wenig Bürgerversammlungstumult oder ein paar angezündeten selbstfahrenden Autos in Driessens Fuhrpark.

Bei so geringem Widerstand und weil im Silicon Valley und an den anderen Orten auf der Welt, die sich gerne mit ihm vergleichen, Gigantomanie die einzig gültige Währung ist, geht es schon bald nicht mehr nur darum, Berliner Straßenzüge in Smart-City-Quartiere umzuwandeln. Das Qattara-Projekt soll Driessens Krönung sein: Nicht nur Stadtviertel werden digitalisiert, sondern ganze Kontinente. Eine riesige Senke in der nordafrikanischen Wüste zu fluten, um dort blühende Landschaften entstehen zu lassen, so lautet der Plan, damit ließen sich Klimawandel, Flüchtlingskrise und Bürgerkriege mit einem Schlag lösen. Die Idee zur Begrünung der Wüste stammt aus der Mitte des 20. Jahrhunderts. Früher wollte man das, wie auch sonst, mit ein paar Dutzend Atombomben erreichen. Heute soll es schweres Gerät aus dem Silicon Valley richten, doch zuvor gilt es, die hier lebenden Menschen und Tiere zu verräumen.

Technik macht uns zu Verlängerungen unserer Gadgets, Atavismen werden ausgemerzt

Es ist nicht ganz klar, ob Turek dafür der Richtige ist. Er ist irgendwo in der Grauzone der Generationen gefangen, noch nicht ganz Digital Native, nicht mehr ganz Digital Immigrant. Beherrscht zwar die Etikette der neuen Welt. Findet sie oder besser deren Bewohner aber eher anstrengend. Turek fährt lieber Retro-Porsche und schreibt SMS mit korrektem Satzbau, anstatt autonomen Mobilitätslösungen zu vertrauen und hinter jeden getexteten Halbsatz ein Emoji zu kleistern.

Derlei Atavismen werden aber im Laufe der Zeit ausgemerzt. Technik verändert uns. So sehr, dass wir selbst zur Verlängerung unserer Gadgets werden. Wie früher Postkarten schicken sich Turek und seine Kollegen Screenshots von ihren EKG-Kurven, viel persönlicher geht es kaum: "Sie feierten einen neuen Rausch der Verausgabung, die neue Härte und Glätte, die ihre Körper, vorangetrieben und beobachtet von Apps und Sensoren, entwickelten."

Das klingt eklig und doch schreibt Maak keines jener typischen Angstmacherbücher vom Schlage eines Dave Eggers'schen "Der Circle". Das ist alles echt, über weite Teile besteht "Technophoria" aus Tatsachenprosa. Der Großteil der aufgeführten Konzepte existiert wirklich in den Präsentationen und Pitch Decks der Start-Ups. Maak ist auf dem technisch neuesten Stand und nutzt Wörter wie Serverracks oder Plattformkapitalismus im richtigen Kontext, während er gleichzeitig die Mechanismen darlegt, die sonst unter den Nutzeroberflächen und matt schimmernden Gadgetgehäusen verborgen bleiben.

Er erzählt von den brummenden Rechenzentren, die, um die vermeintlich so körperlosen Datenwelten des Internet anzutreiben, Unmengen von fossilen Brennstoffen benötigen. Oder von den menschlichen Mithörern der Aufzeichnungen der Sprachassistenten, die Millionen von Nutzern entweder vertrauensvoll oder fatalistisch in die Smart Speaker stammeln.

Anders als der Mehrheit seiner Kollegen geht es Turek nicht nur um Kohle. Er hat keine Kinder und keine Ehe, dafür ein halbgares Ding mit einer alleinerziehenden Mutter am Laufen, ist also doch, gerade 40 geworden, auch noch auf der Suche nach ein bisschen analogem Glück. Gleichzeitig treibt ihn die naive Hoffnung, dass Technik endlich eine letztgültige Erklärung für den Menschen und seine Zustände liefern könne.

Das Gefühl, wenn die Euphorie verfliegt und die Geräte ihren Dienst verweigern

Totale Ordnung bedeutet totale Schönheit, denkt Turek im Angesicht einer riesigen Serverfarm, in der sämtliche Signale, Wörter, Bilder, Töne und Gefühle der Welt zusammenlaufen. Wird er da nicht sogar vielleicht Zeuge der Geburt "einer Art Gottheit"? Technik verspricht Transzendenz. Der einzige Vorwurf, den man Maaks Recherche machen kann besteht darin, dass er die schon längst gegründete Religion, die sich der Anbetung einer noch zu erfindenden superintelligenten Maschine verschrieben hat unerwähnt lässt.

Abseits aller Überhöhungen nimmt Turek die Absurditäten und Nachteile des Fortschritts eher achselzuckend in Kauf: Sprachassistenten, deren Stimme durch einen Softwarebug so klingt "wie ein Geist, der von Dämonen geschüttelt wird", automatisierte Computerprogramme, die von ihren menschlichen Nutzern den Nachweis eben dieser Menschlichkeit verlangen, der Chef, der ihn dazu anhält, seine Apple-Watch auch nachts zu tragen, um während des Schlafens "Daten zu generieren".

Wer schon öfter auf den Tech-Konferenzen und Idee-Festivals der Welt zu Gast war, kennt auch das Gefühl, wenn die Euphorie verfliegt und dem Alltag Platz macht: Stecker und Kabel passen nicht. Apps stürzen ab, die Geräte verweigern ihren Dienst und die Dinge geraten aus den Fugen. So ergeht es dann auch Turek. Indem der Mensch in so gut wie jeden Gegenstand Mikrochips und Computerprozessoren einpflanzt, muss er in einer neuen Umwelt zurechtkommen, in der die Objekte nicht mehr erklärbar sind, ja sogar ein Eigenleben zu besitzen scheinen, genau wie die Wölfe, die gleich gegenüber von Tureks Testgelände in der brandenburgischen Provinz ihr Unwesen treiben.

Sowieso kommt die Natur bei Turek und seinen Kollegen nicht allzu gut weg. Nachgefragt wird sie nur noch von denjenigen, die zu schwach sind, um mit der Zukunft, die ja bald schon Gegenwart sein wird, mitzuhalten. Die steigen aus, retten sich entweder in cyberanarchistische Kommunen oder gleich zu den Gorillas ins Regenwald-Reservat. Die teilen schließlich das gleiche Schicksal wie die Bewohner der Smart Citys. Werden von den Wildhütern beschützt, haben ein sorgenfreies Dasein, müssen dafür einen Teil ihrer Natur aufgeben. In "Technophoria" sitzen die Analogien locker und sind nicht gerade subtil. Aber das sind die Weltentwürfe, die sie beschreiben ja auch nicht.

Niklas Maak: Technophoria. Roman. Carl Hanser, München 2020. 256 Seiten, 23 Euro.

© SZ vom 26.03.2020
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