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Was hat euch bloß so ruiniert? (3):New ist das neue Alt

Das Beste zweier Welten: Nu-Metal-Bands verbanden Rap mit Rock und hatten Erfolg. Dann kamen Drogen, Pornos, Sinnlosigkeit. Vom Aufstieg und Fall eines Genres.

J. Beckenkamp und M. König

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Aerosmith, Steven Tyler, AP

Quelle: SZ

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Sie nahmen das Beste zweier Welten: Nu-Metal-Bands wie Limp Bizkit verbanden Rap mit Rock und hatten Riesenerfolg. Dann kamen die Drogen, die Pornos, die Sinnlosigkeit. Vom Aufstieg und Fall eines Genres.

Man nehme: Dicke Bässe, funky Scratches, weite Hosen, Baseball-Caps. Und füge hinzu: kreischende Gitarren, knüppelnde Schlagzeuger, lange Haare, Weltschmerz-Attitüde. Auf dieses Rezept, eine Mischung aus dem Besten von Hiphop und Metal, kamen schon Aerosmith und Run DMC im Jahr 1975, als sie Walk This Way einspielten.

Es dauerte bis Mitte der neunziger Jahre, bis daraus ein Trend wurde, der weltweit die Charts bestimmte. Bands wie Limp Bizkit, Linkin Park oder hierzulande die Guano Apes setzten auf den Stil, der sich anfangs in Skate- und Snowboard-Kreisen unter dem Etikett Crossover großer Beliebtheit erfreute. Als er in den Mainstream abwanderte, wurde daraus Nu (New) Metal oder auch - eine Kategorie, die einst für millionenfache Plattenverkäufe stand - heute für ein nicht mehr zeitgemäßes Genre.

In Anlehnung an ein Lied der Nicht-Metaller Die Sterne fragen wir: Wo fing das an und wann? Was hat euch irritiert? Was hat euch bloß so ruiniert?

Texte: Jonas Beckenkamp und Michael König/sueddeutsche.de/kar/ Foto: Irgendwie ein Vorbild: Steven Tyler bei einem Konzert im Jahr 2009/AP

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Limp Bizkit - Rotkäppchen und der wankelmütige Gitarrist

Wo fing das an und wann?

Fred Durst hat 1995 eine gescheiterte Karriere als Marinesoldat hinter sich und verdingt sich als Tätowierer in seiner Heimat Jacksonville, als er mit Schulfreunden Limp Bizkit gründet. Das George-Michael-Cover Faith ist ein erster Hit, das Album Significant Other bringt den Durchbruch. Mit roter Baseball-Cap (siehe Bild) und weiten Hosen wird Durst schnell zur Mode-Ikone der Nu-Metal-Bewegung. Das Nachfolge-Album Chocolate Starfish and the Hot Dog Flavored Water (2000) belegt Platz eins in den deutschen, amerikanischen und britischen Charts.

Was hat euch irritiert?

Auf dem Höhepunkt des Erfolgs steigt Gitarrist Wes Borland, neben Durst der zweite Ideengeber, aus der Band aus. Limp Bizkit veranstalten daraufhin ein landesweites Casting, um einen Nachfolger zu finden. Tausende Fans nehmen Teil - und sind vergrätzt, als am Ende kein Castingbewerber, sondern Mike Smith, einst Gitarrist der Band Snot, den Job bekommt. Durst behauptet derweil, er habe mit Christina Aguilera und Britney Spears geschlafen - was beide Popstars verneinen.

Was hat euch bloß so ruiniert?

Das Album Results may vary wird auch ohne Borland ein Erfolg. Nicht zuletzt wegen der ungewohnt poppigen Ballade Behind Blue Eyes, die auch als Soundtrack für den Kinofilm Gothika dient, wenden sich viele Fans ab und werfen Durst den Sellout vor. 2005 erscheint ein privates Sexvideo Dursts im Internet - der Sänger behauptet, es sei von seinem PC gestohlen worden. 2009 kündigt die Band an, 2010 werde ein Album namens Gold Cobra erscheinen - mit Limp Bizkit in Originalbesetzung. Den angekündigten Termin für eine erste Single lässt die Band verstreichen.

Foto: Reuters

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Linkin Park - Treue im negativen Sinne

Wo fing das an und wann?

