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Wannsee-Konferenz:Mörder unter sich

"Villa Minoux", 1930er Jahre © GHWK Berlin

Die "Villa Minoux", das spätere Haus der Wannsee-Konferenz, in der Dreißigerjahren.

(Foto: GHWK Berlin)

"Rund elf Millionen Juden" als potenzielle Opfer: Eindrucksvoll dokumentiert die neue Dauerausstellung im Berliner Haus der Wannsee-Konferenz, wie harmonisch die Ausweitung der Vernichtungspolitik beschlossen wurde.

Es gibt viele Gedenkstätten in Berlin, deren Standorte als Zeitzeugen die Ausstellungsobjekte rahmen. Der Bendlerblock, Dienstsitz der Obersten Heeresleitung, in dessen Hof die Verschwörer des 20. Juli hingerichtet wurden, beherbergt die Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

Die "Topographie des Terrors" dokumentiert auf dem Gelände des Prinz-Albrecht-Palais, wie Gestapo, Sicherheitsdienst der SS und Reichssicherheitshauptamt agierten. Zentrum der Gedenkstätte Plötzensee ist der Raum, in dem die Opfer der NS-Justiz hingerichtet wurden.

Die 1992 eröffnete Gedenk- und Bildungsstätte "Haus der Wannsee-Konferenz" liegt weitab von den Zentren des Militärapparats, der Justiz und der Regierung. Zum Skandal der Wannsee-Konferenz gehört, dass Reinhard Heydrich, seit Kriegsbeginn Chef des Reichssicherheitshauptamts, zur "Besprechung über die Endlösung der Judenfrage" am 20. Januar 1942 in die von der SS Ende 1940 erworbene Industriellenvilla am Wannsee lud.

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Sie diente als Erholungsort und Gästehaus, und es erwies sich, dass die vorsätzlich entspannte Atmosphäre nicht durch Kontroversen gestört wurde. Die Vertreter von SS und Polizei, der Ministerien, der Besatzungsverwaltung in den eroberten Gebieten und der Partei waren sich meist einig.

Wer die neue Dauerausstellung besucht, die in der Villa am Wannsee von kommenden Montag an, dem 78. Jahrestag der Konferenz, zu sehen ist, sollte sich die Zeit nehmen, bei der Annäherung einen Blick in die Nachbarschaft zu werfen. Denn hier liegt die 2006 zum Museum gewordene Villa Max Liebermanns.

Im Wort "Evakuierung" verbirgt sich die Deportation mit dem Ziel der Vernichtung

Ihre Geschichte zeigt, wie die in den Bildern des großen Malers und seiner Kollegen festgehaltene großbürgerliche Idylle des frühen zwanzigsten Jahrhunderts in die Topografie des Terrors einbezogen wurde.

Martha Liebermann, die Witwe des 1935 gestorbenen Malers, wurde 1940 gezwungen, Grundstück und Villa an die Deutsche Reichspost zu verkaufen, Anfang März 1943 entzog sie sich der Deportation nach Theresienstadt durch die Einnahme einer Überdosis von Veronal. Sie war ein Opfer der Vernichtungspolitik, über die am Wannsee beraten worden war.

Schreibmaschinengeräusche hört der Besucher im ersten Raum der neuen Dauerausstellung. Er kann in der Projektion an der Wand den Text von Heydrichs Einladung mitlesen, der auf der unsichtbaren Maschine getippt wird.

Die Neueröffnung findet in einer Zeit statt, in der sich die Gedenkstätten in Deutschland nicht mehr auf einen verlässlichen gesellschaftlichen Konsens über die Erinnerungspolitik stützen können. Wohl aber auf eine hoch differenzierte Forschung zum Thema und auf neue Technologien der Präsentation.

Vor der Vernichtung stand die Ausgrenzung: Hitlerjungen vor einem Schild in Behringersdorf bei Nürnberg 1933.

(Foto: Deutsches Historisches Museum Berlin)

Die Vorgängerausstellung aus dem Jahr 2006 wurde noch im Echoraum der Debatten über die erste und zweite Wehrmachtsausstellung konzipiert. Die wissenschaftlich korrekte Präsentation der Dokumente war ihr Hauptanliegen, sie wollte vor den Augen einer historischen Kommission bestehen.

Der Direktor des Hauses, Hans-Christian Jasch, und sein Team, wollen das auch, aber vor allem möchten sie möglichst vielen Besuchergruppen gerecht werden. Das Konzept dafür lautet "Design für alle". Es verdankt sich nicht dem Fortschritt der Geschichtswissenschaft, sondern den Inklusionsnormen der Museen.

Zu Recht wird dabei vorausgesetzt, dass nicht einen quellenkritischen Grundkurs gemacht haben muss, wer die schriftlichen Dokumente und Fotografien betrachtet. An einer der "Partizipationsstationen" wird erläutert, welche Aufschlüsse Stempel, Absender, Adressat oder etwaige Kommentare auf dem Dienstweg ergeben. An Touchscreens lassen sich Akten aufblättern, an akustischen Stationen Stimmen von Opfern aufrufen, deren Briefe, Tagebücher oder Proteste Eva Mattes, Iris Berben, Hanns Zischler und Boris Aljinovic lesen.

Neben dem dreisprachigen - Deutsch, Englisch, Hebräisch - Audioguide für einen etwa 60-minütigen Besuch gibt es taktile sowie Blindenschrift-Angebote für Seheingeschränkte und einen Mediaguide in Gebärdensprache. Die Beschriftungen zu Karten, Dokumenten, Fotografien sind in einfacher Sprache und kurzen Hauptsätzen verfasst, in denen sich Fremdwörter natürlich nicht vermeiden lassen.

