"Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" im Kino:Kindheitssouvenirs

Lesezeit: 3 min

Arsseni Bultmann spielt den jungen Joachim Meyerhoff (links), neben ihm Pola Geiger: Szene aus "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war". (Foto: Frédéric Batier/Warner)

"Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war?", hat Burg-Schauspieler Joachim Meyerhoff in seinem Bestseller gefragt. Und Sonja Heiss antwortet: im Kino.

Von Josef Grübl

Der Nabelschau eilt nicht der beste Ruf voraus, man verbindet sie mit peinlichen Promi-Bekenntnissen, Narzissmus oder zu kurzen Damenpullovern. Alternative Nabelschauen können aber auch bezaubernd sein, so wie im neuen Film von Sonja Heiss: Da verbringt eine Familie einen Tag am Strand, und der siebenjährige Sohn will die Heimfahrt so lange wie möglich hinauszögern. "Bitte noch einen Bauchnabel voll", bettelt er. Der Vater erlaubt es, und so wird mit zittrigen Kinderhänden Meerwasser ins Rund in der Mitte des dicken Papabauchs gefüllt - bis es verdunstet, darf der Sohn weiterspielen. "Ist noch was drin", fragt er einmal. Der Vater steckt den Finger in den Nabel und sagt: "Ja, hast noch Zeit."

Mit diesem kindlichen Gedankensouvenir beginnt "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war"; der Film basiert auf dem autobiografischen Buch von Joachim Meyerhoff und feierte gerade Premiere in der Berlinale-Sektion Generation. Der Schauspieler ist Erinnerungsarbeiter in eigener Sache, am Wiener Burgtheater feierte er große Erfolge mit Erzählungen aus seiner Kindheit und Jugend. "Alle Toten fliegen hoch" hieß dieses Programm, es wurde 2009 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Später schrieb Meyerhoff es in mehreren Büchern auf, jedes einzelne davon wurde ein Bestseller.

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Dabei ist es mit der Verlässlichkeit von Erinnerungen nicht weit her, man kennt das ja selbst. Gedankenreisen in die Kindheit sind mühsam, vieles ist komplett weg, anderes stützt sich nur auf Erzählungen. Und je öfter man von besonders denkwürdigen Erlebnissen spricht, desto mehr Eigenleben nehmen sie an. Davor ist auch Joachim Meyerhoff nicht gefeit, er macht daraus kein Geheimnis: Erfinden heißt Erinnern, schreibt er einmal und erzählt von einem toten Mann, den er als Kind auf dem Schulweg hinter einer Hecke gefunden hat. Indem er etwas dazudichtete, sich die Geschichte aneignete und überhöhte, habe er die Wahrheit gefunden. Endlich wurde es also so, wie es vielleicht nie war.

Geschichten wie jene vom Toten hinter der Hecke gibt es im Buch wie im Film viele. Die Struktur der Vorlage ist episodisch, die Jahre vergehen, der Autor verbindet skurrile Anekdoten mit todsicheren Pointen. Und der Tod begegnet dem jungen Meyerhoff früh, nicht nur hinter der Hecke. Zunächst muss er sich von geliebten Haustieren verabschieden, später von Familienmitgliedern. Als Sohn eines Psychiatriedirektors wächst er auf dem Klinikgelände der größten Kinder- und Jugendpsychiatrie Schleswig-Holsteins auf. Berührungsängste mit den Patienten hat er keine, sie gehören zur Familie dazu. Ihre Schreie in der Nacht beruhigen ihn, man feiert gemeinsam Geburtstage oder steht Spalier bei Politikerbesuchen. In eine depressive Patientin, die sich nur von Bifi-Würstchen ernährt, wird er sich sogar verlieben.

Ein Weihnachten säbelt die famose Laura Tonke alles nieder

Sonja Heiss hat vieles davon in ihrem Film übernommen, die Episodenstruktur und der trockene Humor liegen ihr. Das kennt man aus ihrem Romandebüt "Rimini" oder dem vorherigen Film "Hedi Schneider steckt fest", die ebenfalls beide von brüchigen Familienbünden erzählten und das Komische mit dem Tragischen verbanden. Hier verdichtet und visualisiert sie (gemeinsam mit dem belgischen Kameramann Manuel Dacosse) Anekdoten zu hinreißenden Comedy-Nummern, anderes lässt sie weg - die irre Blutsbrüderschaft mit dem Familienhund etwa.

Gleichzeitig beschreibt sie den Zerfall der Familie: Aus einem im Buch nur auf wenigen Zeilen erzählten Weihnachtsstreit macht sie eine Ehekrise mit Elektromesser. Da säbelt die famose Laura Tonke als Mutter alles nieder, selbst die Stifter-Gesamtausgabe des Vaters (ebenfalls stark: Devid Striesow) muss daran glauben. Da sich die Geschichte über zwei Jahrzehnte erstreckt, wechseln die Kinderdarsteller im Laufe der Jahre. Das Casting der Psychiatriepatienten ist divers.

Als es am Ende nichts mehr zu lachen gibt, als die Ehe der Eltern endgültig gescheitert ist und mehrere Tote oder Todkranke zu beklagen sind, schlägt die Regisseurin einen neuen Ton an. Da stehen die Elternbetten, die im Laufe des Films immer weiter auseinandergerückt wurden, plötzlich wieder nebeneinander. Da kehren Mutter und Sohn noch einmal in ihr altes Zuhause zurück. Das ist nicht mehr schreiend komisch, sondern geht ans Herz. Und die Familie stellt sich lange verdrängten Wahrheiten, die weit mehr sind als reine Nabelschau.

Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war , D 2023 - Regie: Sonja Heiss. Drehbuch: Sonja Heiss und Lars Hubrich, nach dem Roman von Joachim Meyerhoff. Mit: Laura Tonke, Devid Striesow, Arsseni Bultmann. Warner, 116 Minuten. Kinostart am 23. Februar 2023

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