Kalifornische Kunststudenten hoffen im Jahr 1996 dem rauen Arbeitsmarkt zu entgehen, in dem sie sich ganz der Musik hingeben. Das erweist sich zunächst als Irrtum: Unter den Namen Xero und Hybrid Theory bleibt ihnen ein Plattenvertrag verwehrt. Erst nach der Umbenennung in Linkin Park und mit der Hilfe persönlicher Beziehungen gelingt Sänger/Keyboarder Mike Shinoda (im Bild) und Gitarrist Brad Delson mit ihrer sechsköpfigen Combo der Durchbruch. Die Singles One Step Closer und In the End (2002) stürmen die Charts.

Was hat euch irritiert?

Das zweite Album, Meteora , ist musikalisch kaum vom Hit-Debüt Hybrid Theory zu unterscheiden - es kommt allenfalls etwas poppiger daher. Die Verkaufszahlen sind erneut überzeugend. Auch auf dem dritte Album, Minutes to Midnight, bietet die Band wenig Neues. Der Popfaktor wird abermals erhöht, die CD findet starken Absatz. Die Plattenfirma ist glücklich. Die Kritiker schäumen.

Was hat euch bloß so ruiniert?

Von "Fastfood-Metal" und "dramatischer Anbiederung an den Massengeschmack" ist da die Rede, Linkin Park werden mit U2 verglichen und als "Boygroup des Nu Metal" verhöhnt. Im Internet protestieren einstige Fans gegen die Band, deren Rapper Shinoda 2009 ankündigt, das nächste Album werde "experimenteller und hoffentlich innovativer". Im Februar 2010 erscheint der Langspieler LP Undergrund 9 - ein Sampler mit bislang nicht veröffentlichten Demoversionen bekannter Songs.

Foto: AFP

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Papa Roach - Für immer Weltschmerz

Wo fing das an und wann?

Im Windschatten von Limp Bizkit veröffentlichen Papa Roach im Jahr 2000 ihr Debüt-Album Infest, auf dem Sänger Coby Dick (vorne im Bild) alias Jacoby Shaddix seine schwere Kindheit verarbeitet: "It all started when I lost my mother / No love for myself and no love for another / Searching to find a love upon a higher level / Finding nothing but questions and devils", heißt es in der Hit-Single Last Resort. Bei einem Auftritt auf dem Rock-am-Ring-Festival 2001 schleudert sich der Sänger das Mikrofon gegen die Stirn, bis er blutet - so drastisch hat noch kein Nu-Metal-Star seinen Weltschmerz geäußert.

Was hat euch irritiert?

Mit Broken Home kann die Band noch einen Hit nachlegen, das darauffolgende Album trägt den Titel Lovehatetragedy und verkauft sich schlechter. Musikalisch bewegen sich Papa Roach in Richtung des traditionellen Metals. Ihr aktuelles Album Metamorphosis (2009) bekommt von Metal-Fachmagazinen gute Kritiken - allerdings auch nur von denen.

Was hat euch bloß so ruiniert?

Der latent suizidale Gestus des Sängers und dessen beinahe monothematische Lieder langweilen selbst den depressivsten Fan auf Dauer. Derzeit arbeitet die Band nach eigenen Angaben an neuen Songs. Einer von ihnen soll Nemesis heißen - in Anlehnung an die gleichnamige griechische Rachegöttin.

Foto: AP

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Guano Apes - Affen ohne Teppich

Wo fing das an und wann?

1990 gründen drei befreundete Göttinger die Gruppe, vier Jahre später kommt die Frau hinzu, die von da an das Bild der Guano Apes prägen wird: Sandra Nasic, Typ Powerfrau mit Sneakers und weiten Hosen, spricht die Zielgruppe der Band auch optisch an. Mit den Singles Open Your Eyes und Lords of the Boards macht sich die Gruppe in der Snowboard-Szene einen Namen. Das Album Proud Like a God erreicht Platz fünf in den deutschen Charts, der Nachfolger Don't Give Me Names mit dem Alphaville-Cover Big In Japan klettert bis auf Platz eins.

Was hat euch irritiert?

Die Sängerin kommt 2004 - der größte Hype ist vorüber - auf die Idee, dass sich ihre Sonderstellung in der Band auch finanziell ausdrücken müsse: "Es war nicht möglich, Sandra wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen", sagt Schlagzeuger Dennis Poschwatta in einem Interview. Nasic habe geglaubt, sie sei "der geborene Rockstar oder was auch immer".

Was hat euch bloß so ruiniert?