Im Wort "Evakuierung" verbirgt sich die Deportation mit dem Ziel der Vernichtung. Im ehemaligen Speisezimmer der Villa, das an den Wintergarten angrenzt, dort, wo aller Wahrscheinlichkeit nach die Konferenz stattfand, liegt das Faksimile des von Adolf Eichmann verfassten Protokolls der Konferenz vollständig aus.

Die "Evakuierung" ist darin ein Schlüsselwort, ihre Richtung verläuft von West nach Ost. "Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen rund 11 Millionen Juden in Betracht", die in langen Zahlentabellen aufgeführt und ihren Herkunftsländern zugeordnet werden. Den Zahlentabellen entsprechen die kategorialen Definitionskaskaden der Unterscheidung von "Mischlingen" verschiedener Grade und ihrer Nachkommen.

Gelöste, alkohol- und tabakgeschwängerte Stimmung nach dem Ende der Besprechung

Die Ausstellungsmacher standen vor der Aufgabe, die in diesem Raum versammelte geballte Vernichtungsenergie anschaulich zu machen und zugleich den Eindruck zu vermeiden, die Konferenz sei eine Kommandozentrale gewesen, die am Beginn der Ausrottungspolitik gestanden habe.

Die Lösung dieser Aufgabe gelingt ihnen zum einen dadurch, dass der Weg in den Konferenzraum "von der Ausgrenzung zum Massenmord" geführt hat. Die Massenerschießungen an den osteuropäischen Kriegsschauplätzen hatten längst begonnen, als die Konferenz stattfand.

Zum anderen sind auf den Drehtafeln vor dem großen Fenster zum Wannsee hin die Konterfeis der 15 Konferenzteilnehmer unübersehbar mit ihren Dienstfunktionen und den Institutionen gekoppelt, seien es SS und Polizei, Justiz-, Innen- oder Außenministerium, Besatzungsverwaltung oder Kanzlei der NSDAP. Sie vertreten den gesamten Regierungs- und Herrschaftsapparat.

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Adolf Eichmann, der Protokollant der Konferenz, hat über die gelöste, alkohol- und tabakgeschwängerte Stimmung nach dem Ende der Besprechung berichtet, die auch deshalb allenfalls ein, zwei Stunden dauerte, weil Heydrichs Auftritt als Gesamtkoordinator aller beteiligten Institutionen auf keinerlei Widerstand stieß.

In Eichmanns Aussagen bei seinem Prozess in Israel 1961/62 ist der Effekt greifbar: Enthemmung durch Konsens. Die Wannsee-Konferenz steht nicht für die Initiation, sondern die im anschließenden Raum gezeigte "Ausweitung der Mordpolitik" unter den Bedingungen des Krieges, im Bündnis mit lokalen Energien, die, etwa in der Ukraine oder Rumänien, den Vernichtungsaktionen zuarbeiteten.

Die Ausstellungsmacher haben sich entschieden, nicht auf drastische Gewaltbilder, die Massenerschießungen dokumentieren, zu verzichten. Gegen die unvermeidliche Anonymisierung der Opfer in den visuellen Dokumenten setzen sie die Opferstimmen, vom Kölner Geschäftsmann Richard Stern, der am 1. April 1933 gegen den Boykott jüdischer Geschäfte opponiert, bis zu Elisabeth Lefkovits, die Bergen-Belsen überlebt hat und im Mai 1945 im Lazarett der britischen Armee liegt.

Eine der eindrucksvollsten Stimmen der Ausstellung ist die von Robert M.W. Kempner, 1899 in Berlin geboren, der als Jude ins Exil ging und stellvertretender Hauptankläger für die USA bei den Nürnberger Prozessen wurde. Er schildert im Originalton, wie das Protokoll der Konferenz gefunden wurde.

Niederschmetternde Beispiele von Straflosigkeit und rascher Haftentlassung

Zu Recht kehrt die Ausstellung von den Dokumenten zur Ausweitung der Mordpolitik und zur innergesellschaftlichen Akzeptanz der Verfolgungen noch einmal zu den Akteuren der Konferenz zurück, zu den Biografien der Überlebenden nach 1945. Es sind niederschmetternde Beispiele von Straflosigkeit und rascher Haftentlassung.

Der Jurist Gerhard Klopfer etwa, Abteilungsleiter in der Partei-Kanzlei der NSDAP, arbeitete von 1956 an als Rechtsanwalt in Ulm und starb 1987 unbehelligt.

Joseph Wulf, der Pionier der Holocaust-Forschung, der sich 1974 das Leben nahm, drang mit seiner Forderung nach einem Studienzentrum am Ort der Wannsee-Konferenz nicht durch. Die Geschichte der Villa nach 1945 ist ein Spiegel der jungen Bundesrepublik.

Wie früh der "Revisionismus" begann, die Leugnung der Vernichtung, beleuchtet das Schlusskapitel der Ausstellung, der viele Besucher zu wünschen sind. Ursprünglich sollte eine "Partizipationsstation" nach dem Verhältnis der Ausgrenzung von Juden aus dem Strandbad Wannsee und Zugangsbeschränkungen für Migranten in kommunalen Schwimmbädern 2015/16 fragen. Diese Aktualisierung um jeden Preis wurde fallen gelassen, zum Glück.

Die Besprechung am Wannsee und der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden. Berlin, Haus der Wannsee-Konferenz, ab 20. Januar.

© SZ vom 18.01.2020/odg
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