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Weihnachtsalbum "Silver & Gold" von Sufjan Stevens:Stresstest für Gefühle

Jeder Musiker muss mal eine Weihnachtsplatte machen, selbst jemand wie Bob Dylan. Nun hat der Pop-Avantgardist Sufjan Stevens Lieder zum Fest aufgenommen - um zu erkunden, warum diese Songs eigentlich so gut funktionieren. Der schiere Wahnsinn.

Von Karl Bruckmaier

Es ist schon spät und der DJ des Vertrauens packt sein Vinyl und seine CDs zusammen. Sechs Stunden lang hat er ein Klanggebäude des guten Geschmacks errichtet, albanische Schellack-Aufnahmen mit Opernarien verschnitten, Gospel und Blues jaulen lassen, Hawaii-Gitarren haben gebalzt und Mariachi-Bands, Trentemöller und Moritz von Oswald haben ihre Beats gedroppt und auch Johnny Cash durfte vorsingen. Alles dies und mehr wurde von den wenigen bewussten und vielen plaudernd herumstehenden, manchmal unbewusst mit den Zehen wippenden Zuhörern wohlwollend aufgenommen, doch ein einziges Lied hatte es geschafft, dass der halben Feiergemeinde die Kanapees aus der Hand fielen und man sich entrüstet umwandte, die Frage unisono: Was denn das nun solle . . .?

Das einzige Lied, das eine emotionale und einhellig ablehnende Reaktion hervorrief, war "Stille Nacht", komponiert von Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr und zu Gehör gebracht von Sufjan Stevens. Der in Detroit geborene Vorzeige-Sonderling des amerikanischen Pop ist bekannt für seine ebenso größenwahnsinnigen wie barocken Projekte: Er hat eine Stadtautobahn vertont, er hat angekündigt, jeden der fünfzig US-Bundesstaaten mit einem Album zu ehren (zwei sind bisher erschienen - zu Illinois und Michigan), und er hat bereits 2006 eine Box mit Weihnachtsliedern veröffentlicht, der er nun eine zweite folgen lässt: "Silver & Gold" (Asthmatic Kitten Records).

Christentum, Konsumterror und der Weihnachtsbaum

Neben Tattoos, Aufklebern und einem Weihnachtsstern samt Bastelanleitung enthält "Silver & Gold" fünf CDs, die Sufjan Stevens zwischen 2006 und 2011 jeweils kurz vor Weihnachten für Bekannte eingespielt hat, tatkräftig unterstützt von einigen willfährigen Laiensängern, aber auch prominenten Mitgliedern von Bands wie The National, The Danielson Famile und Arcade Fire. Und während man "We Three Kings", das "Ave Maria" oder eben "Stille Nacht" hört - mal fast klassisch-kitschig, mal interpretiert wie von außerirdischen Kindsköpfen -, kann man drei lange Essays lesen im Beiheft, zwei vom Künstler selbst, eins von einem Presbyterianer-Pastor, der seine Schäfchen im hippen Brooklyn in die Kirche treibt.

Hier erfahren wir viel über Christentum, Konsumterror und den Weihnachtsbaum, vor allem aber schärft die intellektuelle wie künstlerische Auseinandersetzung Stevens' mit den wohl vertrautesten, am meisten mit Gefühlen aufgeladenen Liedern der westlichen Welt das Ohr für die Unkaputtbarkeit der meisten dieser Songs. Alle Jahre wieder werden sie - und wir mit und wegen ihnen - einem Stresstest unterworfen wie Venedig bei Acqua alta, doch wie die Lagunenstadt, von Tourismus und Hochwasser ungerührt, immer noch Schönheit im Übermaß zeigen kann, so helfen auch diese meist harmlosen Reime und Melodien, einen sozialen Zustand der Erwartung zu generieren, der schließlich und zwangsläufig in der saturierten Entspanntheit der Tage nach den Tagen mündet, einer Art gesellschaftlicher postkoitaler Gelöstheit, die sich erst im Neuen Jahr langsam wieder auflädt auf Normaltempo.

Eine Zumutung zum Mitsummen

Dieses Wunder eines emotionalen Konsenses, dem sich selbst Weihnachtsmuffel nicht entziehen können, ist es, das den Pop-Avantgardisten Sufjan Stevens fasziniert, das ihn bewegt hat, eigene, mal komplexe, mal treudoofe Weihnachtslieder beizusteuern: Und alle meldete er als "public domain" bei seinem Musikverlag, also als rechtefrei - ein wahrhaft großzügiger wie demokratischer Akt im Umgang mit geistigem Eigentum.

Mit diesem Akt transzendiert Sufjan Stevens auch die menschelnde Tradition der Weihnachtsplatte, die "man" im Popgeschäft zu machen hat, selbst wenn "man" Bob Dylan heißt: Er unterstreicht die aufklärerische, dem Individuum verpflichtete Tradition, die Pop zugrunde liegt und versöhnt sie mit genau jenem antiaufklärerischen Emotionstohuwabohu Weihnachten, weil es eben und irgendwie allen gehört - und genau dies stiftet Gemeinschaft, Teilhabe, die selbstverständlich auch zu Abstoßreaktionen führen kann, so wie Stevens' Liedern - wie auch Artwort-Beigaben ein Zombie-Weihnachten kennen oder ein Weihnachten der Bombenleger.

"Silver & Gold" ist der schiere Wahnsinn, eine Provokation, eine Zumutung zum Mitsummen. Mitra und Mütze auf, das Rentier eingespannt, das "Gotteslob" aufgeschlagen und aus vollem Hals ein "Hallelujah!" dem Kind in der Krippe. Es sieht ein wenig aus wie Rosmaries Baby.

© SZ vom 07.12.2012/ihe
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