Literatur-Kolumne:Was lesen Sie?

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Literatur-Kolumne: Die Autorin Asal Dardan hat sich gegen eine Aufnahme in den Schriftstellerverband PEN Berlin entschieden: "Ich möchte den Selbstgesprächen anderer nicht mehr beiwohnen."

Die Autorin Asal Dardan hat sich gegen eine Aufnahme in den Schriftstellerverband PEN Berlin entschieden: "Ich möchte den Selbstgesprächen anderer nicht mehr beiwohnen."

(Foto: Jörg Carstensen)

In unserer Interviewkolumne fragen wir Schriftsteller und Schriftstellerinnen nach ihrer aktuellen Lektüre. In dieser Folge: Asal Dardan.

Von Miryam Schellbach

Asal Dardan, geboren 1978 in Teheran, wuchs nach der Flucht ihrer Eltern aus Iran in Köln, Bonn und Aberdeen auf. Sie studierte Kulturwissenschaften und Nahoststudien und wurde Essayistin und Journalistin. Ihr Buch "Betrachtungen einer Barbarin" war im vergangenen Jahr für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert.

SZ: Frau Dardan, was lesen Sie gerade?

Asal Dardan: Für einen Essay, den ich schreibe, lese ich unter anderem Fatima El-Tayebs Studie "Undeutsch" und Natasha A. Kellys "Afrokultur". Beide Bücher greifen fantastisch ineinander und führen klar vor Augen, wie wichtig es ist, dass afrodeutsche Wissenschaft und Literatur noch viel stärker und breiter gewürdigt wird. Auch, damit wir als Öffentlichkeit nicht immer wieder in diesem, wie El-Tayeb es nennt, "unproduktiven Selbstgespräch" stecken bleiben. Zu einem ernsthaften Dialog können die wichtigen Gespräche nur werden, wenn das Wissen anderer anerkannt und respektiert, wenn abweichenden Perspektiven souverän, also auf Augenhöhe, begegnet wird. So nebenher, "privat", lese ich Helga Schuberts "Vom Aufstehen". Ich lese es gern, auch wenn ich nur langsam vorankomme. Die Welt darin ist mir ziemlich fremd.

Welches Buch hat Sie am meisten geprägt?

Um mal pompös zu sein, ich glaube tatsächlich Ovids "Metamorphosen". Es gibt Bücher, die mir emotional näher sind, aber intellektuell inspiriert mich keines so sehr wie dieses. Weil es mir zeigt, wie schön und verspielt Sprache sein kann, dass sie kraftvolle, bleibende Bilder hat und dass vor allem nichts sein und bleiben muss, für das andere es halten. Die "Metamorphosen" vereinen Poesie, Philosophie, Psychologie und Menschheitsgeschichte. Ich liebe die Vorstellung, dass die Natur und auch wir selbst ständig im Fluss sind, ebenso wie den Blick auf das Lebende als hybrid und wandelbar, als Dialog zwischen dem Innen und dem Außen.

Aus welchem Kinderbuch können Sie noch heute einen Satz auswendig?

Ich lese meinen Kindern viel vor, sodass ich ihre Bücher recht präsent habe. Aber wenn es um eines aus meiner eigenen Kindheit gehen soll, dann eindeutig der Satz: "Dreimal gen Osten müssen wir uns bücken und dazu sprechen: mu - mu - mu" aus Hauffs Märchen "Kalif Storch". Meine Mutter und ich haben immer wieder Tränen gelacht bei dieser Stelle.

Welche Figur aus einem Roman fällt Ihnen immer wieder ein?

Mein erster Crush, Mitya aus "Die Brüder Karamasow". Mich hat umgehauen, wie lebendig und facettenreich die Figur ist, so leidenschaftlich und fehlbar und gutherzig.

Ein Buch, das Ihnen wichtig ist, von dem die meisten anderen aber noch nie gehört haben?

Ich weiß nicht, ob es so unbekannt ist, aber ich empfehle es häufiger. Ein kleines Bändchen, ein nie abgeschickter Brief von Marcelle Sauvageot: "Fast ganz die Deine". Sie schrieb ihn als 30-Jährige in einem Sanatorium, sie war an Tuberkulose erkrankt. Es ist ein Abschiedsbrief an eine Person, die sie geliebt hat und die sich von ihr trennte. Vier Jahre später ist sie gestorben. Ich war Mitte zwanzig, als ich das Buch zum ersten Mal las, und habe mit ihm gelernt, wie man ein bisschen besser mit Liebeskummer umgeht. Also ein kleines bisschen.

Haben Sie sich schon mal mit jemandem wegen eines Buches zerstritten?

Ich hatte mir noch als Schülerin die Gesammelten Werke von Oscar Wilde gekauft, dafür hab ich echt gespart. In meiner Studienzeit hat dann ein Liebhaber Rotwein darüber verschüttet, damit war die Sache für mich irgendwie auch schon vorbei. Oder zumindest fand ich ihn nicht toll genug, um das wegzustecken.

Sie wollen trotz Anfrage kein Mitglied im Schriftstellerverband PEN Berlin werden. Warum?

Ich möchte den Selbstgesprächen anderer nicht mehr beiwohnen. Ich glaube außerdem daran, dass nicht nur die Inhalte und Absichten zählen, sondern auch die Praxis, also wie man etwas macht. Wie man mit Menschen umgeht, wie man auf sie eingeht, wie man politische und gesellschaftliche Überzeugungsarbeit versteht. Ich habe gelernt, nicht auf meine Eitelkeit hereinzufallen und lieber darauf zu schauen, was sich wirklich gut und richtig anfühlt. Prinzipiell habe ich ein großes Verlangen nach Vernetzung, kollektivem Denken und Handeln. Glücklicherweise finde ich immer wieder Menschen, mit denen ich gestalten und mich auseinandersetzen möchte.

Weitere Folgen der Interview-Kolumne lesen Sie hier.

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