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Ausstellung "Ich hasse die Natur" in Weimar:Auenland ist abgebrannt

Library; "Ich hasse die Natur"
Ausstellung in Weimar -26.September 2021

In einer hochartifiziell hergestellten Fotografie der amerikanischen Künstlerin Lori Nix sieht man die Ruine einer Bibliothek, in der Bäume wachsen ("Library", aus der Serie The City, 2007, Leihgabe Galerie Klüser München).

(Foto: ©Lori Nix/Kathleen Gerber)

In Weimar zeigt eine Ausstellung namens "Ich hasse die Natur", dass wir eigentlich gar nicht wissen, was genau Natur ist. Und was daraus in Zukunft wird.

Von Thomas Steinfeld

In den ersten Monaten des Jahres 1778 begann man in Weimar mit der Anlage eines Gartens, der sich vom Schloss an den Ufern der Ilm entlang nach Süden ziehen sollte. Über eine Strecke von mehreren Kilometern wurde ein Englischer Garten gestaltet, eine weite, von alten Bäumen und malerisch gruppierten Büschen bestandene, von überraschenden Blickachsen durchzogene Auenlandschaft, durch die sich in weiten Bögen der Fluss schlängelt. Im Lauf der Zeit wurde er, mehr als jede vergleichbare Parkanlage in Deutschland, zum Sinnbild der Harmonie zwischen Mensch und Natur, woran auch die Vorstellung des Dichters Goethe ihren Anteil hat, der nicht nur Liebhaber und Kenner der Pflanzen war, sondern sich auch in der Planung dieses Parks engagierte. Seine Arbeit brachte, so wird überliefert (obwohl er wahrlich nicht allein tätig war), eine idealische Natur hervor, die vollkommener wirkte als die Natur, der sie abgewonnen wurde. Das gilt bis heute.

Einer "neuen Natur" ist das Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramm der Stiftung Weimarer Klassik in diesem Jahr gewidmet. Der Park an der Ilm ist sein wichtigster Ort. Von "Natur" kann bei diesem Park allerdings nur in einem eingeschränkten Sinn die Rede sein. Vielmehr bildet er eine "Landschaft", und das heißt: eine Natur, die nicht nur bearbeitet ist, sondern auch Eigentum, sei es privat oder öffentlich. Damit diese "Natur" bleiben kann, was sie ist, damit also das menschengemachte Idyll an der Ilm erhalten bleibt, bedarf die Landschaft der Pflege. Ohne fortgesetzte Bearbeitung verfiele sie bald in einen Zustand, an dem die Besucher wenig Freude hätten. Dieser Zustand wäre dann tatsächlich Natur.

Und mehr noch: Weil sich die Pflanzen wie alle Natur in Zeiten des beschleunigten Klimawandels an veränderte Bedingungen anpassen müssen, weil Vertrautes verschwindet und bislang nicht heimische Arten herbeidrängen, wächst der Aufwand, den Park als Kulturdenkmal zu erhalten, bis hin zur Unmöglichkeit des ganzen Unternehmens. Auch diese Anstrengungen haben mit Natur nur bedingt etwas zu tun, umso mehr aber mit der Durchsetzung einer buchstäblich fixen Idee.

Zum Auftakt der Veranstaltungen ist im Schiller-Museum eine Ausstellung zu sehen, die den spektakulären Titel "Ich hasse die Natur!" trägt. Das Zitat, das einem Wutanfall Thomas Bernhards entlehnt ist, soll einen polemischen Abstand zur vermeintlich idyllischen Natur an der Ilm markieren. Die Schau hat aber zum Glück nur selten programmatischen Charakter, trotz der üblichen Versprechungen, sie solle "irritieren". Vielmehr besteht sie in der Hauptsache aus historischen Artefakten und zeitgenössischen Kunstwerken, aus denen sich eine Bestandsaufnahme dessen ableiten lässt, was landläufig unter Natur verstanden wird, was aber meist einer Klärung bedarf.

Ein Automat zeigt Plastikspielzeug aus den Mägen verendeter Seevögel

In der ersten Abteilung wendet sich die Schau dem Menschen zu, so wie er sich die Natur als das Andere seiner selbst vorstellt, während er zugleich ein Teil von ihr ist und, mehr noch, die Natur als ein unbekanntes Fremdes in ihm selber haust. In der zweiten Abteilung wird gezeigt, was unter der Regie von Staat und Kapital mit den natürlichen "Ressourcen" geschieht, die zur Reproduktion des Betriebs verwendet werden. Und im abschließenden Teil geht es um Spekulationen zur Zukunft des Verhältnisses von Mensch und Natur oder, genauer gesagt, um die Frage, was denn übrig bleiben werde vom Menschen - denn dass es weiterhin eine Natur geben wird, in welcher Gestalt auch immer, ist wohl vorauszusetzen.

