WDR: "Cosmo TV" "Integration geht jetzt erst los"

Das multikulturelle Redaktionsteam von "Cosmo TV" kennt sich aus, wo andere nicht hinkommen: Integrationsfernsehen für Anfänger und Fortschrittene.

Von Hans Hoff

Wer einen komischen Namen hat, muss erst einmal sagen, wo er herkommt. Das ist beim Grünen Cem Özdemir so, bei dem gerne betont wird, er sei der erste türkischstämmige Parteivorsitzende und zudem noch in Bad Urach geboren. Im Lebenslauf, den das ZDF für seine "Heute-Journal"-Sprecherin Dunja Hayali angelegt hat, steht, dass Hayalis Eltern aus dem Irak stammen und sie als gebürtige Dattelnerin eine deutsche Staatsangehörigkeit vorweisen kann.

Für "Cosmo-TV"-Redaktionsleiter Birand Bingül geht Integration jetzt erst los: "Vorher war es Larifari." Gemeint ist damit wohl auch "Integrationsarbeit" à la Erkan und Stefan.

(Foto: Foto: ddp)

Auch bei Asli Sevindim, die im WDR Fernsehen die "Aktuelle Stunde" moderiert, fehlt in der Senderpräsentation nicht der Hinweis, dass sie die Tochter türkischer Eltern ist und in Duisburg geboren wurde. Ein wenig klingt das immer so, als müsse man das sagen. Quasi zur Entschärfung. Ist nicht böse, tut nichts, kommt von hier, lautet der unausgesprochene Subtext, der belegt, dass es trotz des großen Lobs, das eine Serie wie "Türkisch für Anfänger" gerade in der ARD einfährt, noch ein ziemlich weiter Weg bis zur Selbstverständlichkeit einer fröhlichen Vielfalt ist. Zumindest so lange, wie es niemandem einfällt, bei Günther Jauch immer wieder zu betonen, dass er in Münster als Kind deutscher Eltern geboren wurde.

Ein bestimmter Geist

Bei Birand Bingüls WDR-Steckbrief steht nicht, wo er geboren wurde, es steht da nur, dass er Inlandskorrespondent für die "Tagesschau", Kommentator der "Tagesthemen" und Redakteur bei der Sendung "Cosmo TV" ist. Nichts von seinem Geburtsort Wickede-Wimbern, nichts davon, dass er der erste "Tagesthemen"-Kommentator türkischer Herkunft ist.

Das mag ein Zufall sein, weil bei seinen Redaktionskollegen die Herkunft durchaus aufgeführt wird, es kann aber auch stehen für einen bestimmten Geist, den Bingül transportiert. Der 34-Jährige mischt kräftig mit in der aktuellen Debatte um das Leben in Vielfalt, hat in der Zeit die Deutschtürken im Lande aufgefordert, auch selbst für ihre Integration zu kämpfen, und es fügt sich, dass er am 1. Januar Chef von "Cosmo TV" wird, der immer noch einzigen Sendung ihrer Art im deutschen Fernsehen, die sich an Zugewanderte und Deutsche richtet. "An alle, die sich für Schnittstellen interessieren", sagt Bingül.

In "Cosmo TV" geht es um das Zusammenleben, um die Probleme, die das bereitet und natürlich auch um die Klassiker wie Ehrenmorde, Schulgewalt oder den Karikaturenstreit. Moderiert wird "Cosmo TV" abwechselnd von Pinar Atalay und Till Nassif, von denen der WDR natürlich erzählt, dass sie türkische und er syrische Wurzeln hat.

"Cosmo TV" ist ambitioniert, aber in Wahrheit natürlich eher wie das Tröpfchen auf einen glühenden Stein. Wie ernst es den Sendergewaltigen tatsächlich ist, verdeutlicht der jämmerliche Sendeplatz. Sonntags von 15.55 bis 16.25 Uhr wird das Thema abgehakt. Der Sendeplatz sei gar nicht so schlecht, sagt Bingül. Man komme auf vier Prozent Marktanteil und durchschnittlich 130.000 Zuschauer im Bundesland, wo um diese Zeit ungefähr drei Millionen Menschen fernsehaktiv sind.

