Weinstein-Skandal "In unserer Zahl liegt Kraft"

Die Oscar-Academy schließt den Filmproduzenten Harvey Weinstein aus. Auch andere Hollywood-Mächtige werden mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert.

Von Tobias Kniebe

Die Academy of Motion Picture Arts and Sciences, in der mehr als 6500 Filmschaffende kollektiv die Oscars vergeben, schließt ein Mitglied aus - erst zum zweiten Mal in ihrer Geschichte. Der 54-köpfige Vorstand, dem Persönlichkeiten wie Steven Spielberg, Tom Hanks und Whoopi Goldberg angehören, beschloss auf einer Dringlichkeitssitzung am Samstag in Hollywood, dem Produzenten Harvey Weinstein, dem eine stetig wachsende Zahl von Frauen aus der Filmindustrie Vergewaltigung, Nötigung und sexuelle Belästigung vorwirft, seine Mitgliedschaft zu entziehen. In einer Erklärung hieß es, die Academy wolle damit auch ein Zeichen setzen, "dass die Ära von vorsätzlicher Ignoranz und schmählicher Mitschuld bei sexuell rücksichtslosem Verhalten und Belästigungen am Arbeitsplatz in unserer Branche vorbei ist".

Harvey Weinstein war seit mehr als zwanzig Jahren Academy-Mitglied. Die von seinen beiden Firmen produzierten und mit aufwendigen, meist von ihm selbst gesteuerten Publicity-Kampagnen zum Erfolg getragenen Filme haben zusammen mehr als 80 Oscars gewonnen. Für "Shakespeare in Love" gewann Weinstein auch persönlich einen Oscar als bester Produzent.

Bill Cosby und Roman Polanski sind trotz ähnlicher Vorwürfe immer noch Academy-Mitglieder

Der bisher einzige Rauswurf eines Mitglieds betraf einen unbekannten Schauspieler - wegen illegaler Weitergabe von Oscar-Sichtungskopien. Wie bedeutsam der neue Schritt der Academy ist, erkennt man auch im Kontrast zur Oscarverleihung 2003, bei der Roman Polanski als bester Regisseur für den Film "Der Pianist" ausgezeichnet wurde, obwohl er als Flüchtling vor der amerikanischen Justiz nicht ins Land einreisen konnte und sich einem endgültigen Urteilsspruch wegen "ungesetzlichen Geschlechtsverkehrs" mit einer 14-Jährigen aus dem Jahr 1977 bis heute entzieht. Viele Academy-Mitglieder im Saal erhoben sich damals zu einer Standing Ovation für Polanski. Auch der Fernsehstar Bill Cosby, dessen Prozess wegen serieller sexueller Nötigungen im Juni ohne Urteil zu Ende ging, weil die Jury sich nicht einigen konnte, ist immer noch Mitglied der Academy.

"In unserer Zahl liegt Kraft" hatte Cara Delevigne, britisches Model und Schauspielerin, in ihrem persönlichen Bericht über Weinstein geschrieben, in dem sie wie viele andere Frauen erklärte, von dem Mogul in eine sexuell verfängliche Situation gelockt und bedrängt worden zu sein. Die Zahl der Opfer, die mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit gehen und damit dem Beispiel von Ashley Judd, Asia Argento, Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie folgen, nimmt weiter zu. Zu den prominenteren Namen aus den letzten Tage gehören Léa Seydoux, Claire Forlani, Eva Green, Mia Kirshner, Angie Everhart und Sarah Polley. Vier Frauen werfen Weinstein inzwischen Vergewaltigung vor, am prominentesten Rose McGowan, die auf ihren Social-Media-Kanälen die Anklage gegen Weinstein anführt. Sie hat offenbar beschlossen, die Klausel in ihrem Schweigegeld-Vertrag mit Weinstein zu ignorieren, die es ihr bisher verbot, konkrete Taten zu benennen. Die britische Schauspielerin Lysette Anthony, bekannt aus Woody Allens "Husbands and Wives", hat in London Anzeige erstattet - sie sei in den Achtzigerjahren von Weinstein in ihrer Wohnung vergewaltigt worden. Scotland Yard bestätigt die Ermittlungen.

Derweil verdichten sich die Anzeichen, dass die Weinstein Company, die nach dem Rauswurf ihres Co-Gründers nun von dessen Bruder Bob geführt wird, den Skandal als unabhängiges Unternehmen nicht überleben wird, wie das Wall Street Journal berichtet. Pläne einer Umbenennung seien inzwischen wieder aufgegeben worden, berichtet ein Insider, derzeit gehe es nur noch um die Optionen Verkauf oder Dichtmachen. Dem widerspricht Bob Weinstein allerdings in einem Statement, in dem er die Berichte "unwahr" nennt.

Die Männer der Filmindustrie ordnen sich derweil in vier Gruppen: Jene, die angeblich nichts wussten und empört sind, wie der von Weinstein zum Erfolg gepushte Politfilmer Michael Moore, der dazu aufrief, eine "Welt ohne Harveys" zu schaffen; jene, die sich jetzt öffentlich ihr eigenes Schweigen vorwerfen, wie Colin Firth, der von seiner Kollegin Sophie Dix von einem Weinstein-Übergriff erfuhr und nichts tat; dann jene, die noch Zeit brauchen, "ihren Schmerz, ihr Wut, ihre Erinnerungen" zu verarbeiten, bevor sie etwas sagen können - wie Weinstein-Intimus Quentin Tarantino verbreiten ließ. Und schließlich jene, denen nun selbst Übergriffe vorgeworfen werden, wie Oliver Stone. Carrie Stevens, Schauspielerin und Playboy-Model, beschuldigt den Regisseur, in den Neunzigerjahren auf einer Party im Vorübergehen ihren Busen begrapscht zu haben.