"Wege des Lebens", ein Drama mit Javier Bardem:In der Gedankenwelt eines demenzkranken Schriftstellers

Kinostart - 'Wege des Lebens - The Roads Not Taken'

Javier Bardem und Laura Linney in "Wege des Lebens".

(Foto: dpa)

"Wege des Lebens" von Sally Potter ist eine persönliche Geschichte über die Krankheit Demenz. Doch dem Drama fehlt letztlich ein Quäntchen Wahrhaftigkeit.

Von Susan Vahabzadeh

Man weiß bei Leo nicht so recht, ob er noch da ist oder nicht; meistens reagiert er nicht, und wenn doch, dann nicht so wie erwartet. Manchmal läuft er einfach weg. Warum, brüllt seine Tochter ihre Mutter an, reden alle immer so, als wäre er gar nicht im Zimmer? Nur Molly ist sich sicher, dass Leo noch irgendwo da ist. Er leidet an Demenz, er ist desorientiert. In seinem New Yorker Appartement vegetiert er vor sich hin, von einer Pflegerin versorgt.

Leo, der Schriftsteller, der keine Worte mehr findet, und seine Tochter Molly sind die Protagonisten im neuen Film von Sally Potter, die 1992 mit Virgina Woolfs Zeiten- und Identitäten-Wanderung "Orlando" bekannt wurde. Auch "The Roads Not Taken - Wege des Lebens" ist ein Spiel mit Identität. Es beginnt damit, dass Molly ihren Vater zum Zahnarzt bringt. Sie sollte arbeiten, ihr Handy klingelt, aber Leo spielt nicht mit, sie kann seinen Körper zu fassen kriegen, ihn waschen, als er sich in die Hose macht, aber er selbst ist in einer anderen Zeitzone unterwegs. Aus Mollys großen Augen spricht Verzweiflung; Leo blickt durch sie hindurch. Und scheint sie dann doch, plötzlich, zu erkennen.

Nur Imagination?

Sally Potter hat zwei Trümpfe in der Hand. Der eine ist Javier Bardem, der wieder einmal einfach großartig ist, besonders in jenen Szenen, in denen man ihm irgendwie glauben muss, dass er tief in seinem Innersten ganz klar ist, aber nicht mehr kommunizieren kann. Zum anderen liegt ihrer Geschichte - Potter hat auch das Drehbuch geschrieben - eine Idee zugrunde, die genau das Richtige ist fürs Kino: Für all die Figuren um ihn herum ist Leos Verstand mit unbekanntem Ziel verreist; aber die Zuschauer nimmt er mit.

Es ist nie ganz klar, wie sich seine Fantasien zur Wirklichkeit verhalten, an welchem Punkt er die echten Geschehnisse hinter sich lässt. Wenn er sich in Griechenland wähnt und dort einen Roman schreiben will, sich eine junge amerikanische Touristin zur Muse erwählt - ist er dann dort gewesen und hat bloß im weiteren Leben einen anderen Weg gewählt? Oder ist schon die Reise in dieses schriftstellerische Exil nur imaginiert? Dolores aber, der Name, den er stammelt, ist real. Mollys Mutter weiß, wer sie ist. Dolores (Salma Hayek) war Leos große Liebe, bevor er nach Amerika kam. In Leos Vorstellung leben die beiden zusammen, aber glücklich sind sie nicht. Sie streiten, ihre Wertvorstellungen - Leo ist nüchtern, Dolores abergläubisch - sind auf Kollisionskurs. In allen Versionen seines Lebens ist Leo jedoch immer derselbe Mann, traurig und zerrissen, egal, ob die Blautöne Griechenlands vor ihm liegen oder das rote Mexiko. Wie der Reisende in dem titelgebenden Gedicht von Robert Frost, "The Road Not Taken / Die verpasste Straße", der einer Straße, der er nicht folgt, noch lange nachsieht, bis sie ins Unterholz entschwindet.

Die Diskrepanz zwischen Innenwelt und Außenwelt

Es gibt wunderbare Momente in "The Roads Not Taken", beispielsweise jenen, wenn sich Molly zwischen Fürsorge und ihrem eigenen Leben so sehr zerreißt, dass sie schließlich zweimal da ist: Eine geht, eine bleibt. Die schweigsamen Szenen funktionieren besser als die dialoglastigen, in denen Molly viel zu viel redet, viel zu viel erklärt, bis alles kühl und konstruiert wirkt. Wie Potter beispielsweise versucht, einen weiteren Zwiespalt in Leo einzuweben: Er ist als großer Intellektueller von Mexiko in die USA gegangen - aber das Häufchen Elend, als das er nun desorientiert durch die Straßen New Yorks irrt, wird in Trumps Amerika auf der Straße angefeindet. Es ist eine spannende Idee, die Zerrissenheit einer Existenz, die ganze Diskrepanz zwischen Innenwelt und Außenwelt zu zeigen und Leo so seine Menschlichkeit zurückzugeben. Aber Potter schafft es nicht, sie in mitreißende Szenen umzumünzen.

Eigentlich sollte "The Roads Not Taken" durch und durch emotional sein, denn es ist eine persönliche Geschichte, die Potter hier verarbeitet hat, ihr Bruder litt schon jung an fronttemporaler Demenz, jener Form der Krankheit, an der sich auch Potters Film orientiert. Dieser sei nicht autobiografisch als Geschichte, sagt sie, aber als Gefühl. Potter deutet Leos Demenz einfach um. Sie beschreibt nicht etwa einen zerstörten Geist, sondern einen, der einfach in ein Paralleluniversum abgedriftet ist. So ist der Film eine Art Selbsttröstung, die auch für jeden anderen funktionieren mag, der bereit ist, sich auf diese Umdeutung einzulassen. Natürlich ist die Idee interessant, aber es fehlt "The Roads Not Taken" letztlich ein Quäntchen Wahrhaftigkeit. Die läge in der Erkenntnis, dass die Mauer zwischen Mollys Welt und jener, in der ihr Vater sein Leben korrigiert und umschreibt, am Ende doch undurchdringlich bleibt.

The Roads Not Taken, Großbritannien 2020 - Regie und Buch: Sally Potter. Kamera: Robbie Ryan. Mit: Javier Bardem, Elle Fanning, Laura Linney, Salma Hayek. Universal, 85 Minuten.

© SZ vom 13.08.2020
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