WDR: Talentprobe - Ein Wiedersehen Träume, später

Eine Doku spürt den Kandidaten der ersten Casting-Show auf. Eine wehmütige Kollage aus Jugendträumen und Alterspragmatismus.

Von Michael Moorstedt

30 Jahre später lebt Wilfried seinen Traum noch immer. Wilfried sieht aus wie Elvis und sagt von sich, er sei der Rock'n'Roller aus dem Westerwald. Gunther dagegen züchtet jetzt Pferde, und Karin trägt Zeitungen aus. Sie haben ihre Träume aufgegeben. Vor 30 Jahren trafen sie sich mit Wilfried und ein paar anderen an einem Sommerabend, um mit der Musik endlich ernst zu machen. Einfache Menschen, ausgestattet mit wenig mehr als schiefen Stimmen und viel Selbstbewusstsein.

Moderator Manfred Behrens (l.) spürt die ehemaligen Kandidaten auf und konfrontiert sie mit ihren Auftritten.

(Foto: Foto: dpa)

Die Talentprobe war die Mutter aller Casting-Shows. In den 1970er Jahren konnte sich hoffnungsvoller Nachwuchs dort beweisen. 1979 drehte der Filmemacher Peter Goedel eine Dokumentation über die Möchtegern-Musiker, die im Kino zu viel Belustigung führte. Denn die Talentprobe war ein Häme-Happening, bis zu 4000 zahlende Besucher kamen zusammen, um zu pfeifen und zu buhen. Man hielt Plakate in die Luft, "Bedauernswert" stand dort, oder: "Hau ab, du Kulturbanause." Die Beschimpfungen waren eloquenter als Dieter Bohlens Fäkalkommentare. Doch was 2010 nur zu spärlichen Rügen der Landesmedienanstalten führt, erschien damals unerhört.

30 Jahre später spürt der WDR-Journalist Manfred Behrens die ehemaligen Kandidaten auf und konfrontiert sie mit ihren Auftritten. So ergibt sich eine wehmütige Kollage aus Jugendträumen und Alterspragmatismus. Während er Wilfried und die anderen zu einer Reunion begleitet, gelingen Behrens Mini-Charakterstudien. Auftritte bei Seniorengeburtstagen haben dem Westerwald-Elvis tiefe Falten ins Gesicht getrieben. Andere berichten von Schlaganfällen, Scheidungen, schlechten Geschäften.

In den alten Bildern ist schon die elementare Sehnsucht der Menschen erkennbar, teilzuhaben am unbarmherzigen Entertainment-Spiel. Doch anders als die Kandidaten der heutigen Casting-Shows, die den Selbstvermarktungsimperativ der Leistungsgesellschaft verinnerlicht haben, merkt man ihren Ahnen noch ein wenig Selbstironie an. Sie lachen über ihre stolpernden Stimmen, sie bedanken sich für die Pfiffe. Einer sagt heute trotz aller Publikumsbrutalität: "Das waren die besten zehn Minuten meines Lebens."

Zugabe. Talentprobe - Ein Wiedersehen, WDR, 23.15 Uhr.

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