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Was ist Heimat?:Uns, Wir, Die, Ossis, Wessis

Im Miteinander zeigt sich der Protest: Längst behobene Grenzen scheinen sich wie Anker in das kollektive Gedächnis verhakt zu haben.

(Foto: dpa(2); photocase; Bearbeitung SZ)

In Sachsen ist unsere Autorin plötzlich "Volksverräter" und "Lügenpresse". In München "der Ossi". Über eine Heimat-Rückkehr, die mehr aussagt als Deutschland lieb sein sollte.

Nach der Bundestagswahl, dachte ich, kommt der Neustart. Die Ergebnisse hatten Deutschland schließlich erschüttert. Und sie brachten vor allem eine Gewissheit über meine Heimat Sachsen: Es war nicht mehr nur ein Gefühl, dass hier Menschen rassistischem und menschenfeindlichem Gedankengut anhängen. Es waren jetzt Zahlen: 27 Prozent hatten für die Alternative für Deutschland (AfD) gestimmt. Stärkste Kraft im Bundesland. Die CDU hatte zwei Direktmandate an die neue Kraft eingebüßt. 2019 kommen Landtagswahlen. Und Stanislaw Tillich, der CDU-Ministerpräsident, sagte, er verspüre stark den Wunsch, dass Deutschland Deutschland bliebe.

Gewagte Aussage. Jahrelang konnten sich in Sachsen schließlich rechtsextreme Strukturen entwickeln, ohne dass die sächsische CDU, die lange allein regierte, darin ein Problem sah. In Sachsen liegen Schauplätze heftiger Übergriffe auf Migranten. Dass die die AfD hier hohe Zustimmungswerte erreichte, war keine Überraschung. Als Reaktion verordnete Tillich seiner Partei einen Rechtsruck. Sein Nachfolger tat es ihm gleich. Ich war wütend, enttäuscht - fühlte mich verraten. Schließlich hatte ich vor der Wahl den Entschluss gefasst, wieder zurück nach Sachsen zu ziehen. Auch weil ich glaubte, gebraucht zu werden.

Ich hatte mich für meine Heimat entschieden - doch gehörte ich da wirklich noch hin?

Es gibt keinen schöneren Platz

Das Verhältnis zu meiner Heimat war schon immer zwiespältig: Ich bin in einem kleinen Ort nahe Dresden großgeworden, umgeben von einer aktiven Dorfgemeinschaft. Mit einem rührigen Heimatverein. Ich spielte auf unserer Naturbühne Theater, mein Vater organisiert bis heute kleine Ausstellungen. Von unserem Dorf aus kann ich bis in die Sächsische Schweiz hinein schauen. Es gibt für mich keinen schöneren Platz.

Was ist Heimat?

Jeder Mensch hat eine Heimat. Oder nicht? Oder auch zwei? Eine Artikelreihe untersucht die Ver- und Entwurzelung in bewegten Zeiten. Alle Texte lesen.

Aber ich lernte auch früh, was es heißt, mit Rechtsextremen zu leben - und mit Ohnmacht: Zur Landtageswahl hing an jedem Laternenmast ein NPD-Plakat. In Dresden, dieser wunderschönen Stadt, liefen jahrelang tausende Nazis durch die Straßen, vorbei an der Semperoper, dem Zwinger - und der Synagoge. Gab es Stress, neigte man dazu, die Gegendemonstranten dafür verantwortlich zu machen. "Die provozieren unnötig." Sagten sogar Familienmitglieder.

Eine Freundin aus Hamburg forderte einmal in der S-Bahn zwei Nazis auf, ihre laute Musik auszumachen. Sie warfen eine Bierflasche nach ihr. "Bist du verrückt?", fragte ich sie und bewunderte gleichzeitig ihren Mut. Ich war nicht mutig. Bis heute verfolgt mich diese Szene: Zwei Typen beschimpfen in der S-Bahn ein vietnamesisches Paar. Ich hätte nicht mal was sagen müssen. Es hätte vielleicht schon gereicht, mich zu dem Paar zu setzen. Doch ich tat nichts.

2007 ging ich weg. Lebte auf Distanz: in Bremen, Kasachstan, Russland, Berlin, München. Nach Hause kehrte ich nur als Gast zurück, ich machte Urlaub auf dem Dreiseitenhof meiner Eltern. "Du sächselst gar nicht mehr - willst wohl nicht mehr zu uns gehören", sagte eine alte Schulfreundin irgendwann mal.

Mehr als 20 Jahre nach der Wiedervereinigung gab es wieder Mauern, Unverständnis, Hass sogar Gewalt. 2015, als Neonazis vor einer Asylunterkunft in Heidenau randalierten, war ich als Berichterstatterin vor Ort. Als ich mit einem Bewohner diskutierte, brüllte der mich an: Er lasse sich von mir, einem "Wessi", gar nix sagen. Sieben Jahre war ich in Heidenau zur Schule gegangen. Dass ich Journalistin war und hochdeutsch sprach, ließ den Mann annehmen, dass ich "nicht von hier" komme.

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27 Jahre nach der Einheit ist Deutschland gespalten. In Sachsen stimmte fast jeder Dritte für die AfD, rund um Freiburg wählten 21 Prozent die Grünen. Unterwegs in zwei Regionen, in denen viele Menschen ratlos sind.   Von Matthias Kolb, Freiburg, und Antonie Rietzschel, Pirna

Uns. Wir. Die. Ossi. Wessi. Wo stand ich? In Sachsen war ich: "Volksverräter", "Lügenpresse". In München, wo ich lebte, war ich: der Ossi. Und meine Heimat: gefühltes Krisengebiet.

Entspannt Urlaub machen ging nicht mehr. Zu oft überlagerten sich Erholung und Gesinnung. Fuhr ich Fahrrad in der Sächsischen Schweiz, stand am Straßenrand ein Typ mit "Made in Germany"-Tattoo. Zeigte ich einer Freundin Bautzen stand an einigen Häuserwänden "Nazi-Kiez". Saß ich im Cafe, unterhielt sich eine Familie über "Schlitzis". Besuchten mich Freunde, feuerten sie ihre Nazi-Witze ab. Hahaha. Ich war traurig.