Eines der seltsamsten Exponate der Ausstellung ist ein übergroßer Verkaufsautomat, geschaffen von der Hamburger Künstlerin Swaantje Güntzel, in dem statt runder Kaugummis Kugeln aus durchsichtigem Kunststoff liegen, in denen sich kleine Plastiktiere befinden, Radiergummis und billiges Spielzeug. Der nur scheinbar harmlose Kram birgt indessen eine grausame Geschichte: Es stammt aus den Mägen großer Seevögel aus dem Pazifik, die an dieser Diät verendeten. Dem allegorischen Sinn des Kunstwerks lässt sich am Ende kaum entkommen. Doch präsentiert es sich zunächst als Rätsel, und wer es sich auflösen lässt, erhält eine Lektion zur Entstehung ökologischer Verhängnisse. Zugleich aber lässt sich der Automat nicht restlos in Erkenntnis auflösen: Es bleibt ein Moment des Schreckens, des grotesken Verhältnisses von Ding und Wirkung wegen.

Der Kaugummiautomat liefert ein Modell für die Ausstellung. Ohne Erläuterungen kommt der Besucher darin nicht zurecht, und das gilt auch für die prächtigste Installation der Schau, die vom Berliner Künstlerkollektiv Re:Sorb Media dort aufgebaut wurde: ein aus vielen Videos zusammengesetztes Diorama, das auf die Zahl der im Raum befindlichen Betrachter reagiert. Ist er fast leer, gibt es einen Dschungel zu sehen. Er verwandelt sich immer mehr in eine Industrielandschaft, je mehr Besucher sich versammeln.

Ein Werk des dänischen Künstlers Tue Greenfort zeigt in einer übergroßen Phiole einen Baumstamm, in dem Käfer bohren, bis sie das Holz irgendwann zermahlen haben werden. In einer hochartifiziell hergestellten Fotografie der amerikanischen Künstlerin Lori Nix sieht man die Ruine einer Bibliothek, in der Bäume wachsen. In den meisten Fällen sind die gezeigten Dinge mehrdeutig. Darin unterscheidet sich die Ausstellung im Guten von den landläufigen Aufforderungen, die "Natur" zu "retten", ohne dass man sich darüber im Klaren wäre, in welchem Zustand der Kultur sich die "Natur" jeweils befindet.

Friedrich Schiller sprach davon, der Zweck eines Englischen Gartens liege darin, dass seine Kunst "absolut mit der Natur verwechselt" werde und also den Anschein erwecke, dass die Natur "sich selbst präsentiert", ohne Zutun des Menschen. Der Schein, die Natur mache hier, was sie wolle, entsteht dadurch, dass es bei einem solchen Garten nicht um einen Nutzen geht, sondern um ein Stück Natur, das vom Nutzen befreit werden soll. Es wird nicht aufgebraucht, in einem ökonomischen Sinn, sondern der Natur freiwillig erstattet. Etwas Ähnliches, allerdings unter katastrophischen Voraussetzungen und ganz und gar erzwungen, ist offenbar in der Umgebung des ehemaligen Kernkraftwerks von Tschernobyl geschehen, nach der Explosion, als die Menschen evakuiert worden waren und aus den Fugen des Betons die Pappeln zu sprießen begannen. Man kann Flo Döhmers Fotografien aus der Geisterstadt Prypjat nicht anschauen, ohne darin einen Widerschein der Schönheit zu erkennen, die den Englischen Park kennzeichnet: Sie entsteht durch das Zurückgeben.

"Ich hasse die Natur"
Ausstellung in Weimar -26.September 2021

Flo Döhmer: Tschernobyl und Prypjat. Der Lenin-Prospekt, Fotografie, 2015.

(Foto: Flo Döhmer)

Je weiter die Ausstellung vorankommt, desto schwieriger wird es, die Grenzen zwischen Natur und Nicht-Natur zu ziehen. Was landläufig als Natur bezeichnet wird, erscheint als Hypostase, als gedankliche Verselbständigung, und auf die anderen großen Kategorien aller Umweltdebatten, den "Menschen", das "Ökosystem" oder die "Nachhaltigkeit" etwa, trifft das oft ebenfalls zu. Sie dienen ideologischen Absichten, und die damit verbundenen Ungenauigkeiten haben ihren Preis. Wird die Schuld an den Veränderungen des Klimas bei "dem Menschen" schlechthin gesucht, kann man gewiss sein, dass politische und ökonomische Interessen nicht zur Sprache kommen. Ist von einem "Ökosystem" die Rede, verwandelt sich Natur in eine Umwelt, in der sich jedes Element als funktional zu erweisen hat, was Beschränkungen der bürgerlichen Freiheiten nach sich zieht. Und auch in der "Nachhaltigkeit" steckt eine Idee von Zukunft, über die man nachdenken sollte, bevor man sie sich zu eigen macht: Sie verlangt, das Leben im Hinblick auf zukünftiges Leben zu betrachten, auf unbestimmte Zeit, sodass alles, was ist und sein wird, immer nur als etwas Flüchtiges erscheint, das sich den Ansprüchen der Zukunft zu fügen hat.

Am Anfang des "Faust", im ersten Teil, fällt der berühmte Satz: "Wo fass ich dich, unendliche Natur?" Über den ganzen Sommer hinweg will man sich in Weimar solche Fragen stellen. Ob sie beantwortet werden? Goethe jedenfalls wäre die Vorstellung, dass es in der Natur etwas Endliches gäbe, oder genauer: dass es in der Erklärung der Natur etwas Endliches gäbe, eher fremd gewesen.

Ich hasse die Natur! Mensch, Natur, Zukunft. Schiller-Museum, Weimar, bis 29. August. Der Katalog kostet zehn Euro.

© SZ
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