Die Band löst sich 2005 auf, Nasic versucht sich als Solo-Künstlerin. Vier Jahre nach der Trennung spielen die Guano Apes ihre alten Hits auf einigen Festivals und verkünden auf ihrer Website die Versöhnung und ein neues Album: "Die neuen Songs entwickeln sich großartig und wir sind selber super begeistert, wie das Album letztendlich klingen wird." Es scheint, als hätte Frau Nasic inzwischen wieder festen Boden unter den Füßen.

Foto: dpa

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Crazytown - tätowiert zwischen Schmetterlingen

Wo fing das an und wann?

Frisch aus dem Knast in LA entlassen, beschließt der Kleinkriminelle Shifty Shellshock (der blonde Herr vorne im Bild) im Jahr 1996, sein Heil in der Musik zu suchen. Gemeinsam mit Highschool-Buddy Epic Mazur (vorne links) startet Shifty ein Bandprojekt namens Crazytown, aus dem bald schon Gitarrist Rust Epique wieder rausfliegt, weil er lieber Drogen als sein Instrument in die Hände nimmt. Die Band sucht sich Ersatz und landet 2001 ihren einzigen Hit Butterfly. Der Song ist gerade so weit von der Red-Hot-Chilli-Peppers-Nummer Pretty Little Ditty abgekupfert, dass es dafür keinen Ärger gibt.

Was hat euch irritiert?

Womöglich die an Schlichtheit kaum zu überbietende Refrain-Zeile "Come my lady, come come my lady / You're my butterfly, Sugar-Baby", die Shifty auf dem Zenith des Butterfly-Hypes tausendfach in Mikrofone spricht. Als klassischer Fall eines One Hit Wonders gelingt es Crazytown nicht, an den Erfolg anzuknüpfen, was daran liegen mag, dass es die Band nicht wagte, noch ein weiteres Red-Hot-Chili-Peppers-Stück für eigene Zwecke zu nutzen.

Was hat euch bloß so ruiniert?

Der Absturz ist programmiert: Drogenaffin waren die meisten Bandmitglieder von Anfang an (zwei Ehemalige starben bereits wegen Drogenmissbrauchs), weitere Hits bringen sie nicht heraus und mit dem blondierten Piercing-Posterboy Shifty verfügt die Band über einen Frontmann, der lieber in der MTV-Doku-Soap Celebrity Rehab seine Cracksucht öffentlich zu behandeln versuchte, als mit seiner Band an die alten Butterfly-Zeiten anzuknüpfen.

Foto: oh

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P.O.D. - Gottes großer Plan

Wo fing das an und wann?

Im San Diego des Jahres 1992 suchen die vier Freunde Wuv Bernardo, Traa Daniels, Sonny Sandoval und Marcos Curiel (von li. nach re.) nach einer Möglichkeit, ihrem Glauben an Jesus Ausdruck zu verleihen - und gründen eine Nu-Metal-Band. Einen ersten Plattenvertrag lehnen Payable on Death, wie die Band ausgeschrieben heißt, ab, weil "Gott etwas Größeres mit P.O.D. vor hat." 2001 erscheint das Debütalbum Satellite, dessen Auskopplungen Alive und Youth of the Nation die deutsche Hitparade stürmen.

Was hat euch irritiert?

Als sich bei den Nu-Metal-Fans herum spricht, dass in dem Refrain von Alive ("I, I feel so alive / For the very first time / And I think I can fly") keine Drogenerfahrung beschrieben wird, sondern die Nähe zu Gott, sinkt der Coolness-Faktor der Band hierzulande. In den USA feiern P.O.D. Verkaufserfolge in christlichen Buchläden - aber auch das soll sich ändern.

Was hat euch bloß so ruiniert?

Das Nachfolgealbum Payable on Death wird von 85 Prozent der christlichen US-Buchläden aus den Regalen verbannt, weil das Coverbild vermeintlich okkulte Züge trägt: Darauf ist eine halbnackte Frau mit vor der Brust verschränkten Armen und Schmetterlingsflügeln zu sehen, deren Beine gefesselt sind. Die Band ruft ihre Fans auf, christliche Buchläden zu boykottieren. Teile der Fans verweigern allerdings auch den Kauf der CD - im Vergleich zum Hit-Album Satellite sind die Verkauszahlen schwach. Dieser Trend setzt sich bei den nachfolgenden Alben Testify und When Angels & Serpents Dance fort - vermutlich gemäß des Plans, den Gott für P.O.D. hat.