Zugänge in Parallelgesellschaften

Vier Millionen Menschen mit Zuwanderungsgeschichte führt das zuständige Ministerium allein für Nordrhein-Westfalen, was die Zuschauerzahl von Cosmo TV relativiert. "Einen Sendeplatz am Abend würden wir nicht zurückweisen", sagt Tina Hassel. Die Auslandschefin des WDR weiß aber, dass sie davon lange träumen kann, weshalb sie sich gemeinsam mit Bingül ein bisschen wichtig machen will. Im besten Sinne natürlich.

Derzeit verbringen die drei Redakteure und mehr als zehn Mitarbeiter im engen Umfeld der Sendung ihre Zeit vor allem damit, die Sendung vorzubereiten. Der Rest bleibt fürs Wirken in anderen Bereichen im Haus. Integration ist schließlich immer wieder ein Thema in den verschieden Redaktion. "Vernetzung im Sender ist das große Thema", sagt Bingül, der seine Redaktion zum Kompetenzzentrum ausbauen und die Außenwirkung erhöhen möchte. Wenn es um Integration geht, sollen die Menschen gleich an "Cosmo TV" denken und sich dort die Expertise holen.

"Wir haben die Leute, die die Stücke machen können", sagt Hassel und träumt schon von Community-Reportern, die sich dort auskennen, wo andere nicht hinkommen. "Wir suchen die Zugänge in die Parallelgesellschaften. Wir wollen Einblicke in diese Black Box bekommen", sagt sie. Dazu braucht es neue Mitarbeiter. "Wenn ich komme, sagen die: Das ist keiner von uns", erklärt Bingül. "Inzwischen sind integrationspolitische Themen die, die sich am besten verkaufen lassen. Das sind Fachthemen, die nicht jeder kann", ergänzt Hassel, die auch weiß, dass die Arbeit mit Menschen, die nah dran sind am Thema, nicht immer leicht ist: "Wir arbeiten viel mit Autoren, die viel mitbringen, die aber auch intensiv betreut werden müssen."

"Unser Thema kommt, und es wird nicht weniger werden", erklärt Bingül, der in Sachen Integration eine neue Zeit angebrochen sieht. "Vorher war es Larifari. Integration geht jetzt erst los. Es gibt schon Menschen, die von Integrationsjournalismus leben können."

Hoffnung auf wachsendes Interesse

Bingül weiß, dass die großen Ziele noch in der Entfernung liegen, dass er an der Sendung arbeiten muss. "Es ist nicht alles Gold, was wir senden", sagt er, und räumt ein, dass es thematisch einen türkischen Überhang gibt. Bei Russlanddeutschen etwa oder Afrikanern sei man nicht so gut aufgestellt.

Ein bisschen strahlt er auch die Hoffnung aus, dass das Beispiel des WDR Schule machen, dass sich mehr andere Dritte für die Themen interessieren könnten. Derzeit übernehmen nur der SWR und der HR "Cosmo TV", allerdings zu nachtschlafender Zeit am Sonntagmorgen. EinsExtra strahlt die Wiederholung freitags um 23 Uhr aus. Für die Quote bringt das nichts, aber die ist ohnehin nur bedingt aussagekräftig, weil Menschen mit Migrationshintergrund bei der Publikumsmessung mangelhaft berücksichtigt werden.

Aus zehn Nationen kommt das Stammpersonal von "Cosmo TV", wobei eine exotische Herkunft nicht allein und sofort als Qualitätsbeweis gilt. "Wir sind nicht die Redaktion, die jetzt den positiven Rassismus betreibt und nur Leute holt, die einen komischen Namen und dunkle Augen haben", sagt Bingül und verweist auf Asli Sevindim. "Die moderiert nicht die "Aktuelle Stunde", weil sie türkisch ist. Es lässt sich doch nicht jeder seinen Redaktionstürken reindrücken."

Auch dass "Cosmo-TV"-Moderator Till Nassif beim ARD-Morgenmagazin aushelfen darf, sei nur dessen Qualifikation geschuldet. "Die nehmen den, weil er gut ist. Der Westdeutsche Rundfunk ist nicht der Streichelzoo für Ausländerkinder."

Cosmo TV, WDR, sonntags, 15.55 Uhr.