Foto: oh

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System of a Down - vom Ruhm gelangweilt

Wo fing das an und wann?

Die armenischstämmigen Amerikaner John Dolmayan, Daron Malakian, Serj Tankian und Shavo Odadijan (von li. nach re.) tingeln 1994 mit ihrer Band System of Down (SoaD) durch Kalifornien, als die Produzentenlegende Rick Rubin ihnen einen Plattenvertrag verschafft und sie in sein Studio einlädt. Dort entsteht 1998 das selbstbetitelte Debütalbum, das dank der Single Sugar Aufsehen erregt. Der Durchbruch folgt 2001 mit Chop Suey und dem Album Toxicity, das bis heute als eines der Standardwerke des Nu-Metal betrachtet wird. Der Einfluss auf die Musikszene ist so groß, das die Metal-Veteranen Metallica den SoaD-Stil für ihr Album St. Anger (2003) großzügig übernehmen.

Was hat euch irritiert?

Der Erfolg hat langfristig nicht den gewünschten Effekt: "Du gehst raus auf die Bühne und erwartest schon, dass sie deinen Namen schreien", klagt Drummer Dolmayan. Die Band langweilt sich - und macht dem Treiben vorerst ein Ende.

Was hat euch bloß so ruiniert?

2006 beschließen SoaD, eine unbefristete Pause einzulegen. Sänger Tankian wandelt erfolgreich auf Solo-Pfaden. Andere Bandmitglieder - darunter Dolmayan - verdingen sich in der Rockband Scars on Broadway. Eine Wiederbelebung von SoaD werde es in "sechs, sieben Jahren" geben, sagt der Schlagzeuger 2008 in einem Interview - bis dahin soll die Langeweile verflogen sein.

Foto: oh

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Korn - Prediger mit Porno-Präferenz

Wo fing das an und wann?

In den Tiefen des kalifornischen Hinterlandes gibt 1993 die Gemeinsamkeit der langen Haare den Ausschlag dafür, dass der Hobbyguitarrist James Shaffer (im Bild mit Schwert) mit den beiden klampfenden Kumpels Reginald Arvizu und Brian Welch eine Band gründet, anstatt weiterhin Bierdosen auf dem Mall-Parkplatz in Tonnen zu treten. Als sich zu den drei Moshbrüdern noch Drummer David Silveria und Sänger Jonathan Davis gesellen, steht dem Aufstieg der Band Korn nichts mehr im Wege. Ein Umzug nach LA und einige Studio-Stunden später ist der tatowierte Langhaar-Fünfer 1994 mit dem Debütalbum Korn das Next Big Thing am Alternative-Himmel. 1998 gelingt mit der Single Freak on a Leash der Durchbruch auf dem Massenmarkt.

Was hat euch irritiert?

Schnell macht sich die Gruppe einen Namen als grölende Gitarrenprediger des White Trash. Die Mittelschicht-Kids, denen Nirvana zu introvertiert und Offspring zu punkig sind, finden bei Korn ihre popkulturelle Erlösung. Die Musikpresse kürt die Band zu den Aposteln des Nu-Metal, in den Vorstädten häufen sich auf Autos die Aufkleber des Bandlogos und wo die Rockerjugend früher in langen offenen Haaren über den Dorfplatz flanierte, gilt jetzt: Stirnband und Rastas bis zur Gürtelschnalle. Korn werden zum Proll-Phänomen der Neunziger und scheitern letztlich an ihren eigenen Ansprüchen: Innerhalb der Band häufen sich Unstimmigkeiten über den eigenen Sound, der über die Jahre immer düsterer und verquerer wird.

Was hat euch bloß so ruiniert?

Frontmann Davis tauscht trotz konstant guter Verkaufszahlen das Mikrofon immer öfter gegen den Korn aus der Flasche und beschäftigt sich im Zuge seine Depressionen eher mit Prozac und Pornos als mit progressiver Rockmusik. 2005 steigt Gitarren-Mastermind Welch aus, um sich in Zukunft ganz auf seinen Zitat "Erlöser Jesus Christus" zu konzentrieren, und Ende 2006 nimmt auch Drummer Silveria eine Auszeit wegen eines Burn-Outs. Das Schlagzeug-Geprügel hat ihm außerdem die Gelenke ruiniert. 2010 kündigt die Band ein neues Album an. Der Titel klingt wie eine Ermahnung: Korn III - Remember Who You Are

Foto: oh

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